Tefilla

Der Mensch denkt, G’tt lenkt

Der Sinn des Gebets ist nicht, den Ewigen zu beeinflussen, sondern sich selbst zu ändern

30.07.2015 – von Rabbiner David GeballeRabbiner David Geballe

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Unser Wochenabschnitt ist einer der bedeutendsten in der Tora. Sein Inhalt hat großen Einfluss auf unser tägliches Leben. So lehrt uns die Tora diese Woche einige der Grundpfeiler des jüdischen Glaubens: das sogenannte Schma Jisrael und die Zehn Gebote. Wir lesen auch Mosches innige Bitte, das Land Israel betreten zu dürfen – was ihm G’tt jedoch verwehrt. Und wir erfahren von der ausdrücklichen Warnung, dass der Verbleib des Volkes im Land Israel davon abhängt, ob es sich G’tt gegenüber loyal verhält und Seine Tora bewahrt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Mosche dafür gebetet hat, das Land betreten zu dürfen. Jedes Mal bekam er die gleiche Antwort. Warum hat er es dennoch immer wieder versucht? Lassen Sie uns einige grundlegende Fragen zum Gebet stellen. Die naheliegendste und zugleich wichtigste ist, warum wir eigentlich beten. Was wollen wir damit erreichen?

Wünsche Das Kernstück unserer Gebete ist das sogenannte Schmone Esre, das Achtzehngebet. Wenn man sich den Text ein wenig genauer ansieht, stellt man fest, dass es eine Folge lauter Fürbitten ist. Wir ersuchen G’tt unter anderem um Gesundheit, Einsicht oder auch um Parnassa, Geld. Aber soll G’tt uns all dies geben, nur weil wir einfach danach fragen? Eine der Grundlagen des Judentums ist, dass G’tt alles weiß. Das heißt, er kennt sicherlich all unsere Wünsche, noch bevor wir sie ausgesprochen haben. Wozu also fragen?

Ein weiteres Problem ist, dass G’tt als gütiger und liebevoller Vater jedem das gibt, was er braucht, auch ohne dass er danach fragen muss. Falls wir um etwas bitten, das nicht gut für uns ist, wird G’tt das Gebet sicherlich nicht erhören. Also stellt sich wieder die Frage: Wozu also fragen?

Natürlich ist es anmaßend zu denken, dass wir G’ttes Standpunkt ändern können. Trotzdem gibt es das Gebet, es ist sogar eine Verpflichtung. Wie kann G’tt aber von uns erwarten, dass wir in höchster Konzentration dreimal am Tag unsere innersten Gefühle und unser Herz vor Ihm offenlegen, wenn es anscheinend sowieso nichts an der Situation ändert?

Es gibt noch weitere paradoxe Eigenschaften des Gebets. Das hebräische Wort für Gebet ist Tefilla. Die sprachliche Wurzel dieses Wortes hat zwei völlig verschiedene, ja sogar gegenteilige Bedeutungen: Zum ei-nen geht es darum, dass etwas komplett Unvorhersehbares geschieht, dass Güte gezeigt wird trotz der Umstände, die etwas anderes hätten erwarten lassen. Ein Beispiel dafür wäre Jakows Ausspruch: »Ich habe mir nicht träumen lassen, dein Gesicht wiederzusehen« (1. Buch Mose 46), als er seinen Sohn Josef nach vielen Jahren wiedersah. Auf der anderen Seite kann »Tefilla« auch für einen strikten Richtspruch stehen, also für das genaue Gegenteil.

Wie kann das Gebet all diese scheinbaren Widersprüche beinhalten und auflösen? Die Tatsache, dass wir G’ttes Meinung nicht ändern können, ist dabei der Schlüssel zum Verständnis. Natürlich liegt es nicht in unserer Macht, G’tt zu beeinflussen. Wenn wir etwas genauer darüber nachdenken, verstehen wir, dass wir wirklich nur uns selbst beeinflussen und ändern können! Das Gebet ist also nicht ein Versuch, G’tt zu manipulieren, sondern vielmehr der Versuch, an sich selbst zu arbeiten und ein besserer Mensch zu werden.

Semantik Samson Raphael Hirsch (1808–1888), einer der wichtigsten Rabbiner des deutschen Judentums der Moderne, bemerkt in seinem Werk Chorew. Versuch über jüdische Pflichten, dass das Verb »beten« im Hebräischen immer reflexiv benutzt wird. Somit bedeutet beten: »über sich selbst urteilen (…), hinaustreten aus dem tätigen Leben und sich ein Urteil der Wahrheit über sich und sein Leben zu erstreben«. Man ändert also nicht G’tt, sondern sich selbst.

Diese Idee ist wunderschön dargestellt in dem amerikanischen Science-Fiction-Film Matrix (1999). Dort soll Keanu Reeves als Neo vor ein Orakel treten. Im Wartezimmer trifft er auf einen Jungen, der mit seiner Willenskraft Löffel verbiegt. Der Junge bietet ihm einen Löffel an und erklärt: »Versuch nicht, den Löffel zu verbiegen, das ist nämlich nicht möglich. Versuch dir stattdessen einfach die Wahrheit vorzustellen, … dann wirst du sehen, dass nicht der Löffel sich biegt, sondern du biegst dich selbst.«

Wenn wir also für dieses oder jenes beten, hoffen wir nicht etwa, G’tt von etwas zu überzeugen, von dem Er weiß, dass es schlecht für uns ist. Vielmehr bemühen wir uns beim Beten darum, uns selbst so zu verändern, dass das Erfragte nicht mehr nachteilig für uns, sondern von nun an zum Vorteil für uns ist.

Werkzeug Folgendes Gleichnis hilft uns vielleicht, dies besser zu verstehen. Stellen Sie sich vor, wie ein Vater im Haus etwas repariert und dabei eine Bohrmaschine benutzt. Sein kleiner Sohn sieht ihm dabei zu und möchte ihm helfen. Genauer gesagt: Er möchte auch gern die Bohrmaschine benutzen. Der Vater wird dem Jungen das Gerät aber nicht geben, da es gefährlich ist – für das Haus und vor allem für das Kind.

Egal wie viel der Junge bittet und quengelt, der Vater wird nicht nachgiebig werden. Wenn der Sohn aber eines Tages älter und reifer ist, wird der Vater ihn natürlich das Werkzeug benutzen lassen. Der Vater hat sich nicht geändert, sondern das Kind kann das Erwünschte später einfach angemessen benutzen.

Der Grund, warum Mosche immer wieder darum bat, das Heilige Land zu betreten, war seine Liebe zu Eretz Jisrael. Wann immer er eine Chance sah, das himmlische Dekret zu annullieren, versuchte er es. Das jüdische Volk hatte sich gerade gegen das Volk Baschan und seinen König Og verteidigt und dessen Land am östlichen Jordanufer erobert (4. Buch Mose 21, 33–35). Mosche sah dies als Zeichen, dass er vielleicht doch das gelobte Land würde betreten dürfen, denn schließlich war er ja über sich hinausgewachsen. Der Grund für seine Hoffnung lag darin, dass das eroberte Land ein Teil von Israel werden würde. Sogleich sah Mosche eine Chance, dass sich die g’ttliche Bestimmung ändern könnte, und er fing an zu beten.

Paraschat wa’etchanan
Der Wochenabschnitt beginnt mit der erneuten Bitte von Mosche, doch noch das Land betreten zu dürfen. Doch auch diesmal wird sie abgelehnt. Mosche ermahnt die Israeliten, die Tora zu beachten. Erneut warnt er vor Götzendienst und nennt die Gebote der Zufluchtsstädte. Ebenso wiederholt werden die Zehn Gebote. Dann folgt das Schma Jisrael, und dem Volk wird aufgetragen, aus Liebe zu G’tt die Gebote einzuhalten und die Tora zu beachten. Den Abschluss bildet die Aufforderung, die Kanaaniter und ihre Götzen aus dem Land zu vertreiben.
5. Buch Mose 3,23 – 7,11

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