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Maos Zur

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

10.12.2015 – von Vyacheslav DobrovychVyacheslav Dobrovych

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Seit Jahrhunderten singen jüdische Familien nach dem gemeinsamen Zünden der Channukakerzen den Pijut »Maos Zur«. Der Titel bedeutet so viel wie »Festung und Fels«. Das Lied erzählt in sechs Strophen die jüdische Geschichte und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Zeit im Exil und die jeweils anschließende Erlösung.

Historiker vermuten, dass »Maos Zur« im 13. Jahrhundert während der Kreuzzüge verfasst wurde. Die Frage der Autorenschaft ist bis heute ungeklärt, aus den Anfangsbuchstaben der ersten fünf Strophen lässt sich allerdings auf einen Dichter namens Mordechai schließen. Den eigenen Namen oder verschiedene Botschaften in den Anfangsbuchstaben von Strophen zu kodieren, war bei Autoren im Mittelalter ein beliebtes literarisches Mittel.

Volkslied Man vermutet, es handele sich bei dem Autor um den Rabbiner Mordechai Ben Itzhak haLevi, der auch andere jüdische Lieder jener Zeit verfasste. Es gibt allerdings auch eine Reihe anderer Vermutungen: So glaubten die Musikforscher Eduard Birnbaum (1855–1920) und Abraham Zvi Idelsohn (1882–1938), eine Verbindung zwischen der beliebtesten westeuropäischen Melodie des »Maos Zur« und der des protestantischen Kirchenliedes »Nun freut euch, liebe Christen g’mein« feststellen zu können. Beide Melodien sind wohl von dem mittelalterlichen deutschen Volkslied »So weiß ich eins, dass mich erfreut, das Bluemlein auff preiter Heyde« beeinflusst worden, das sowohl Christen als auch Juden als Volkslied bekannt war.

Das »Maos Zur«, obgleich in Deutschland verfasst, stellt eine lyrische Kombination aschkenasischer und sefardischer Traditionen dar. So gibt es in der ersten Strophe einen Kreuzreim (A/B/A/B): Jeschuati/Leschabeach, Tefilati/Nesabeach. Dies ist ein zentrales Merkmal vieler sefardischer Pijutim. In der Fortsetzung allerdings trifft man auf die typisch aschkenasische Reimform B/B/C/C/B: Matbeach/ Menabeach/ Egmor/ Mismor/ Misbeach.

Der Text erinnert daran, dass das jüdische Volk viele Male aus den Händen feindlich gesinnter Herrscher und Völker errettet wurde. Sie alle haben im Laufe der Geschichte vergeblich versucht, das jüdische Volk physisch oder spirituell zu zerstören.

Die zweite Strophe handelt vom Exil in Ägypten und dem darauf folgenden Exodus, durch den das jüdische Volk mit G’ttes Hilfe aus der Sklaverei befreit wurde. Die dritte Strophe handelt vom babylonischen Exil, der ersten kollektiven Trennung vom Land Israel. Nach 70 Jahren Exil errettete G’tt sein Volk ein weiteres Mal, obwohl es sich zuvor, laut Tanach und den Worten unserer Weisen, durch Götzendienst schuldig gemacht hatte.

Die vierte Strophe handelt von der Rettung, die jedes Jahr an Purim gefeiert wird: Der böse Haman versuchte, das gesamte jüdische Volk zu vernichten, doch g’ttliche Fügung macht diesen Plan zunichte. Statt der Juden wurden Haman und seine Söhne getötet.

Chanukka Nur die fünfte Strophe handelt von den Ereignissen des Chanukkafestes – dem Sieg der Hasmonäer über die Griechen, dem Ölwunder und dem Edikt unserer Weisen, acht Tage lang zu feiern. Anders als der Mittelteil sind die erste und die letzte Strophe im Präsens verfasst. Sie drücken die Hoffnung auf Erlösung und die damit verbundene Wiedereinweihung des Tempels aus, genauso wie der Tempel damals an Chanukka wiedereröffnet wurde.

Die Idee der jüdischen Geschichte als Prozess einer g’ttlichen Erlösung ist im Text tief verankert. Seit Generationen spendet sie Juden Wärme und macht dadurch die Kälte des Exils erträglich – bis heute.

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