Interview

»Die Realität ist gaga«

Henryk M. Broder über sein neues Buch, das Israel-Bild in deutschen Medien und die Frage, wie lange er noch als Journalist arbeiten wird

10.09.2015 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr Broder, wann haben Sie sich zuletzt so richtig aufgeregt?
Ich nehme mir immer wieder vor, mich nicht mehr aufzuregen. Mit 68 Jahren könnte ich langsam aufhören, das HB-Männchen zu spielen. Aber sobald ich morgens die Nachrichten einschalte, ist der Tag eigentlich schon gelaufen. Ich frage mich bei jeder Tagesschau-Ausgabe: Bin ich jetzt irre geworden oder die Welt? Die Realität ist so gaga, das könnte sich kein Mensch ausdenken. So sehr kann man gar nicht um die Ecke denken, wie die Sachen zurzeit laufen.

Was meinen Sie genau?
Schauen Sie sich – und das ist nur ein Beispiel von vielen – Claudia Roth an. Daheim kämpft sie für die Grünen seit Jahrzehnten für den kompletten Ausstieg aus der Atomkraft. Dem Iran aber möchte sie »eine zivile Nutzung der Atomkraft ermöglichen«, wie sie der Tagesschau mitteilt. Weil das die Lage in Syrien und Iran verbessern und für Israel mehr Sicherheit bedeuten würde. Wir reden hier immerhin von den Mullahs, die Israel vernichten wollen. Zu sagen, Claudia Roths Aussage ist dumm, peinlich und voller Widersprüche, wäre noch untertrieben. Das ist irre. Nicht mehr, nicht weniger.

Für Ihr neues Buch »Das ist ja irre!« haben Sie sechs Monate lang die politischen Debatten in Deutschland verfolgt und Ihre Eindrücke in Tagebuchform festgehalten. Was ist Ihnen aufgefallen?
Dass unsere Medien – nicht nur, aber insbesondere, wenn es um Israel geht – ihre stets gepriesenen hohen journalistischen Standards reihenweise aufgeben. Das ZDF vermeldete im Januar, dass es in der syrischen Stadt Kobane nach monatelangen Kämpfen so aussehe wie in Gaza nach der letzten israelischen Intervention. Was für ein Unsinn! Verglichen mit Kobane sieht Gaza wie Bad Schwartau nach einem Unwetter aus. Kobane erinnert an Dresden nach dem Bombardement der Alliierten im Februar 1945.

»Israel droht mit Selbstverteidigung«, »Gewaltspirale«, »Flächenbrand Nahost« sind weitere Fundstücke in Ihrem Tagebuch.
Ja. Und das steht nur Pars pro Toto für die gesamte Israel-Berichterstattung. Die allermeisten Nahostkorrespondenten bedienen sich dieser Phrasen.

Was steckt dahinter: Unkenntnis, Bösartigkeit, »Israelkritik«?
Zu 90 Prozent Dummheit und zu zehn Prozent Blödheit. Vielleicht auch umgekehrt. Die deutschen Korrespondenten in Israel schreiben seit jeher voneinander ab. Und zum anderen haben sie sich so sehr an ihre Phrasen gewöhnt, dass sie gar nicht mehr dahinter zurück können. Überschriften wie »Israel bombardiert Gazastreifen« statt »Israel reagiert auf Dauerbeschuss der Hamas« sind bei ihnen so tief drin wie bei mir der Griff nach dem Keks, wenn ich schreibe.

Gibt es Ausnahmen?
Ich lese ab und zu sogar in der Frankfurter Rundschau ganz ordentliche Artikel über Israel. Gelegentlich auch in der Süddeutschen Zeitung. Dann denke ich mir: Deren informeller Chef Heribert Prantl muss wohl gerade im Urlaub sein. Überhaupt die Süddeutsche: Wenn man etwas wirklich Niederträchtiges über den jüdischen Staat lesen will, muss man nur einen Blick in die Texte von Peter Münch werfen. Und die Israel-Karikatur 2013 hätte genauso auch im Stürmer stehen können.

Sie haben jahrzehntelang für den »Spiegel« gearbeitet. Welche Rolle spielt das Nachrichtenmagazin in diesem Zusammenhang?
Ich lese den Spiegel schon seit langer Zeit nicht mehr, weil ich mich zu oft darüber geärgert habe, was sie geschrieben haben. Es gab vor einiger Zeit eine Geschichte über eine Parkbank in Israel, auf der »Für Hunde, Schweine und Araber verboten« stand. Die Autorin lastete das der »nationalistischen israelischen Regierung« an. Dabei hatte offenkundig bloß eine einzelne Person diesen Quatsch auf die Bank geschrieben. So funktioniert Diffamierung. Gegen Juden traut sich keiner mehr etwas zu sagen. Gegen den jüdischen Staat dafür umso mehr.

Israel als Jude unter den Staaten, wie der Historiker Leon Poliakov geschrieben hat?
Absolut. Israel sieht sich mit einem gigantischen Medienkrieg konfrontiert. Der Antisemitismus hat sich gewandelt. Heute kommt er oft im Kostüm der Israelkritik daher. Wenn ein deutscher Redakteur mal so richtig Kritik an Israel üben will, besorgt er sich einen »israelkritischen« Juden: Moshe Zimmermann, Rolf Verleger, Ilan Pappe, Felicia Langer – die Auswahl ist groß. Der durchschnittli- che deutsche Gutmensch goutiert das.

Warum kommt das so gut an?
Ich bin fest davon überzeugt, dass viele Deutsche sich unbewusst, Gott behüte, den Untergang des jüdischen Staates wünschen. Das wäre erstens der Beweis dafür, dass keiner mit den Juden kann. Und es wäre endlich die Möglichkeit, den Juden beizustehen und die Schoa »wiedergutzumachen«. Ich sehe jetzt schon die Gutmenschen mit Transparenten wie »Survivors of Palestine are welcome!«.

In die Zeit Ihres Tagebuchs fallen auch die Anschläge auf die »Charlie Hebdo«- Redaktion und den koscheren Supermarkt in Paris. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Im ersten Moment war ich geschockt über die Morde. Im zweiten Moment, nach den ersten Berichten und Wortmeldungen von Politikern, dachte ich: Haben die alle gekifft? In vorsätzlicher Verkennung von Ursache und Wirkung betonten Regierungspolitiker, die Morde hätten »nichts mit dem Islam zu tun«. Noch aberwitziger wäre es nur, wenn sie jeden Zusammenhang zwischen Alkohol und Alkoholismus leugnen würden.

Wie erklären Sie sich solche Stellungnahmen?
Ein Appeaser ist jemand, der ein Krokodil füttert, in der Hoffnung, es werde ihn als Letzten fressen. Aus Angst, die muslimische Welt zu provozieren, kommt es dann zu solchen Aussagen. Nur nicht provozieren! Es könnte böse enden!

Was ist das Fazit Ihres Medientagebuchs?
Dass in diesem Land die Vernunft längst ausgewandert ist. Aktuell heißt es überall: Die Flüchtlinge sind ein Gewinn für uns. Sie werden für unsere Renten sorgen. Wer angesichts der Bilder von Flüchtlingen kein Mitleid empfindet, hat kein Herz. Wer aber nur Mitleid empfindet, hat keinen Verstand. Haben wir nicht schon ausreichend Erfahrung gemacht mit Zuwanderern aus arabischen Ländern, die unsere Demokratie ablehnen?

Wie fällt Ihr persönliches Resümee aus?
Ich komme mir immer öfter vor wie der Hauptdarsteller in »Und täglich grüßt das Murmeltier«. Es bleibt alles gleich. Das politische Geschehen ist so irre, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, aufzuhören. Ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich keine Lust mehr zum Arbeiten habe. Es ist wie bei einem Psychotherapeuten, der keine Lust mehr auf seine Patienten hat.

Was wollen Sie stattdessen machen?
Vielleicht auf Hawaii einen Bootsverleih eröffnen. Ich war kürzlich 14 Tage in Israel und habe fast gar nicht geschrieben. Ich habe in der Hotellobby gesessen und hinausgeschaut. Alle paar Stunden bin ich in die Sonne gegangen und nach fünf Minuten wieder rein, weil es so heiß war. Dann habe ich wieder rausgeschaut. Das war toll. Keine Antisemiten. Keine Gutmenschen. Kein Wir-sind-das-Volk-Pack. So gut wie in diesen beiden Wochen habe ich mich lange nicht gefühlt.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel.

Henryk M. Broder: »Das ist ja irre! Mein deutsches Tagebuch«. Knaus, München 2015, 352 S., 16,99 €

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