Rede im Bundestag

»Ich war nicht bemitleidenswert«

Ruth Klüger über ihr Überleben in Auschwitz, Zwangsprostitution und die Flüchtlingspolitik

Aktualisiert am 27.01.2016, 12:35 – von Ruth KlügerRuth Klüger

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Der Winter von 1944/45 war der kälteste Winter meines Lebens und blieb sicher unvergesslich für alle, die ihn damals im kriegserschütterten Europa erlebten. Ich bin jetzt 84 Jahre alt und war damals gerade erst 13 Jahre alt geworden, aber auch die vielen anderen Winter, die noch folgen sollten, waren für mich nie wieder so kalt wie dieser letzte Kriegswinter.

Kälte, der man hilflos ausgesetzt ist, bleibt für mich auf immer verbunden mit Zwangsarbeit im Frauenlager Christianstadt, ein Außenlager des KZ Groß-Rosen in Niederschlesien, wie es damals hieß. Heute liegt der Ort in Polen.

Bei Zwangsarbeitern denkt man an erwachsene Männer, nicht an unterernährte kleine Mädchen. Aber ich war nicht bemitleidenswert, im Gegenteil, ich hatte großes Glück gehabt und war stolz darauf. Denn es war mir gelungen, mich im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944 – das war eine Saison, in der die Gaskammern und Kamine auf Hochbetrieb liefen – in eine Selektion einzuschmuggeln, die arbeitsfähige Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren zum Kriegsdienst auswählte.

Lüge Ich hatte mich in eine Warteschlange gestellt und auf die Frage eines SS-Manns mein Alter – damals noch zwölf Jahre – als 15 angegeben. Eine sehr unwahrscheinliche Lüge, denn ich war nach fast zwei Jahren Theresienstadt unterernährt und unentwickelt. Die Lüge war mir von einer freundlichen Schreiberin, ein Häftling wie ich, fünf Minuten früher eingeflüstert worden, und ich hatte sie tapfer wiederholt.

Der SS-Mann betrachtete mich und meinte, ich sei aber sehr klein. Die Schreiberin behauptete kühn, ich hätte starke Beine: »Sehen Sie doch nur, die kann arbeiten!« Er zuckte die Achseln und ließ es gelten. Einem Zufall von Minuten und einer gütigen Frau verdanke ich mein Weiterleben, denn der Rest des Transports von Theresienstadt, mit dem ich gekommen war, wurde in den nächsten Tagen vergast. Wir Ausgewählten wurden in Waggons verfrachtet und ins Arbeitslager verschickt.

Die ersten Tage in Christianstadt waren für mich der Inbegriff von Erleichterung, um nicht zu sagen Glück. Es war warm, es gab Gras und Bäume im Wald, die Luft war klar, eine Wohltat nach dem kadaverartigen Dunst, der in Auschwitz, von den Kaminen ausgehend, über dem Lager hing. Vor allem war die Todesangst vorbei.

Die positiven Gefühle dauerten jedoch nicht lange. Es wurde nass, dann sehr kalt. Wir wurden morgens durch eine Sirene oder Pfeife geweckt und standen im Dunkel Appell. Stehen, einfach stehen, ist mir noch heute so widerlich, dass ich manchmal aus einer Schlange ausscheide und weggehe, wenn ich schon fast dran bin, einfach weil ich keinen Augenblick länger in einer Reihe bleiben möchte.

Widerstand Wir bekamen eine schwarze, kaffeeartige Brühe zu trinken, eine Portion Brot zum Mitnehmen, und marschierten in Dreierreihen zur Arbeit. Neben uns lief eine Aufseherin, die uns mit ihrer Pfeife im Gleichschritt halten wollte. Alles Pfeifen nützte nichts, den Gleichschritt haben wir trotz des Ärgers der Aufseherinnen nicht gelernt. Es freute mich in meinem kindlichen vorfeministischen Widerstand, dass man jüdische Hausfrauen nicht veranlassen konnte, im Schritt zu gehen. Wir waren nicht aufs Marschieren gedrillt worden. Männer konnte man leichter dazu trainieren.

Die Mehrzahl der Frauen, darunter auch meine Mutter, arbeitete in einer Munitionsfabrik, zusammen mit verschleppten Franzosen, Männern, die besser ernährt wurden als wir, weil sie für diese Arbeit besser ausgebildet und daher wertvoller waren. Dafür konnten sie auch besser Sabotage treiben. Wenn sie grinsend zu den Frauen geschlendert kamen, so konnte man sich darauf verlassen, dass sie eine Maschine stillgelegt hatten, indem sie die richtigen Schrauben lockerten oder sonstwas Unauffälliges anstellten, das die Deutschen erst finden und richten mussten. Sklaven- oder Zwangsarbeit hat ihre Tücken, und für die Nazis ist wohl oft weniger dabei herausgesprungen als sie ursprünglich am Reißbrett errechneten. Leider immer noch zu viel.

Genau gesehen ist Zwangsarbeit insofern schlimmer als Sklavenarbeit, weil der leibeigene Sklave einen Geldwert für seinen Besitzer hat, den dieser verliert, wenn er den Sklaven verhungern oder erfrieren lässt. Die Zwangsarbeiter der Nazis waren wertlos, die Ausbeuter konnten sich immer noch neue verschaffen. Sie hatten ja so viel »Menschenmaterial«, wie sie es nannten, dass sie es wortwörtlich verbrennen konnten.

Und erst die Frauen! Die konnten ja nicht einmal so gut arbeiten wie die Männer. Manche Männer, wie die eben erwähnten Franzosen, waren ausgebildet in Berufen, die für den Kriegseinsatz brauchbar waren. Doch die Frauen? Man konnte sie ruhig bis zum Verhungern ausnützen. Fast niemand im Lager menstruierte, dazu braucht’s ein gesünderes Leben. Sie hatten fast nichts zu bieten als ihre beschränkte Geschicklichkeit und die verminderte Körperkraft der Hungernden.

Mauthausen Ich sage »fast«, denn etwas können Frauen doch ausüben, was man als einen weiblichen Beruf bezeichnet hat, nämlich die Prostitution. In manchen Konzentrationslagern für Männer, darunter das KZ Mauthausen – das mit seinen Dutzenden Außenlagern mein Geburtsland Österreich wie der Emmentaler mit seinen Löchern überzog – gab es »Sonderbaracken«, wo Frauen, die hauptsächlich im Frauenlager Ravensbrück rekrutiert wurden, gewissen bevorzugten Häftlingen zur Verfügung standen.

Die Frauen waren in ständiger Gefahr, krank oder schwanger zu werden, durch einen serienmäßigen Geschlechtsverkehr, der je höchstens 20 Minuten dauern durfte, während draußen vor der Baracke schon eine Schlange wartender Männer stand. Das ist nicht eine »Arbeit«, die man sich freiwillig aussucht, wie den missbrauchten Frauen nach Kriegsende manchmal zynisch vorgeworfen wurde. Die Prostituierten wurden später auch nicht als Zwangsarbeiter eingestuft, und sie hatten keinen Anspruch auf Restitution oder erhoben keinen Anspruch darauf. Wenn wir heute hier der Zwangsarbeiterinnen von damals gedenken, so müssen wir sie miteinschließen.

Zurück zu meiner eigenen Geschichte. Beim Roden und Schienenlegen hatten wir öfters Kontakt mit deutschen Zivilisten, die auch unsere Vorarbeiter waren. Einmal saß ich in einer Pause auf einem Baumstamm neben einem dicken, vierschrötigen Mann, der mich angesprochen haben muss, denn aus eigenem Antrieb hätte ich mich nicht neben ihn gesetzt.

Er war neugierig, es war klar, dass ich nicht in die Vorstellungen passte, die man sich von Zwangsarbeitern machte. Ein schwarzhaariges, verhungertes Sträflingskind, das aber einwandfreies Deutsch sprach, noch dazu ein Mädchen, ungeeignet für diese Arbeit, eine, die in die Schule gehörte. Wie alt ich denn sei, fragte er. Ich beantwortete seine Fragen mit äußerster Zurückhaltung, denn nichts lag mir ferner, als mich mit einem fremden Deutschen aufs Glatteis zu begeben.

Schauermärchen Er hingegen erzählte mir, auch die deutschen Kinder gingen jetzt nicht mehr zur Schule, sie würden alle eingezogen. In seiner Erinnerung, stelle ich mir vor, war ich auch nach dem Krieg eine kleine Jüdin, der es gar nicht so schlecht ging, denn sie hat keine Schauermärchen erzählt, obwohl er sie in seiner aufmunternden Art geradezu aufforderte, über ihr Leben zu plaudern. Und Angst hatte sie auch keine, sonst hätte sie nicht so frisch von der Leber weg geredet. Und vielleicht benutzt er unsere Begegnung als einen Beweis, dass es den Juden im Krieg nicht schlechter ging als anderen Leuten auch. (...)

Das Lager Christianstadt wurde Anfang 1945 aufgelöst und die Häftlinge in ein weiteres, nämlich nach Bergen-Belsen, überführt. In den ersten paar Tagen ging der Transport zu Fuß, dann wurde er in einen Zug verladen, wie ich nach dem Krieg erfuhr. Denn da waren wir nicht mehr dabei. Meine Mutter, meine Freundin Susi und ich sind am zweiten Abend, als wir noch im Freien waren und es dunkel wurde, geflohen – und haben überlebt. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Jahrzehnte später in Göttingen höre ich einem Mann im Rentneralter zu, wie er sich in Schmidts Drogerie-Markt den Mund über die »schmarotzenden Ausländer« zerreißt. »Die Ausländer, die sollt’ man vergasen und die Politiker gleich dazu«, meinte er. Der Satz trifft mich wie ein Schlag. Ich schau hin zu ihm, schätze sein Alter, ja der ist alt genug, der könnte damals Aufseher im Lager gewesen sein. »Solche Sprüche!«, sag ich beklommen zu ihm, wir sehen uns in die Augen, Freunderl, wir kennen uns. Da sagt er mit festem höhnischem Blick: »Ja, ja, Sie haben schon richtig gehört.«

Wenn die deutsche Zivilbevölkerung später beteuerte, sie hätte nichts über den Massenmord gewusst, so kann man sich darüber streiten, ob das stimmt, doch die massenhafte Ausbeutung durch Zwangsarbeit war sehr wohl bekannt. Viele Jahre später, als ich oft in Deutschland war und auch wieder viele Freunde hier hatte (und noch habe), stieß ich gelegentlich auf Menschen, deren Familien Zwangsarbeiter während der Nazizeit im Hause hatten.

Ausflüchte Meine Freunde erinnerten sich an diese verschleppten Menschen mit Behagen und großer Zuneigung. Die hatten es gut bei uns. Die haben mit uns Kindern gespielt und gelacht und gesungen. Die wohlmeinenden Erzähler wussten nicht, oder wollten nichts wissen, von der wachen Zurückhaltung, dem Misstrauen, der Verachtung, der Über- oder Unterschätzung des Feindes, die in diesen unbezahlten Haushaltshilfen gesteckt haben muss. (...)

Verehrtes Publikum, ich habe jetzt eine ganze Weile über Versklavung als Zwangsarbeit in Nazi-Europa gesprochen und Beispiele aus dem Verdrängungsprozess nach 1945 zitiert. Aber eine neue Generation ist seither hier aufgewachsen, und dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie Flüchtlinge aufgenommen haben. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind.

Das war der Hauptgrund, warum ich die Gelegenheit wahrgenommen habe, in Ihrer Hauptstadt über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, hier, wo ein gegensätzliches Vorbild entstanden ist und trotz Hindernissen, Ärgernissen und Aggressionen noch weiter entsteht, mit dem schlichten und heroischen Slogan: Wir schaffen das.

Thumbs up! Happy New Year! Ich danke Ihnen für diese Einladung.

Die Autorin wurde 1931 in Wien geboren und lebt in Kalifornien und Göttingen. Sie zählt zu den bekanntesten Germanistinnen in den USA. Zugleich machte sie sich als Schriftstellerin einen Namen. In »weiter leben« beschreibt sie ihre Kindheit in Wien und in den Lagern Theresienstadt und Auschwitz.

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