Gottvertrauen

Nur keine Angst

Wie wir mit Sorgen vor Veränderung und Furcht vor dem Fremden umgehen können

25.02.2016 – von Rabbiner Julian Chaim SoussanRabbiner Julian Chaim Soussan

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Pfefferspray, Gaspistole, Elektroschocker: Immer mehr Bundesbürger rüsten auf. Sie sagen, dass sie sich schützen wollen, dass sie Angst haben. Die Schlagzeilen der Flüchtlingskrise, die Ereignisse in Köln – sie tragen zur Beunruhigung bei.

Wir leben in unruhigen Zeiten. Uns Juden treibt die Sorge vor einem importierten Antisemitismus um, auch Rassismus und Judenhass von Rechts machen immer mehr Sorge. Angesichts der Bilder aus Bautzen und Clausnitz kann es einem vor dem Mob angst und bange werden.

Und das sind nur die durch die aktuelle Lage bestimmten Ängste. Die größte Angst haben die Bundesbürger davor, unheilbar krank zu werden, ergab jetzt eine aktuelle Umfrage. An zweiter Stelle steht die Angst, im Alter zum Pflegefall zu werden, gefolgt von der Angst, in wirtschaftliche Not zu geraten.

ratgeber Angst ist ein beherrschendes Gefühl. Immer mehr Menschen scheinen derzeit stark verunsichert. Viele fragen sich, wie sie damit umgehen können. »Angst ist kein guter Ratgeber«, höre ich dann oft – und denke mir, dass diese vermeintliche Weisheit selbst kein guter Ratschlag ist.

Angst ist nicht per se negativ. In den biblischen Sprüchen Salomos (Mischlej, 28,14) heißt es: »Aschrej adam mefached tamid« – Wohl dem, der sich stets fürchtet. Was damit gemeint ist? Die Angst vor G’tt, Jirat Schamajim. So wie unsere Kopfbedeckung, die Kippa, im Jiddischen »Jarmulke« genannt wird. Das Wort kommt von Jirat Malka, die Furcht vor dem König. Die G’ttesfurcht schützt uns vor allen anderen Ängsten, zumindest vor den unbegründeten. Wer g’ttesfürchtig ist, der weiß, alles ist in G’ttes Händen.

Er weiß aber auch, dass Angst ein notwendiges Signal sein kann, das uns vor Gefahren schützt. So wie die Tora von der Angst Jakows erzählt, der seinen Bruder Esaw in Begleitung von 400 Soldaten »sehr fürchtet«. Seine Angst bringt ihn zu der weisen Entscheidung, zu beten, den Bruder mit Geschenken milde zu stimmen – und sich gleichzeitig auf eine Schlacht vorzubereiten.

xenophobie Wir sollten unsere Ängste ernst nehmen, uns ihnen stellen. Ich habe dazu kürzlich Einiges von Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen, einem der führenden Angstforscher in Deutschland, gelesen. Er meint, viele Ängste seien zum Teil genetisch bedingt. Zum Beispiel sei die Angst vor dem Fremden, die Xenophobie, eine archaische Urangst. Man tat in der menschlichen Frühgeschichte alles, um andere fernzuhalten. Konkurrenz um Nahrung, Partner oder Territorium gefährdete das Überleben. Auch die Angst vor Spinnen und anderem damals gefährlichen Getier steckt tief in uns, obwohl diese Tiere in unseren Breitengraden heute nur noch selten lebensbedrohend sind.

Bandelow spricht von einem »primitiven Angstsystem« und vom »Vernunftgehirn«, die im Widerstreit liegen. Intelligenz schützt nicht vor dieser uralten Angst. Das Angstsystem reagiert nicht auf entkräftende Fakten, schon gar nicht bei Gefahren, die uns neu und unbeherrschbar erscheinen, vom Beispiel bei der neuen gewaltsamen Form von Übergriffen, dem islamistischen Terror oder einem neuen Virus. Auf so etwas reagieren Menschen immer sehr stark und überschätzen die Gefährdung.

Alle primitiven Ängste sind sehr leicht aktivierbar. Dem kann man im politischen Diskurs kaum wirkungsvoll begegnen, weil nur der rationale Anteil des Gehirns den Fakten zugänglich ist.

verunsicherung Typisch ist auch, dass sich Menschen in Angstsituationen eher zurückziehen, die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden lieber vermeiden, stattdessen die Bestätigung der eigenen Meinung suchen. Die Zeit der Verunsicherung ist die Zeit der einfachen Antworten. Und die geben – bezogen auf die aktuelle Sorge vor gesellschaftlichen Veränderungen – die Rechtspopulisten. Demagogen nutzen die Situation, schüren die Angst noch weiter.

Die Tora gibt die Anweisung, bestimmte Personen nicht in den Krieg ziehen zu lassen. Dazu gehören Frischvermählte, aber auch diejenigen, die Angst haben. Es stellt sich die Frage, ob nicht jeder Angst haben sollte, der sich auf den Kampf vorbereiten muss. Die rabbinische Antwort lautet: Jein. Einerseits sollte jeder – siehe oben – von der Ehrfurcht vor dem Schöpfer begleitet sein, aber auch so viel G’ttvertrauen haben, dass er nicht von seinen Sorgen gelähmt wird. Der Sinn der biblischen Anweisung ist eher, dass diejenigen, die selbst angsterfüllt sind, auch unter anderen Angst verbreiten. Angst steckt an, und das ist nicht hilfreich. Wie eben derzeit die schon erwähnte Angstmache der Rechtspopulisten.

Wir müssen uns unserer Ängste nicht schämen. Doch sollten wir versuchen, so rational wie möglich mit ihnen umzugehen. Wir alle haben Angst vor dem Tod. Aber das ist irrational, denn das Ende des Lebens auf dieser Welt wird für uns alle kommen. Viel rationaler ist hingegen die Angst, unser Leben nicht richtig zu leben. Also leben wir, mit so viel Zuversicht und G’ttvertrauen wie möglich – und so wenig Angst wie nötig.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

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