Frankreich

Nicht ohne meine Kippa

Ein Land diskutiert, ob sich Juden in der Öffentlichkeit zu erkennen geben sollen

Aktualisiert am 21.01.2016, 08:47 – von Bernard SchmidBernard Schmid

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Der Angreifer wollte töten – und das Opfer sucht bis heute nach Erklärungen dafür, warum jemand »im Alter von 15 Jahren eine Lust zu töten verspürt«. Ein Schüler türkisch-kurdischer Abstammung attackierte am Montag vergangener Woche in Marseille einen 35-jährigen Lehrer auf offener Straße. Benjamin Amsellem, das Opfer, unterrichtet jüdische Religion an einer orthodoxen Schule im Stadtteil Saint-Tronc. Dort leben viele Juden, das Viertel gilt als ruhig und ist kein sozialer Brennpunkt.

Benjamin Amsellem trug eine Kippa. Mit einem langen Messer, das in den Medien auch als »Machete« bezeichnet wurde, näherte sich der jugendliche Angreifer und schlug dem Lehrer zuerst mit der flachen Klinge auf den Rücken. Amsellem konnte sich mit den Füßen wehren. Doch vor allem einem Tora-Buch, das er schützend vor sich hielt, bewahrte ihn vor schlimmeren Verletzungen, denn es fing die gegen ihn gerichteten Messerstiche ab. Mit relativ geringen Verletzungen am Rücken kam Amsellem davon.

Mofas Der Jugendliche sprach bei dem Angriff kein Wort. Als Passanten und Anwohner eingriffen, rannte er davon. Augenzeugen verfolgten ihn auf Mofas, während sie die Polizei anriefen. Die konnte den Teenager schnell fassen. Zur Rede gestellt, bekannte er sich lautstark dazu, im Namen des sogenannten Islamischen Staates (IS) gehandelt zu haben. Später sagte er, sobald er aus der Haft entlassen werde, wolle er sich eine Waffe besorgen und auf Polizisten schießen.

Der Jugendliche ist weder im engeren Sinne psychisch krank, noch war er der Polizei bislang für anderweitige Straftaten oder Kontakte zur dschihadistischen Szene bekannt. Er gilt als guter Schüler. Man vermutet, er habe sich vor allem im Internet mit islamistischer Ideologie vollgesogen.

Hut Das brutale Verbrechen – es war der dritte Messerangriff seit Oktober – hat in Frankreichs jüdischer Gemeinde eine Debatte ausgelöst. Zvi Ammar, der Leiter des religiösen jüdischen Dachverbands Consistoire Israélite de Marseille, forderte, in der Öffentlichkeit auf das Tragen von Kippot zu verzichten. Viele praktizierende Juden sind seitdem tatsächlich dazu übergegangen, ihre Kippa unter einer Baseballkappe oder einem Hut zu verstecken. Benjamin Amsellem, der nach dem Messerangriff von seinem Arbeitgeber beurlaubt wurde, um sich von den Folgen zu erholen, trägt inzwischen eine Golfmütze über seiner Kippa.

Ähnliche Aufrufe von jüdischen religiösen Einrichtungen hatte es bereits früher gegeben, etwa 2003 vom damaligen Pariser Großrabbiner Joseph Sitruk. In jenen Jahren kam es vor allem in großstädtischen sozialen Brennpunkten immer wieder zu Übergriffen.

Die Regionalpräsidentin der jüdischen Dachorganisation CRIF, Michele Teboul, widersprach jedoch Ammar. Sie erklärte, der Verzicht auf die Kippa bedeute, »aufzuhören, jüdisch zu sein«, und würde »das Rad der Geschichte um Hunderte Jahre zurückdrehen«. Auch Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia hält nichts davon, auf die Kippa zu verzichten. Prominente aus Sport, Kunst und Politik erklärten, es sei unerträglich, wenn sich Juden aus Furcht vor Angriffen verstecken müssten. Sie forderten, Nichtjuden sollten symbolisch aus Solidarität ebenfalls eine Kippa tragen.

Auch Präsident François Hollande und Premier Manuel Valls erklärten, es gehe nicht an, dass Menschen ihre Religion nur mit »gesenktem Haupt« leben könnten.

Fussball Am Mittwoch (nach Redaktionsschluss) wollen Tausende Fußballfans des Marseiller Clubs Olympique de Marseille Kippot im Stadion ihrer Stadt tragen, anlässlich einer Begegnung mit einem Verein aus Montpellier. Auch der englische Fußballer David Beckham setzte sich vor Kurzem symbolisch eine Kippa auf. Viele andere VIPs stellten Fotos, auf denen sie mit Kippa zu sehen sind, ins Internet. Und zwei Abgeordnete der französischen Nationalversammlung, der Liberalkonservative Meyer Habib und der Konservative Claude Goasguen, ein Jude und ein Nichtjude, setzten sich in der Eingangshalle des Parlaments eine Kippa auf. Im Plenarsaal legten sie diese allerdings ab, um Kritik vorzubeugen, die eine Verletzung der laizistischen französischen Staatsdoktrin moniert hätte.

Hinter vorgehaltener Hand und auch offen gibt es aber auch Kritik an derlei Aktionen. So meint der bekannte jüdische Journalist Claude Askolovitch, das Judesein dürfe nicht auf eine Kippa reduziert werden, denn viele nichtorthodoxe Juden trügen keine. Er selbst fühle sich vor allem »als gleichwertiger Bürger dieser Republik« und nicht zuerst als Teil einer durch sichtbare Religionsausübung definierten Gemeinschaft. Die Beziehung oder Nichtbeziehung zu Gott sei in erster Linie Privatsache.

Statistik Jüngste Zahlen belegen, dass im Jahr 2015 in Frankreich insgesamt 719 verbale und körperliche Angriffe auf Juden verübt wurden. Das waren zwar etwas weniger als im Jahr zuvor (743), doch machten sie 51 Prozent aller als rassistisch eingestuften Straftaten im Land aus.

Eine Umfrage ergab jedoch, dass die Mehrheit der französischen Bevölkerung Juden als gleichwertigen Bestandteil der Gesellschaft ansieht. Laut einer Studie der Menschenrechtskommission CNCDH betrachteten im Jahr 2014 nur 27,4 Prozent der Befragten Juden als »gesonderte Gruppe«, 2003 waren es noch 38,3 Prozent.

Doch der Befund kann nicht beruhigen: Im September 2015 erklärten 43 Prozent der vom Institut IFOP befragten männlichen Juden, bisher mindestens einmal angegriffen worden zu sein, weil sie Juden sind. Unter Kippaträgern waren es – wohlgemerkt – 77 Prozent.

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