Briefwechsel

Geschichte einer Freundschaft

Die bemerkenswerte Korrespondenz von Fritz Bauer an Thomas Harlan

07.01.2016 – von Roland KaufholdRoland Kaufhold

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Die Freundschaft zwischen dem in bedrückender kollegialer Isolation lebenden Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und dem 26 Jahre jüngeren Schriftsteller und Regisseur Thomas Harlan wirkt auf den ersten Blick irritierend. Harlan war der Sohn des Filmemachers Veit Harlan, Regisseur des antisemitischen Hetzfilms Jud Süss. Beide verband ihr einsamer Kampf gegen die verleugneten nationalsozialistischen Verbrechen. Werner Renz, Mitarbeiter des Fritz Bauer Instituts, hat jetzt die berührenden Briefe von Fritz Bauer an Harlan publiziert. Die 131 Briefe umspannen die Jahre von 1962 bis 1968.

Fritz Bauer war Jude, was er so weit wie möglich zu verbergen trachtete. Er wusste, dass das Wissen um seine jüdische Herkunft den antisemitischen Furor seiner durchaus zahlreichen Feinde nur steigern würde. Diese zusätzliche Angriffsfläche wollte er ihnen nicht bieten.

Der 1929 geborene Thomas Harlan führte gleichfalls einen lebenslangen Kampf für die Aufklärung der Massenmorde der Nationalsozialisten. Er verstand sich, in Rebellion gegen das Tun seines Vaters, als »sehr links« und gehörte zu den Ersten, die sich konsequent für die Strafverfolgung von NS-Verbrechern einsetzten. Anfang der 50er-Jahre reiste er gemeinsam mit Klaus Kinski mit türkischen Papieren nach Israel. 1958 begann sein vehementer Kampf gegen Naziverbrecher. Er erstattete 2000 Strafanzeigen gegen Nazis, weshalb er insbesondere von dem FDP-Abgeordneten Ernst Achenbach seinerseits mit einer großen Anzahl von Strafanzeigen überhäuft wurde.

Recherchen 1959 ging Harlan für fünf Jahre nach Polen und baute dort ein umfangreiches Team für Recherchen über deutsche Kriegsverbrecher auf. Nach fünf Jahren musste er das weiterhin antisemitisch geprägte Polen, auch wegen seiner konsequent proisraelischen Grundhaltung, wieder verlassen. Harlan ging nach Italien und freundete sich mit dem linksradikalen Verleger Giangiacomo Feltrinelli an. In diesen Jahren begann auch seine Freundschaft mit Fritz Bauer.

Bereits im ersten Brief vom 1. April 1962 hebt der lebenserfahrene Fritz Bauer das Gemeinsame zwischen ihnen hervor: »Glauben Sie, dass wir die Traurigkeit hier nicht teilen? Es ist vieles traurig in der Welt, aber wahr und nicht zu ändern.« Die Grundlage für eine Beziehung, in der Bauer die Position des besonnenen Ratgebers übernimmt, ist gelegt.

Bauers Arbeitsbelastung ist enorm: »Ich bin so mit Arbeit ausgefüllt, dass ich supernervös bin«, bemerkt er am 17. Juli 1963. Ein Jahr später: »Ich halte mich an die Arbeit, sie ist das Rückgrat. Abends schreibe ich dies oder jenes, damit die Wände nicht über mir zusammenfallen.« Nach neun Monaten spricht Bauer Harlan erstmals mit dessen Vornamen an. Schreiben betrachtet er als eine existenzielle Verpflichtung, »um irgendeinen Sinn in diesem Erdenleben zu finden«.

Enttäuschung Fritz Bauer gibt Harlan Rückmeldungen über dessen neue Texte, die er meist unmittelbar nach ihrem Eintreffen liest: »… ganz großartig, handlungserfüllt, spannend und energiegeladen. Es ist Dir unübertroffen gelungen, Bewegung in das stabile Haus zu bringen und wirklich deutsches Leben zu treffen.«

Bauers Briefe nehmen einen zunehmend persönlicheren Charakter an. Im Mai 1965 bittet er Harlan: »Lassen Sie bitte den läppischen ›Dr.‹ weg. Mit dem Abwurf der Überflüssigkeiten sollten Sie nicht zögern.« Dann warnt er Harlan vor zu radikalen Filmprojekten: »Dein Film kann überall in der Welt gedreht und gespielt werden, aber nicht in Germany. Diejenigen, die Deinen Vernichtungsdrang ahnen, sagen kategorisch nein. Sie wollen keinen zweiten Morgenthau-Plan aus der Feder meines Freundes Thomas. Kein deutsches Geld steht hierfür zur Verfügung«, gibt er ihm im Juli 1965 mahnend mit auf dem Weg. Fritz Bauer ahnt die Enttäuschung seines ungestümen, ungeduldigen Freundes: »Du musst mich verstehen, Thomas, mit der letzten Kraft meines Traumes wünsche ich, dass die Vergangenheit nicht umsonst war, dass die Tränen und das Blut nicht umsonst flossen.«

Bauer versucht, den Furor seines Freundes zu kanalisieren: »Die Idee ist genial, aber was in aller Welt hast Du alles hineingepackt? So wie es jetzt ist, übertrifft es Karl Kraus oder meinetwegen den Ring der Nibelungen plus Faust I und II.« Am 17. September 1965 preist er ein Drehbuch von Harlan: »Ich habe das Manuskript mit Erschütterung und Tränen gelesen, dann habe ich es sofort nach München gesandt.«

Und doch vermag Fritz Bauer, trotz der zahlreichen Anfeindungen, auch Erfreuliches wahrzunehmen. Am 2. März 1966 notiert er nach einer Podiumsdiskussion: »Und einige andere jammern, dass Churchill Deutschland ›ausradierte‹, und die Israelis den Auschwitzprozess von mir erpressen. Na, man muss alles mitmachen. Die jungen Leute waren fast alle alright, und ich lebe ja noch.«

Vergessen Der seelisch eher geerdete Fritz Bauer bemüht sich, Harlans Verzweiflung zu mildern: »Nun kommst Du wieder auf die Kindlers und Fischers zu sprechen. Thomas, mein Thomas, kannst Du denn gar nichts vergessen? Ich bin tagaus tagein mit Leuten zusammen, die mich für einen Schweinehund halten, ich muss mir tausenderlei Dinge von ihnen sagen lassen und trotzdem mit ihnen leben und arbeiten. Ich existiere immer nur am Rande des Lebens, wäre ich wie Du, ich wäre schon längst hinuntergekippt.«

Gelegentlich spricht selbst Fritz Bauer direkter über seine Enttäuschungen über die deutsche Justiz. Wie sie ihm ihr »großes Unbehagen gegen die Prozesse« unmissverständlich verdeutlicht. Im Oktober 1966 schreibt er: »Ich bin von Gott und der Welt verlassen genug.« Im Herbst 1967 empfindet Fritz Bauer seine Lebenssituation als gefährdet: »In der Zwischenzeit ist der Teufel ausgebrochen, was ich die ganze Zeit fürchtete. Was vorher gerade stand, ist umgefallen, und morgen bringt der ›Spiegel‹ einen bösen, vielleicht mörderischen, zudem juristisch falschen Artikel.« Einen Monat später bemerkt er: »Die Strafanzeigen hageln; alles ist gegen mich verschworen. Ich arbeite 16 Stunden, meine Frau ist da, und ich habe keine Zeit für sie. Was mit mir geschehen wird, weiß ich nicht.« Und am 5. Dezember 1967 notiert er: »Vorläufig rase ich redend durch die Bundesrepublik. Hat es überhaupt einen Sinn?«

Tiefe Trauer schwingt in seinen letzten Briefen aus dem Jahr 1968 mit: »Dies alles tut mir sehr weh, ich bin sehr traurig, sehr unglücklich, deswegen und aus manchen anderen Gründen.« Seinen Brief vom 10. April 1968 schließt er mit den Worten: »Vergesst mich nicht, ich vergesse Euch nicht.«

Am 1. Juli 1968 wird Fritz Bauer tot in seiner Badewanne aufgefunden. Gerichtsmedizinische Gutachten verneinen einen Mord. Werner Renz bemerkt hierzu: »Die überlieferten Quellen zu Bauers Tod legen allein den Schluss nahe, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist.«

Werner Renz (Hg.): »Von Gott und der Welt verlassen«. Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan. Campus, Frankfurt/M. 2015, 299 S., 29,90 €

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