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Genisa

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

26.11.2015 – von Konstantin SchuchardtKonstantin Schuchardt

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Behalten hat seine Zeit, Wegwerfen hat seine Zeit«, heißt es im Buch Kohelet. Doch gibt es Dinge, die Juden niemals wegwerfen oder zerstören dürfen. Sie werden stattdessen verborgen (hebräisch: ganus) und geschützt. Das Wort »ganus« geht auf dasselbe Verb zurück wie »Genisa«.

Aufbewahrung Eine Genisa ist ein verstecktes Depot zur Aufbewahrung unbrauchbar gewordener Schriften. Was in ihr verborgen ist, soll vor der Zerstörung durch Menschenhand bewahrt werden. Hierbei handelt es sich um das grundlegende Prinzip des Judentums: die Einheit und Ewigkeit Gottes, offenbart in seinem Namen JHWH. Gott hat sich am Berg Sinai seinem Volk mit diesem Namen vorgestellt und gebot ihm: »Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht entweihen« (vgl. 2. Buch Mose 20,7).

Dieses Gebot umfasst nach rabbinischem Verständnis sowohl den Umgang mit dem Namen als auch mit jeglichen Schriftstücken, die ihn enthalten. Ein Jude darf den Namen niemals aussprechen. Im Talmud heißt es gar: Wer immer den Namen ausspricht, hat keinen Anteil an der kommenden Welt. Schreiben darf man ihn, schließlich erscheint er in den Büchern des Tanach 6823-mal und ist damit das häufigste Substantiv des biblischen Textes.

Der bereits niedergeschriebene Name darf aber unter keinen Umständen zerstört werden. Der Sofer (Toraschreiber) schreibt ihn in einem Moment tiefster Andacht, häufig nachdem er zuvor in der Mikwe ein Tauchbad genommen hat.

Schriften Der Brauch, heilige Schriften in einer Genisa aufzubewahren und sie später auf dem Friedhof zu begraben, leitet sich aus einem Vers der Mischna (Traktat Schabbat) ab: »Alle heiligen Schriften muss man vor dem Feuer retten … Und selbst, wenn sie in einer anderen Sprache geschrieben sind, müssen sie versteckt (also bewahrt) werden.«

Aus Sicht des Rambam, des großen Philosophen Maimonides (1135–1204), entscheidet die Absicht, die der Schreiber beim Verfassen des Textes hat, über das Schicksal des Dokumentes. In seinem Gesetzeswerk Mischne Tora lehrt er, dass auch ein Text, den ein Nichtjude in heiliger Absicht schreibt, bewahrt werden muss. Unwürdig sei ein Text aber, selbst wenn er den Gottesnamen enthält und ihn ein Jude verfasst hat, wenn dies in falscher Absicht geschah.

Der berühmte Erforscher der alten Kairoer Genisa, Solomon Schechter (1847–1915), schrieb, dass eine Genisa einen doppelten Zweck verfolgt: Sie schütze gute Dinge vor Schaden und schlechte Dinge davor, Schaden anzurichten.

Die Genisa, die 1890 bei Renovierungsarbeiten in der Kairoer Ben-Esra-Synagoge entdeckt wurde, enthielt keinesfalls nur fromme Schriften. Weil sie in den 800 Jahren ihres Bestehens offenbar nie gelehrt wurde, findet sich unter den etwa 200.000 Schriftstücken von biblischen Texten über Philosophie und arabische Lyrik alles Denkbare bis hin zu deutschen Heldensagen und mystischen Beschwörungsformeln.

Wissenschaftler Wann Genisot zu leeren und wann ihr Inhalt zu begraben ist, legt die Halacha nicht fest. Zur Freude der Wissenschaftler fand dies, wohl aus pragmatischen Gründen, früher meist erst dann statt, wenn die Genisot voll waren. Immer wieder werden in alten Synagogen bei Bauarbeiten zufällig Genisot entdeckt. Sie eröffnen einen beeindruckenden Blick in die Vergangenheit.

Die Inhalte von Genisot werden regelmäßig gelehrt und bestattet. In Zeiten aber, in denen auch jüdische Schriften industriell gedruckt werden und sich jeder problemlos Texte ausdrucken kann, bieten die heutigen Genisot keinen Platz mehr für alle unbrauchbaren Texte.

Wer heiligen »Abfall« sicher vermeiden will, kann online lesen. Da der Gottesname auf dem Bildschirm nicht permanent vorhanden ist, gilt er nicht als geschriebenes Wort und ist somit unbedenklich.

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