Lernen

In die Zukunft investieren

Ein Zehn-Punkte-Programm für den Religionsunterricht: Wir brauchen authentische Pädagogen, eine gründliche Ausbildung, ehrliche Evaluation, gute Hebräischkenntnisse und Schülerreisen nach Israel

18.02.2016 – von Alfred BodenheimerAlfred Bodenheimer

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Es ist eine Binsenweisheit und hat sich in den letzten Jahren immer wieder in der harten Realität erwiesen, dass Staaten mit einer hohen Rate an Analphabeten keine tragfähige Demokratie aufbauen können. Im übertragenen Sinne gilt dasselbe für die jüdische Gemeinschaft: Menschen, die keine auch nur ansatzweise vertiefte jüdische Bildung haben, werden über kurz oder lang das Judentum nicht weitertragen – nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil ihnen jedes Instrumentarium fehlt, dies in ihrem Leben und schon gar in dem ihrer Kinder mit irgendeiner Relevanz zu versehen.

Das heißt auch: Ohne eine minimale oder sogar relativ ausgeprägte kognitive und reflexive Komponente kommen wir mit dem Religionsunterricht nicht weiter. Ein Analphabet mag emotional eng an seine Familie oder seinen Stamm gebunden sein, viele Kochrezepte kennen, die Traditionen und Feiertage seiner Vorfahren weiterführen – aber er wird in der Regel keinerlei eigene Impulse in die Entwicklung seines Umfelds geben können, mit komplexeren Fragen überfordert sein und auf Neues hilflos reagieren oder allenfalls in Abhängigkeit anderer geraten.

Grauer Alltag Ich begebe mich hier deshalb ganz bewusst auf einen akademisch geprägten, wissens- und denkorientierten Weg. Durchaus mit Begeisterung habe ich über das große Jewrovision-Festival in Mannheim gelesen, das weit über 1000 jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland mobilisiert hat. Aber wir dürfen die Komplementarität von jüdischer Erlebniskultur und jüdischem Lernen nicht mit ihrem Zusammenfallen verwechseln. Es gibt auch das regelmäßige, sich durch den grauen Alltag ziehende Lernen, und dort die Kinder nicht zu verlieren, ist womöglich noch schwieriger als das Aufziehen solcher Mega-Events.

Mir sind die Probleme und Widerstände, die in der Realität dieses grauen Alltags bestehen, bewusst: Kinder wie Eltern, die dieses Fach, wenn es nicht Leistungspunkte bringt, als vernachlässigbar ansehen, Eltern, die Angst haben, ihre Kinder könnten religiös »indoktriniert« werden, das schiefe Gesicht, das viele Zeitgenossen schon ziehen, wenn sie auch nur den Begriff »Religion« hören – und vieles mehr.

Dennoch, und gerade im Angesicht dieser Umstände, möchte ich Ihnen hier ein Zehn-Punkte-Programm vorstellen, das als Guideline dienen könnte. Erstens halte ich es für hoch wichtig, dass wir Kinder und Jugendliche die maximale Zeit, also im besten Falle eben zwölf Jahre lang, schulen können, wenn möglich sogar schon während des Kindergartens.

Es ist mir bewusst, dass dies für Kinder in Berlin einfacher zu bewerkstelligen ist als für solche in Chemnitz oder Rottweil – doch es zählt zu den Anforderungen an die gesamte jüdische Gemeinschaft des Landes, dies zu erreichen. Jedes Jahr, das wir hier verlieren, bedeutet einen massiven Verlust. Sind es die frühen Jahre, so verlieren wir die Kinder zu dem Zeitpunkt, wo das Sinnliche, Atmosphärische und auch der Eindruck von Erzählungen zum Tanach den tiefsten Eindruck hinterlassen, der oft ein Leben lang prägend bleibt. Sind es die späteren Jahre, verlieren wir die jungen Menschen dort, wo sie auf höherer Reflexionsebene ansprechbar werden.

Persönlichkeit Zweitens glaube ich gerade bei Religionslehrern an die Wichtigkeit ihrer persönlichen Message. Wenn ich an meine eigene Jugend denke, in der nicht besonders großen, aber mit einigen hervorragenden Lehrern bestückten Gemeinde von Basel, dann muss ich sagen: Jeder Einzelne von ihnen hat durch seine Persönlichkeit einen tiefen Eindruck bei den Schülern hinterlassen.

Diese Leute waren nicht nur alle wirklich gelehrte Menschen, sie waren auch vollkommen authentisch und glaubwürdig, voller Hingabe an ihre Tätigkeit. Als einer dieser Lehrer vor etwa 15 Jahren starb, sagte eine ehemalige Schülerin von ihm, eine säkulare bis traditionelle jüdische Frau von damals etwa 30 Jahren, er sei der beste Mensch gewesen, den sie je gekannt habe. Wer das hinbekommt, hat seinen Job richtig gemacht.

Doch es sind, drittens, eben nicht nur menschliche Qualitäten, sondern auch geistige und pädagogische, die gute Religionslehrer ausmachen. Lehrer »kann« man nicht einfach. Zugleich ist mir klar, dass nicht jede Person, die in Deutschland in einer jüdischen Gemeinde unterrichtet, nach staatlichen Maßgaben ausgebildeter Pädagoge ist.

Ich würde dafür plädieren, dass mit geeigneten Institutionen in Heidelberg, Berlin und Potsdam Lösungen entwickelt werden, um Religionslehrer »on the job« weiterzubilden. Natürlich sind staatliche Lehrerexamen in der Regel so nicht zu haben, und ein Bestehen auf solchen würde die Gemeinden vor unlösbare Probleme stellen. Aber die jüdische Gemeinschaft in Deutschland braucht eine überregionale Regulierungsinstanz, die eine Grundlage dafür entwirft, was eine Lehrkraft an Fach- und Didaktikausbildung minimal erworben haben muss. Und die Gemeinden müssen den Lehrern die Möglichkeit geben, diese Ausbildung auch zu absolvieren.

Evaluation Fünftens muss der Unterricht evaluiert werden. Lehrkräfte brauchen ein Feedback, vorgesetzte Gemeindebehörden brauchen ein vertieftes Wissen zur Qualität des Unterrichts in ihren Gemeinden, Eltern und Schüler brauchen eine Rückversicherung, dass der Religionsunterricht von den Gemeinden so ernst genommen wird, wie man es von ihnen selbst auch verlangt. So sehr die Lehrkräfte sich dadurch auch unter einen gewissen Druck gesetzt sehen – eine professionelle Evaluierung kann auch zu verhindern helfen, dass Gerüchte, Stimmungsmache und Vorstandsentscheide »aus dem Bauch heraus« über ihre Existenz entscheiden.

Sechstens halte ich es für wichtig, den Jugendlichen möglichst ausreichende Kenntnisse im Hebräischen zu vermitteln. Das ist nicht einfach, denn Sprachunterricht ist für viele eher mühselig und törnt sie ab. Dennoch bleibt jeder, der die Urtexte nicht wenigstens im Original lesen und zumindest bruchstückhaft verstehen kann, ein Fremder im eigenen Land.

Ich denke, es geht beim Hebräischen nicht nur (aber im Übrigen doch schon auch) um die Fähigkeit, in einem Gottesdienst das Buch nicht verkehrt herum zu halten oder einen minimalen Dialog mit der israelischen Großtante führen zu können, sondern auch um die Vermittlung von Stolz, diese Sprache zu beherrschen und sich damit in positiver Weise von der Umwelt unterscheiden zu können.

Siebtens müssen wir uns bewusst sein, welches jüdische Wissen, oder besser: welches Wissen als Jüdinnen und Juden die Schüler aus dem Unterricht davontragen sollen. Hier gibt es natürlich Lehrpläne mit mehr oder weniger bindenden Vorgaben. So sollen die Kinder wissen, was die Feiertage sind, dass es Speisegesetze, den Schabbat und einen großen Katalog an zwischenmenschlichen Bereichen gibt, die das Judentum regelt.

Paralleluniversum Alle sollten einmal eine Synagoge von innen gesehen haben. Doch die Frage besteht: Was nehmen sie aus dem Religionsunterricht mit, was sie nicht einfach mit dem Paralleluniversum »Religion« identifizieren, das zwei Stunden in der Woche lang interessant oder auch langweilig ist und nachher vergessen werden kann?

Die Stoffe, die wir religiös angehen, beinhalten Fragen, die uns zutiefst beschäftigen können, weil sie uns mit grundsätzlichen Fragen konfrontieren, aber auch mit Alltagsproblemen, die sich uns stellen: Mobbing unter Klassenkameraden wie bei Josef und seinen Brüdern, Sprachlosigkeit zwischen Familienmitgliedern wie in der komplizierten Geschichte, die zu Isaaks Segen an Jakob führt, die Frage nach Loyalitäten und Verstörungen wie in der Bindung Isaaks und vieles mehr.

Dabei stehen wir ja nicht nur einfach mit dem Text vor den Jugendlichen. Es gibt eine Fülle von Midraschim, mit denen wir sie begleiten können. Identifizieren sich die Jugendlichen mit deren Aussagen, widersprechen sie ihnen? Können wir damit auch gleichzeitig die Entwicklung des Wertedenkens von einst auf jetzt verfolgen? Ist unser Denken immer das Näherliegende, und ist es nicht spannend, auch Menschen früherer Zeiten zu verstehen zu suchen?

Und wie geht man damit um, wenn zwei Menschen sich um den gleichen Gegenstand zanken, und jeder behauptet, er habe ihn zuerst gefunden? Wie bestraft man jemanden adäquat für ein Fehlverhalten – wenn er etwas gestohlen oder wenn er jemandem einen Zahn ausgeschlagen hat?

Hier sind wir bereits in der Mischna und der Gemara, und jedermann erkennt sofort, dass es nicht irgendwelche lebensfernen Märchen sind, mit denen er es zu tun hat. Es sind Fragen, die er im besten Falle auch mit seinen Eltern bespricht oder mit Gleichaltrigen, die er in seinen Alltag mitnimmt und einbezieht.

Israelbesuch Achtens: Jedes Kind, das in Deutschland jüdischen Religionsunterricht besucht, sollte an zwei Orten im Rahmen dieses Unterrichts gewesen sein: in Worms und in Israel. Worms, um ihm bewusst zu machen, wie tief verankert das, wofür er steht, in der Geschichte dieses Landes ist. Israel, um ihm zu zeigen, zu welcher Lebendigkeit sich dies, notabene auf biblischem Boden, entwickelt hat.

Man darf es nicht dem Zufall überlassen, ob ein Kind einmal auf Badeferien nach Eilat fährt, dass es überhaupt je mal Israel bereist – für einen jüdischen Menschen von heute, zumal in Europa, ist Israel, er mag später politisch dazu stehen, wie er mag, eine Erfahrung, die ihn jedenfalls nicht kaltlassen wird – und zwar ein Israel, das intelligent bereist wird, mit einem gut abgestimmten Reiseplan, vor allem auch mit Begegnungen, die die Vielfalt, aber auch die spezifischen Fragestellungen Israels thematisieren.

Neuntens: Worum wir in Deutschland nicht herumkommen: Welche Rolle spielt der Holocaust im jüdischen Religionsunterricht? Es ist klar, dass Kinder und Jugendliche, die im 21. Jahrhundert geboren sind, die also nicht selten die vierte Generation nach dem Holocaust darstellen und deren Familien, je nach Herkunft, oft auch damit gar nicht direkt konfrontiert waren, zunächst weniger unmittelbar betroffen sind als die Leute aus der zweiten Generation, die ihre Lehrpläne erstellen.

Zugleich leben sie in einem Land, das auf vielfache Weise nicht vom Holocaust loskommt, und sie sind notgedrungen Teil jener Gesellschaft, die mit den Opfern von damals identifiziert wird (und sich auch selbst mit ihnen identifizieren könnte). Jüdische Jugendliche von heute müssen natürlich wissen, was im Holocaust geschah und wie es dazu kam – grundsätzlich müssten sie das in der Schule lernen.

Sie müssen aber, und hier kommt der Religionsunterricht hinzu, auch wissen, dass es zu diesem Geschehen jüdische Zugänge gibt, die deutlich machen, dass dies nicht nur ein Genozid an Juden (und anderen) war, sondern dass es eine Fülle von Auseinandersetzungen damit gibt, was dies für jüdisches Selbstverständnis bedeutete – kulturell, religiös, mentalitätsgeschichtlich.

Tikkun Olam Zehntens: Ich denke, dass das jüdische Bildungsethos, dessen Erfolgsausweis über die Jahrhunderte nicht gerade klein ist, immer auch ein Element des Tikkun Olam in sich geborgen hatte. Damit soll nicht gesagt sein, dass Juden weniger Egoisten sind als andere Menschen, aber das jüdische Bildungsideal ist grundsätzlich kein technokratisch-funktionales, sondern eines, das am Lernen selbst und an der moralischen Konsequenz des Lernens orientiert ist.

Ich glaube, dass mit der Vermittlung der Idee von Tikkun Olam als Ziel des jüdischen, aber letztlich eben jedes Wissens mehr geleistet ist als ein flacher moralischer Überbau zu gelerntem Stoff. Die Beschäftigung mit Tikkun Olam als Grundlage jüdischen Lernens schult nämlich nicht zuletzt darin, auf die Kontingenz von Wissen aufmerksam zu werden. Gerade das Zeigen, dass Antworten nicht immer einfach zu haben sind, ermöglicht es, sich mit den jüdischen Quellen dazu zu beschäftigen.

Die Definitionen, Konflikte, Dilemmata, aber auch die klaren Guidelines eines jüdischen Tikkun Olam sehe ich als wichtige Herausforderung bei der Erarbeitung eines zukunftsbringenden Wegs im jüdischen Religionsunterricht. Denn letztlich sollen die Jugendlichen wissen: Sie haben das Judentum in der Gesellschaft zu vertreten – aber sie können auch in die jüdische Gesellschaft ihren Teil hineintragen, sie sind nicht nur Lernende, sondern zukünftige und vielleicht sogar schon aktuelle Botschafter.

Zuletzt: Am Geld sollte nichts scheitern. Nicht die Ausstattung des Unterrichts, dessen Finanzierung über ein Maximum der Zeit, nicht die Anstellung und Förderung wirklich qualifizierter Lehrkräfte, die auch das Sozialprestige dieser Tätigkeit entsprechend befördert; nicht die Reisen und nicht die Maßnahmen zu einer sinnvollen Evaluation. Es mag eine große Herausforderung für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sein, solches zu bewältigen. Es versäumt zu haben, wäre dereinst mit Geld nicht mehr aufzuwiegen.

Der Autor ist Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte und Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel. Der abgedruckte Text besteht aus Auszügen seines Eröffnungsvortrags bei der Lehrerfortbildung des Zentralrats und der ZWST in Bad Sobernheim.

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