Gin aus Hamburg

Geistiges gegen den Ungeist

Eine kleine Manufaktur will ein Zeichen setzen

04.02.2016 – von Moritz PiehlerMoritz Piehler

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In dem unscheinbaren Hinterhof eines Industriegebäudes in Hamburg-Altona weist zunächst nichts auf einen kleinen feinen Betrieb hin, der sich hier niedergelassen hat. Durch ein Fenster lassen sich dann doch schemenhaft die Umrisse eines Metallkessels erkennen, ein paar Paletten hellgrauer Tonflaschen stapeln sich im Hintergrund. Hier im Zentrum des ehemaligen Arbeiterviertels, wo früher Gurken eingelagert wurden, entsteht gerade eine neue Manufakturenkultur.

Hinter einer schweren Tür verbirgt sich das Herzstück der Operation: die kupferne Destille, eigens angefertigt für die »Gin Sul«-Manufaktur. Ein bisschen wie aus einer anderen Zeit wirkt das Gerät, in dem es blubbert und zischt vor der herrlichen Kulisse aus türkisfarbenen Portugalkacheln. Gerade wird noch eine Gruppe interessierter Azubis aus dem Hotelfach durch die Räume geführt. Gespannt lauschen sie den Geheimnissen der manuellen Gin-Herstellung.

kaschrut Verantwortlich für diesen Ausflug ins Industriezeitalter ist Firmengründer Stephan Garbe, der Enddreißiger ist gebürtiger Hamburger und hat die kleine Gin-Manufaktur seit Ende 2013 beharrlich aufgebaut. Was aber mindestens eben so überraschend ist wie die schönen Maschinen und Kessel, ist der Aufenthalt von Landesrabbiner Shlomo Bistritzky in der kleinen Destillerie. Denn Garbe und seine Mitarbeiter produzieren nicht nur einen hervorragenden handgemachten Gin – zusammen mit Rabbiner Bistritzky sorgen sie dafür, dass das Produkt auch koscher ist.

Die charakteristische hellgraue Tonflasche, die aufmerksamen Hamburger Barbesuchern schon seit einiger Zeit in Lokalen mit einer großen Getränkeauswahl be- gegnet, trägt nun also das offizielle Zertifikat des Rabbiners Bistritzky, klein per Siebdruck auf der Rückseite angebracht. Bis es dazu kam, hat es eine Weile gedauert. »Der ursprüngliche Kontakt kam über den Berliner Spirituosenhändler Ben Biermann, Sohn des bekannten deutschen Liedermachers«, erzählt Garbe. Biermanns Halbbruder ist der zum Judentum konvertierte Eliyah Havemann, der sofort als bereitwilliger »Übersetzer« der zu beachtenden Kaschrut einsprang.

Als Rabbiner Bistritzky schließlich das erste Mal in der Destillerie stand, war er von der Vorarbeit der »Gin Sul«-Macher sehr angetan: »Ich war überrascht, wie viel sie schon vorbereitet und welche Gedanken sie sich bereits gemacht hatten.« Der Lieferant für den reinen Alkohol musste gewechselt werden, denn mit dem ursprünglichen Koscher-Zertifikat war Bistritzky nicht zufrieden. Schließlich fand sich ein Lieferant, der ein Siegel vorweisen konnte, dem auch nach Bistritzky vertraut und nun den aus Melasse gewonnenen Neutralalkohol nach Hamburg liefert. »Letztlich war das ein Gewinn für uns, denn dieser Alkohol hat noch weniger Eigengeschmack und eignet sich deshalb besser für unseren Gin«, freut sich Garbe noch im Nachhinein über den Wechsel. »Und er war auch noch etwas günstiger.«

Wie überhaupt die Entscheidung, die Produktion auf koscher umzustellen, keineswegs nur Umstände oder gar Nachteile mit sich brachte. »Wir haben dadurch auch viel über unseren eigenen Herstellungsprozess gelernt und manches noch einmal neu hinterfragt«, sagt Garbe. So hätten sie zum Beispiel eigens eine Pumpe anschaffen müssen, die ihnen aber mittlerweile den Tagesbetrieb erheblich erleichtere. Viele der religiösen Regeln seien ja auch ursprünglich aus gesundheitlichen Gründen eingeführt worden, sagt Garbe. »Das heißt, sie sind keinesfalls schlecht für ein Produkt.«

Hätte man beispielsweise auf ein Bioprodukt umstellen müssen, wäre dies deutlich aufwendiger gewesen. »Unsere Zitronen wachsen alle auf dem Feld eines Freundes in Portugal, einmal die Woche lassen wir sie einfliegen. Wer sollte das dann kontrollieren?« Bei Biosiegeln sei es ohnehin oft so, dass jemand in irgendeinem Büro beliebige Regeln aufstelle, die im Produktionsalltag nahezu unmöglich zu verwirklichen seien.

demonstrationen Doch die Idee, seinen Gin koscher zu produzieren, hatte für Garbe ohnehin keinen praktischen, sondern einen durchaus ideellen Ausgangspunkt. Den Anstoß gaben für den Geschäftsmann die Ereignisse vor zwei Jahren, als plötzlich Menschen in Deutschland wieder auf der Straße gegen Juden demonstrierten.

»Ich bin in einer Generation aufgewachsen, die gelernt hat, dass so etwas nie wieder passieren darf«, erzählt Garbe. »Deshalb haben mich diese Bilder und der neu aufkeimende Antisemitismus so erschreckt.« Dazu habe er noch das Gefühl gehabt, dass über den Gaza-Krieg sehr einseitig in deutschen Medien berichtet worden sei. »Da kamen plötzlich die seltsamsten Verschwörungstheorien vermischt mit einem schwelenden Antisemitismus und Antiamerikanismus zutage«, beschreibt Garbe sein Gefühl aus diesen Tagen.

Die Schlussfolgerung daraus war, sich zu überlegen, wie politisch seine neu entstehende Marke eigentlich sein kann oder sogar muss. »Wir wollten das nicht als einmalige Aktion machen, die man einmal auf Facebook postet und die dann aber nicht nachhaltig ist«, berichtet Garbe von seinem Entschluss, ein längerfristiges Zeichen zu setzen. Die Entscheidung, den Gin koscher zu produzieren, ist für den Hamburger auch eine Art stiller Protest, ein Zeichen dafür, dass jüdisches Leben in Deutschland ganz alltäglich und in seiner Mitte verwurzelt ist.

Da berühren sich auch wieder die Philosophien des Firmengründers und des Rabbiners, denn Bistritzky hat sich zur Aufgabe gemacht, Hamburg wieder als Ort jü- dischen Lebens zu etablieren und das nicht zuletzt über eine vermehrte Herstellung koscherer Produkte. »Mein Vater war für die Kaschrut im ganzen Land Israel zuständig, deshalb bin ich sehr mit einem Bewusstsein für koschere Nahrung aufgewachsen«, erzählt der Rabbiner. Für ihn ist es ein wichtiges Symbol, die jüdischen Traditionen wieder im Leben der deutschen Gesellschaft zu verankern. Gerne würde Bistritzky den Namen der Stadt wieder mit der Herstellung und dem Export von koscheren Lebensmitteln verbunden sehen.

purim Beiden, Garbe wie Bistritzky, war allerdings bewusst, dass dies insbesondere beim Alkohol nicht so leicht sein würde, denn für viele Juden spielt die koschere Produktion bei Alkoholika keine so große Rolle, wie bei anderen Lebensmitteln. Aber Rabbiner Bistritzky fällt natürlich sofort Purim als gute Gelegenheit ein, mal ein Glas Gin zu genießen.

Dem staunenden Hamburger Unternehmer erklärt er ein paar jüdische Bräuche: »An Purim sollte man so betrunken sein, dass man gut und böse nicht mehr auseinanderhalten kann.« Und es kommt ihm auch gleich eine Idee für weitere Kooperationen: »Wir könnten ja einmal ein paar Weinfässer aus Israel importieren, in denen Sie dann eine besondere Purim-Edition des Gins einlagern.«

Bei den Sondereditionen, die »Gin Sul« einmal im Jahr in kleiner Auflage produziert, fehlt nämlich bislang der Koscherstempel. Die speziellen Gin-Sorten werden in Weinfässer eingelagert, bei denen die koschere Herkunft nicht garantiert werden kann, und so werden die Flaschen dann eigens abgefüllt und ohne das Siegel des Rabbiners ausgeliefert.

Bitterstoffe Das aber ist eher eine kleinere Hürde. Bei größeren Produktionen anderer Hersteller stößt Rabbiner Bistritzky manchmal auf wesentlich kompliziertere Situationen: wenn beispielsweise koschere und nicht koschere Ware auf ge- trennten Förderbändern produziert wird, die aber das gleiche Dampfsystem verwenden. Dann müssten die Produzenten Kniffe benutzen, wie beispielsweise Bitterstoffe in das System einzubauen, so dass sich keinesfalls der Geschmack der nicht koscheren Lebensmittel übertragen kann.

»Das ist natürlich bei so einer kleinen Manufaktur nicht das Problem. Hier ist der Produktionsablauf für mich einfacher nachzuvollziehen«, sagt Bistritzky. Allerdings musste Garbe dem Rabbiner die komplette Zutatenliste verraten, eigentlich ein absolut gehütetes Geheimnis im Gewerbe. »Außer unseren engsten Mitarbeitern und dem Rabbi kennt niemand das Rezept für unseren Gin«, sagt Garbe. Doch das Verhältnis der beiden beruht ohnehin auf gegenseitigem Vertrauen.

Wie schwierig es ist, eine Marke auch mit einer politischen Aussage zu versehen, erlebte Garbe, als ein Magazin nur über den Gin berichten wollte, wenn er auch halal wäre. Was bei einem Alkohol nun wirklich keinen Sinn mache, findet Garbe. Bistritzky erzählt dazu allerdings, dass er im Austausch mit einem Hamburger Imam stehe, mit dem er sich auch viel über die Handhabung der Lebensmittelregeln verständige. Die Geschichte des koscheren Hamburger Gins ist eben auch die eines Lernprozesses.

www.gin-sul.de

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