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Doppelte Forschungslücke

Jenseits von Islamwissenschaft und Judaistik: Warum das Fach Israel-Studien als eigenständige Disziplin wichtig ist

28.01.2016 – von Johannes BeckeJohannes Becke

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Nach dem viel zu frühen Ende der ostdeutschen Israelwissenschaften Mitte der 90er-Jahre erleben die deutschen Israel-Studien im Jahr 2015 einen unerwarteten Mo- ment der Erweckung: die Eröffnung eines Zentrums in München, die Ankündigung einer Professur in Mainz, die Ausschreibung gleich mehrerer Stellen bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sowie der Ausbau des Ben-Gurion-Lehrstuhls für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg.

Die deutschen Israel-Studien schließen dabei eine doppelte Forschungslücke, die sich stark verkürzt folgendermaßen zusammenfassen lässt: Für die Islamwissenschaft war der jüdische Staat immer zu unislamisch; für die Jüdischen Studien dagegen – zu staatlich. Anders formuliert: Der Blick der Islamwissenschaft auf die Region des Vorderen Orients verläuft in vielen Fällen entlang der Paradigmen einer »Welt des Islam« oder einer »arabischen Welt«, sodass nicht-muslimische Gemeinschaften (also: Juden, heterodoxe Muslime oder Angehörige der Ostkirchen) bisweilen ebenso marginalisiert werden wie dezidiert nicht-arabische ethnische Gruppen (also: Juden, Kurden, Berber, Maroniten).

Nationalstaat Für die Jüdischen Studien dagegen liegt der Forschungsschwerpunkt nicht nur in der jüdischen Diaspora, sondern insbesondere in der aschkenasischen Diaspora. Ausgeblendet wird hier häufig nicht nur das orientalische und sefardische Judentum, sondern insbesondere die wiedergewonnene jüdische Nationalstaatlichkeit. Die unterschiedlichen Teildisziplinen der Jüdischen Studien sind so weiterhin am jüdischen Sozialmodell der diasporischen Staatslosigkeit ausgerichtet, dessen Überlebensfähigkeit in einer Welt der Nationalstaaten der anti-diasporische zionistische Philosoph Jakob Klatzkin einst so zusammenfasste: »Eyn ha-galut bat-kayam« – frei übersetzt: Das Exil hat keine Zukunft.

Die jüdischen Gemeinden Europas denken in diesen Tagen vermehrt über ihre Lebensfähigkeit oder besser Überlebensfähigkeit im Exil nach. Viele, nicht nur französische, Juden haben sich bereits Jakob Klatzkins Überzeugung von der Aussichtslosigkeit eines Lebens in der europäischen Diaspora angeschlossen. Viele, aber beileibe nicht alle werden nach Israel gehen – trotz seiner klassisch zionistischen Diaspora-Verneinung wanderte auch Jakob Klatzkin nicht ins Land Israel aus, sondern (unter dem Druck des deutschen National- sozialismus) in die USA.

Und die Frage der Auswanderung nach Israel bleibt umstritten: Während die aschkenasisch-säkulare Elite von Nord-Tel-Aviv ihre vor allem ökonomisch bedingte Abwanderung nach Berlin als postzionistisches Wagnis feiert, definiert sich das progressive Judentum Nordamerikas (und vor allem Kaliforniens) zunehmend durch Abgrenzung vom jüdischen Nationalstaat.

Israelisierung In diesem innerjüdischen Konflikt um Diaspora und Nationalstaatlichkeit erkennen wir aber: Zeitgenössisches jüdisches Leben ist ohne den Be- zug zum Staat Israel unvorstellbar. Der Staat Israel mag nicht in allen Belangen das merkas ruchani, das spirituelle Zentrum der Kulturzionisten geworden sein, und das moderne Hebräisch mag weder im Land Israel selbst noch in der Diaspora die Tradition der jüdischen Vielsprachigkeit ersetzt haben. Dennoch setzt sich in der religiösen, kulturellen und nicht zuletzt kulinarischen Praxis der Diaspora ein Trend der Israelisierung fort – und wer einmal Gefilte Fisch probiert hat, mag verstehen, warum das Buffet vieler jüdischer Gemeindefeste zunehmend von Hummus und Falafel dominiert wird.

Gleichzeitig gilt: Auch der zeitgenössische Vordere Orient ist ohne den Bezug zum Staat Israel unvorstellbar. Weder der inzwischen verblasste Siegeszug des Pan-Arabismus noch der Aufstieg des Pan-Islamismus wären wohl möglich gewesen ohne die Mobilisierungskraft des Konfliktes um das Land Israel/Palästina, ohne die Sorge um die islamischen Heiligtümer auf dem Tempelberg, ohne das Trauma der Flucht und Vertreibung des palästinensischen Volkes.

Erfolgsgeschichte Israels Politik der unbedingten Aufrüstung, also der »eisernen Mauer« (wie es der zionistisch-revisionistische Vordenker Zeev Jabotinsky einst formulierte), kann dabei aus heutiger Sicht als Erfolgsstrategie bezeichnet werden: Die meisten arabischen Nationalstaaten haben sich mit der Existenz Israels abgefunden und unterhalten (wenn auch meist geheime) Beziehungen mit der Regierung in Jerusalem; so manche ethnische Minderheit im Vorderen Orient (Berber, Kurden, Maroniten) schaut dagegen mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung auf das Vorbild der erfolgreichen jüdisch-nationalistischen Staatsgründung.

Aus gutem Grund beschäftigt sich der Ben-Gurion-Lehrstuhl in Heidelberg daher mit Israel- und Nahoststudien zugleich – anders als von Theodor Herzl imaginiert, ist der zeitgenössische Staat Israel keine westliche Enklave, keine Villa im Dschungel, sondern ein lebendiger Teil der Kultur- und Konfliktgemeinschaft des Vorderen Orients, im Guten wie im Schlechten.

In seinem disziplinären Selbstverständnis vollzieht das Fach der Israel-Studien dabei ein zweites Mal die Geschichtsbewegung des zionistischen Projekts: Abschied und Auszug aus der Vergleichenden Regierungslehre westeuropäischer Staaten; Verleugnung, Ambivalenz und Rückbesinnung gegenüber dem diaspora- und asch- kenaszentrischen Fach der Jüdischen Studien; Anziehung, Abgrenzung und konfliktreiche Teilintegration in die Nahoststudien.

Mehrwert Der analytische Mehrwert des Fachs wird sich dabei in erster Linie an seiner Anschlussfähigkeit an eine theoriegeleitete und vergleichende Regionalwissenschaft des Vorderen Orients bemessen lassen: Als bloßer Teil der jüdischen Geschichte wird das Feld der Israel-Studien als judäozentrisches Nischenfach verkümmern, stets geplagt vom typisch deutschen Phänomen der schuldgetriebenen Überidentifikation, die allzu häufig in Desillusionierung und Ablehnung umschlagen wird.

Als integraler Bestandteil der vergleichenden Nahoststudien kann das Feld der Israel-Studien dagegen aufleben als das Teilfach des jüdisch-israelischen Orients (nicht unähnlich der Erforschung des christlichen Orients): So wie die hebräische Sprachwissenschaft Teil der Semitistik ist und die klassische Judaistik häufig Teil der Orientalistik war, so finden die modernen Israel-Studien ihre disziplinäre Heimat im Bereich der Nahoststudien. Wer sich mit dem Staat Israel als wirkmächtigem Akteur innerhalb seiner politischen, geografischen und kulturellen Umwelt beschäftigen will, wird daher neben dem Hebräischen zusätzlich das Arabische lernen müssen; der muss die Argumentation des arabischen Antizionismus ebenso studieren wie die Geschichte des palästinensischen Volkes.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die judaistische Grundausbildung zugunsten einer rein sozial- oder geschichtswissenschaftlichen Regionaldisziplin vernachlässigt werden sollte. Anders noch als das Israel eines Ben Gurion oder eines Moshe Dayan kann der zeitgenössische Staat Israel nicht mehr verstanden werden als eine sozialistische Volksrepublik hebräischer Nationalisten, also ohne jegliche Kenntnis des jüdischen Religionsrechts, der Halacha, oder – um meine nichtjüdischen Studenten zu zitieren – der »jüdischen Scharia«.

Aber genau dieser Begriff der »jüdischen Scharia« deutet bereits an, dass der Staat Israel nicht aus sich selbst heraus und noch viel weniger allein aus der jüdischen Geschichts- und Texttradition heraus verstanden werden kann, sondern nur durch den systematischen Vergleich mit anderen Staatsprojekten und bestehenden Nationalstaaten der Region des Vorderen Orients – und natürlich darüber hinaus.

Paradigmen Dieser Ansatz der theoriegeleiteten und regional vergleichenden Israel-Studien kann dabei von zwei Paradigmen abgegrenzt werden – einer judäo- zentrischen Lesart des zionistischen Projekts und einer arabozentrischen Lesart. In der judäozentrischen Lesart wird das zionistische Projekt verstanden als eine Variante der traditionellen Zions-Sehnsucht eines Yehuda HaLevi oder eines Maimonides; israelische Identität begründet sich hier im Spannungsverhältnis zur jüdischen Diaspora, das Siedlungsprojekt wäre Teil einer innerjüdischen Auseinandersetzung über den Zielkonflikt zwischen Medinat Israel (Staat Israel) und Eretz Israel (Land Israel).

In der arabozentrischen Lesart hingegen ist das zionistische Projekt eine Variante des europäischen Siedlerkolonialismus, die israelische Identität begründet sich im Spannungsverhältnis zum westlichen Imperialismus, und das Siedlungsprojekt wäre Ausdruck klassisch kolonialer Expansion.

Aus vergleichender Perspektive gilt hier aber mit dem Oxforder Historiker Derek Penslar: Wer könnte wohl den kolonialen Aspekt von Landkauf, Eroberung und Besiedlung verleugnen – aber wer könnte gleichzeitig die antikoloniale Dimension des jüdischen Befreiungskampfes verneinen, oder das postkoloniale Ringen der israelischen Gesellschaft um ihre Verortung zwischen Orient und Okzident, um die Nostalgie nach Berlin und Bagdad zugleich?

Für die Israel-Studien kann angesichts dieses Kampfes der Narrative letztlich nur die Strategie des Odysseus bei der Vorbeifahrt an der Insel der Sirenen empfohlen werden, also die Kunst des Hinsehens und Weghörens: kritisches, theoriegeleitetes und vergleichendes Hinsehen, wenn es um die Ursprünge, Instrumente und Auswirkungen des zionistischen Projekts geht – und geübtes Weghören als Selbstschutz vor den Sirenengesängen nationalistischer und exzeptionalistischer Mythenbildung auf beiden Seiten.

Der Autor ist Juniorprofessor am Ben-Gurion-Lehrstuhl für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) Heidelberg. Der Text ist eine gekürzte Fassung seiner Antrittsvorlesung.

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