Porträt der Woche

An drei Orten zu Hause

Ilanit Spinner lebte auf Mallorca, in Tel Aviv und ist heute TV-Reporterin in München

17.03.2016 – von Katrin DiehlKatrin Diehl

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An diese Schulaufführung erinnere ich mich noch genau. Ich habe ein schickes Kostümchen angezogen, eine große Brille auf meine Nase gesetzt und so etwas wie ein Mikrofon in meine rechte Hand genommen. »Na, wer bin ich?«, habe ich gefragt. Die Idee war, sich als die Person zu präsentieren, die man in zehn Jahren sein würde, und für mich stand fest: In zehn Jahren bin ich CNN-Nachrichtenreporterin.

Der Wunsch, Journalistin zu werden, war bei mir schon ganz früh da. Alles, was nach der Schule kam, ging gezielt in diese Richtung.
Am liebsten hätte ich ja gleich beim Fernsehen angefangen, das fand ich als 17-Jährige einfach cool, aber meine Eltern waren da ein bisschen anderer Meinung.

»Nee, nee«, haben die gesagt, »lerne du mal von der Pieke auf.« Damit meinten sie, dass ein Journalist zuallererst das Schreiben beherrschen sollte, wissen muss, wie man einen guten Artikel hinbekommt, wie man ordentlich recherchiert. Fernsehen käme dann schon automatisch, meinten sie.

zufall Ich war damals in England an der Uni, habe auf meine Eltern gehört und mit Print angefangen. Glücklicherweise, muss ich heute sagen, denn meine Eltern hatten recht. Während der Semesterferien habe ich bald erste Praxiserfahrungen bei CNN und RTL-Aktuell gesammelt, mich nach dem Bachelor auf Middle Eastern Studies spezialisiert inklusive einem Jahr in Tel Aviv.

Für den Master-Abschluss ging es wieder zurück nach London. Zum Bayerischen Rundfunk bin ich eigentlich per Zufall gekommen. Ich habe mich beworben und hatte das Glück, dass zwei meiner Kolleginnen auf dem Sprung ins Ausland waren.

Mein Chef sagte: »Noch ein bisschen grün hinter den Ohren, aber wir können es ja mal versuchen; wenn es funktioniert und du mit uns und wir mit dir warm werden, dann ist alles gut, wenn nicht, dann waren es halt drei, vier Monate, die wir uns geleistet haben.« Tja, es hat offensichtlich funktioniert. Alles ist gut, und ich bin längst angekommen beim Bayerischen Fernsehen mit Sitz im Münchner Stadtteil Freimann.

kindheit München ist die Stadt, in der ich 1984 geboren wurde. Bis zur dritten Klasse war ich in der Sinai-Schule, mein Bruder bis zur zweiten, und dann ist die ganze Familie nach Spanien umgezogen, nach Mallorca. Schule, Sportverein, Ballett-Unterricht, Freunde, Abi – alles in Spanien. Der Unterricht an der Schule fand halb-halb statt: halb Englisch, halb Spanisch.

Nach dem Abi ging ich nach England, im Rahmen eines Austauschprogramms auch nach Australien und Israel, bis ich arbeitsbedingt wieder nach Bayern, nach München, zurückgekehrt bin. Diese Kindheit in Mallorca möchte ich aber auf keinen Fall missen, und es ist tatsächlich gut möglich, dass ich dort jüdischer aufgewachsen bin, als das in München der Fall gewesen wäre.

Unsere Gemeinde auf Mallorca war ziemlich klein. Jeder wusste, dass es auf ihn ankommt. Und das spürte man. Mein Religionslehrer zum Beispiel war richtig toll, ein älterer Herr, der wie ein Opa für mich war und der ungefähr 20 Sprachen beherrschte. Sonntags war Religionsunterricht angesagt, und zwar den ganzen Vormittag lang.

batmizwa Ich habe auf der Insel meine Batmizwa gemacht, wir sind fast jeden Freitag in die Synagoge gegangen. Ich war richtig stolz auf meine kleine Gemeinde. Mein Vater hatte sich dann irgendwann dafür eingesetzt, dass sie umgebaut, vergrößert und verschönert wurde, und das machte mich noch stolzer. Zu Tu Bischwat sind wir immer zum jüdischen Friedhof spaziert, haben Bäume gepflanzt. Richtig schön war das. Dass wir jüdisch traditionell aufwachsen, war unseren Eltern wichtig, und wir wären da sicher nicht hingezogen ohne die Möglichkeit, ein jüdisches Leben zu führen.

Meine Kollegen beim Sender wissen alle, dass ich jüdisch bin. Ich verheimliche da nichts. Klar kommen dann die jüdischen Themen zu mir, alles andere wäre ja auch seltsam. Die jüdischen Kulturtage, die Verleihung der Ohel-Jakob-Medaille, die Jewrovision, das ist natürlich alles meins.

Und wenn die Gemeinde mich anfragt, irgendetwas zu moderieren für die WIZO oder für Makkabi, dann freut mich das. Mir ist das wichtig, und ich bin da auch sehr gerne dabei, sofern mir mein BR-Terminplan das irgendwie möglich macht.

Mein Bereich beim BR ist die »Aktualität«, ich gehöre zur Stammredaktion der Rundschau. Das bedeutet: Wir senden viermal am Tag, starten am frühen Morgen und enden spät in der Nacht. Läuft eine Sendung, muss immer ein Reporter vor Ort sein. Je nach Schicht ist man also zu dieser oder jener Tageszeit im Studio, nimmt an Sitzungen teil oder ist unterwegs, geht zum Gericht, auf irgendeine Messe. Man steigt in den BR-Kleinbus, fährt zum Dreh, danach zurück in den Sender, geht zum Schnitt, textet.

Fürs Sozialleben ist der unregelmäßige Arbeitsrhythmus natürlich schwierig. Gibt es Tage, an denen ich erst gegen 17 Uhr anfange, und ein gemütliches Frühstück mit Freunden wäre möglich, dann sagen die mir natürlich: »Schätzchen, weißt du was? Wir müssen leider gerade arbeiten.«

balkan Wegen der Flüchtlingsgeschichte habe ich meinen kompletten Sommerurlaub abgesagt. Im vergangenen Jahr war sozusagen die gesamte Balkanroute mein Spezialgebiet. Ich war in Ungarn, in Kroatien, in Serbien, habe das komplette Flüchtlingsprogramm durchgemacht, und ich kann nur eines sagen: Das zu erleben, ist wirklich etwas anderes, als wenn man im gemütlichen Fernsehsessel diese Bilder an sich vorbeiziehen lässt.

Ich habe mit gestandenen Kameramännern gedreht, und auch die waren abends fix und fertig. In Ungarn war es am härtesten, gerade in der Anfangszeit. Da sieht man Szenen – nachts ist es kalt, Erwachsene sind verzweifelt, Kinder schreien, haben nichts zum Anziehen, sind hungrig und durstig, überall stinkt es. Mitten in Europa. Mein Kamerateam und ich, wir haben dann irgendwann ein Zelt mit unserem Klebeband wieder einigermaßen aufgebaut, damit die Leute sich wenigstens irgendwo geschützt hinlegen konnten. Ich habe noch nie so viel Essen und Kleidung verteilt wie dort. Nach ein paar Tagen hat sich die Lage dann gebessert. Die Hilfsorganisationen kamen an, und auch ganz einfache Menschen mit großen Tüten.

Was mir noch besonders im Gedächtnis geblieben ist: Ich habe noch nie so viele gut erzogene Kinder erlebt. Wenn wir gefragt haben, ob sie etwas trinken wollen, dann sahen sie erst einmal abwartend zur Mama. Kam dann ein Okay, haben sie sich immer wieder bedankt. Damit ist in meinem Beruf also ab und an zu rechnen, dass ein Anruf kommt und es heißt: »Könntest du übermorgen hierhin oder dorthin fliegen?« Solche spontanen Anfragen sind ein bisschen sportlich, aber ich mag dieses Leben. Dafür bin ich Journalistin geworden.

Besonders gerne wäre ich natürlich als Israel-Korrespondentin fürs deutsche Fernsehen unterwegs. Aber leider stellt die ARD aus Sicherheitsgründen dort niemanden ein, der einen israelischen Pass hat. Und den habe ich nun einmal, neben dem deutschen.

reaktionen Meine Eltern versuchen, auf Mallorca immer vor dem Fernseher zu sitzen, wenn ich zu sehen bin. Mein Papa ist mein größter Fan, aber auch mein größter Kritiker, und was er sagt – »zu schnell gesprochen, nicht so gut verständlich« –, nehme ich wirklich ernst.

Ich kriege auch ab und zu Reaktionen aus der Gemeinde. Da haben sich zum Beispiel schon mal besorgte Stimmen gemeldet, wenn der Magen David am Bändchen, das ich um mein Handgelenk trage, zu sehen war. Das hat mich berührt. Na ja, und trotz des vollen Stundenplans versuche ich, auch noch ein bisschen Freizeit hinzukriegen. Ich mache sehr gerne Sport, habe fürs Golfen bei einer Makkabiade sogar schon einmal Gold geholt.

Israel muss auch mindestens einmal im Jahr sein. Ich habe das große Privileg, an drei wunderbaren Orten zu Hause zu sein: in München, auf Mallorca und in Tel Aviv. Ach ja, und damit es nicht zu viel Freizeit wird, schreibe ich an der Uni Innsbruck gerade auch noch an meiner Doktorarbeit in Sprach- und Medienwissenschaft. Wer weiß, wofür es gut ist.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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