Essay

Was wir nicht mehr hören wollen

Wie die »Messer-Intifada« erklärt wird, ist oft unerträglich und verharmlosend

Aktualisiert am 29.10.2015, 09:36 – von Bernard-Henri LévyBernard-Henri Lévy

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Es tut weh, wenn man lesen und hören muss, dass eine Handvoll Judenmörder – morgen sind es vielleicht schon Dutzende oder Hunderte – einfach »Einsame Wölfe« genannt werden. Und wie diese Mörder dann von Tausenden »Freunden« »gelikt« werden. Und wenn dieses dann von Zehntausenden Twitterern weiterverbreitet wird und es sich auch auf Webseiten wie der des Al Aqsa Media Centers, die der »dritten Jerusalem-Intifada« gewidmet ist, niederschlägt. Dann drängt sich der Eindruck auf, dass wir es hier mit der Inszenierung eines sehr blutigen Balletts zu tun haben.

hasspredigten Ebenso schmerzhaft ist es, wenn man die ständig wiederholte Behauptung hören muss, palästinensische Jugendliche unterlägen keiner sozialen Kontrolle mehr, wenn man doch gleichzeitig die Videos kennt, in denen Prediger, der Kamera zugewandt und einen Dolch in der Hand haltend, ihre Anhänger dazu aufrufen, auf die Straße zu gehen, um so viele Juden wie möglich zu verstümmeln, so viel Schmerz wie möglich zu verursachen und ein Maximum an Blut zu vergießen.

Das tut weh, wenn man bedenkt, dass sogar Mahmud Abbas persönlich am Anfang der tragischen Kette von Geschehnissen vor ein paar Wochen den Mord an dem israelischen Ehepaar Henkin, deren vier Kinder bei der Erschießung zusehen mussten, als »heldenhaft« bezeichnete. Und dass dieser Abbas nun glaubte, seine Empörung darüber ausdrücken zu müssen, dass die »dreckigen Füße« von Juden die Al-Aksa-Moschee schänden. Und dass dieser Abbas nun verkündete, dass »jeder Tropfen Blut«, den ein »Märtyrer« für Jerusalem vergießt, »rein« sei.

Nicht nur schmerzhaft und unerträglich, sondern auch unpassend ist die Phrase von der »politischen und sozialen Verzweiflung«, die als Erklärung – oder Entschuldigung – für derlei Straftaten missbraucht wird. Alles, was wir über die neuen Terroristen wissen, über ihre Motive und den Stolz ihrer Familien, die post mortem das Verbrechen zum Martyrium umdeuten und die Infamie zum Opfergang, macht sie dem Bild eines »Roboter-Dschihadisten« ähnlicher: Gestern war er noch in Kaschmir und heute schon in Syrien oder im Irak.

Dschihad Es ist sehr zweifelhaft, ob »Intifada« der richtige Begriff für die Verbrechen ist, die doch so sehr der jüngsten Fortsetzung des weltweiten Dschihads gleichen, in dem Israel bloß eine der Etappen ist.

Und es ist auch fragwürdig, ob die gelehrten Analysen über Besatzung, Kolonisierung und Netanjahus angebliche Unnachgiebigkeit wirklich die Welle der Gewalt erklären, wo die doch zu ihren bevorzugten Zielen Juden mit Pejes zählt – Juden, die erkennbar jüdisch sind, die also das Bild, das der Mörder von Juden hat, verkörpern und die sich, aber das nur nebenbei, häufig offen von Israel distanzieren.

Es ist doch keineswegs so, dass die Zweistaatenlösung, also die Frage nach einer verhandelbaren Teilung des Landes, die für die Gemäßigten sowohl unter den Israelis als auch den Palästinensern die einzige Frage ist, die sich zu stellen lohnt, wirklich irgendetwas mit dem Flächenbrand zu tun hat, in dem die Politik dem Fanatismus und den vielen Verschwörungstheorien weicht und in dem Menschen sich entschließen, plötzlich andere Menschen, die zufällig vorbeigehen, einfach zu erstechen, nur weil das vage Gerücht kursiert, es gebe einen Geheimplan, den Muslimen den Zugang zu ihrer drittheiligsten Stätte zu verweigern.

Kompromiss
Mit anderen Worten: Es ist sehr zweifelhaft, ob der »palästinensischen Sache« durch wachsenden Extremismus geholfen wird. Aber andererseits ist sicher, absolut sicher, dass die Palästinenser alles verlieren werden, wenn die vernünftigen Köpfe unter ihnen von der extremistischen Lawine überrollt werden und die letzten Verfechter eines Kompromisses gemeinsam mit dem, was vom israelischen Friedenslager übrig bleiben wird, teuer für die rücksichtlosen Verwünschungen einiger Imame bezahlen müssen. Unerträglich und unpassend ist auch das Klischee von der »Spirale« der Gewalt, da sie die Kamikazemörder mit ihren Opfern gleichsetzt, zur internationalen Verwirrung, zur Aufwiegelung und zu weiteren Verbrechen beiträgt.

Aus dem gleichen Grund sind rhetorische Appelle unerträglich, Israel solle »Zurückhaltung« zeigen und kein Öl ins Feuer gießen. Auch hier werden Ursache und Wirkung vertauscht. Es wird impliziert, dass ein Soldat, ein Polizist oder ein Zivilist, der sich selbst verteidigt, damit gleichbedeutendes Unrecht tut wie der Selbstmordattentäter, der sich dazu entschlossen hat, so viel Terror wie möglich zu verbreiten und dann zu sterben.

Tatsächlich seltsam sind lauwarme Verurteilungen der Gewalt, die, wie ich vermuten muss, weniger halbherzig wären, wenn die Attentate auf unschuldige Passanten in den Straßen von Washington, Paris oder London verübt worden wären.

trauer Mehr als seltsam, regelrecht beunruhigend, ist das doppelte Maß, das man förmlich heraushören kann, wenn man die zweideutigen Reaktionen auf die jüngsten Morde mit den einhelligen und unmissverständlichen internationalen Solidaritätsbekundungen vergleicht, die nach dem tödlichen Angriff auf einen Soldaten in London im Mai 2013 erfolgten. Dabei unterscheidet sich die Tat wenig von dem, was aktuell in Jerusalem und Tel Aviv passiert. Unerträglich ist des Weiteren, dass die meisten Medien den trauernden israelischen Familien nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit widmen, die sie den palästinensischen Familien der Täter zukommen lassen.

Und schließlich ist nicht auszuhalten, dass sich ein kleiner, ein unerträglicher Mythos rund um die Tatwaffen, die Messer entwickelt hat: die Waffen der Armen? Wirklich? Die Waffe, die benutzt wird, weil sie die einzige ist, die sich noch in Reichweite befindet? Wenn ich solche Klingen sehe, denke ich an die Klinge, mit der Daniel Pearl hingerichtet wurde. Ich denke an die Enthauptungen von Hevé Gourdel, James Foley und David Haines. Die IS-Videos, die die Hinrichtungen zeigen, haben offensichtlich Schule gemacht.

Wir stehen an der Schwelle zur Barbarei, die bedingungslos verurteilt werden muss, wenn wir nicht erleben wollen, dass solche Methoden sich überall verbreiten. Und ich meine: überall.

Der Autor ist Philosoph und Publizist in Paris. Der Text erschien zuerst in »Le Point«.

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