EMG 2015

Mit dem Motorrad nach Berlin

Biker bringen die Makkabi-Fackel aus Israel nach Deutschland

09.07.2015 – von Jennifer BlighJennifer Bligh

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Diese Hände sind riesig. Groß wie Teller liegen sie auf dem Tisch, die langen muskulösen Arme sind fast durchgestreckt. Elen Katz lehnt sich zurück. Seine Augen wandern die begrünte Nachmanistraße in Tel Aviv einmal auf und ab. Dann ist er bereit, atmet durch, legt mental den ersten Gang ein. »Diese Fahrt hat noch gar nicht begonnen und mich schon so weit gebracht«, sagt der 52-jährige Biker.

Er lächelt Catherine Lurie an. Die Filmemacherin sitzt an diesem lauen Abend neben ihm. Die zierliche Londonerin weiß, was sie an Elen hat. Catherines 90-minütiges Dokufilm-Projekt Back to Berlin hat im Laufe der vergangenen zwölf Monate eine dreifache Bedeutung bekommen: Erstens erinnert es an drei außergewöhnliche Motorradfahrten in den frühen 30er-Jahren, als elf jüdische Biker quer durch Europa fuhren, um auf die Makkabiade im Palästina unter britischem Mandat aufmerksam zu machen, Athleten dafür zu begeistern und, auch wenn das nicht offiziell benannt war, viele zur Alija zu ermuntern.

Alija Zweitens wurde der Trip überraschenderweise zu Elens Reise in die eigene Familiengeschichte. Und drittens überführt er mit dem »Back to Berlin«-Konvoi aus elf Bikern ganz offiziell das »Ewige Feuer« für die Makkabi-Fackel 2015 – und zwar auf der Route, die der von 1931 ähnlich ist: über Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Serbien, Ungarn, Tschechien und Österreich nach Berlin, wo 1936 die Nazi-Olympiade stattfand und wo jetzt, 70 Jahre später, die European Maccabi Games beginnen.

»Ich wusste, ich brauche Motorradfahrer«, erinnert sich Catherine. »Motorradfahrer mit Geschichte.« Beim Erinnern an die erste Recherchezeit zündet sie sich gleich zwei Zigaretten hintereinander an. Schon früh hört sie von Elen: ein harter Kerl, der Beste, der einzige Biker Israels, der durch 112 Länder der Welt gereist ist. 20 Jahre saß er im Sattel, die riesigen Hände immer am Lenker, der perfekte Konvoi-Anführer.

Aber Elen hat keinen Bezug zur Makkabiade, sagt er. Catherine zögert. Elens Vater stammt aus Wien, seine Mutter aus Warschau. Elen ist in Israel geboren, mit sieben wurde er alleine in die französischsprachige Schweiz geschickt. Mit 14 ohne Hebräischkenntnisse zurück nach Israel und in eine katholische Schule. Dann mit 16 auf die Militärakademie. Nach dem ersten Libanonkrieg ging Elen auf Reisen. Ein Psychologe hätte seine Freude daran, das ewige Unterwegssein zu analysieren.

»Ich bin der erfahrenste Biker Israels«, sagt Elen selbstbewusst und in fließendem Deutsch. Er wirkt nicht wie jemand, der vor etwas wegläuft. Er wirkt auch nicht wie jemand, der etwas beweisen will. Wenn Elen spricht, dann zeichnen seine Hände auf der Tischplatte eine riesige Weltkugel. Hier und hier und hier war er. 56 Länder alleine mit seiner »Voo-Do«, seiner jetzigen Maschine, die mit dem Zebramuster.

China »Ich bin der einzige Israeli, der in Tunesien, Aserbaidschan, China und so weiter war«, sagt Elen. Stolz sieht er dabei aus. Schimon Peres unterstützte ihn mit einem persönlichen Schreiben, das er an diversen Grenzen vorzeigen musste. Das Foto mit Peres auf einem Motorrad ist seitdem im Handy gespeichert. Elen ist in seinem Element. Erzählt, wie er eineinhalb Jahre lang alleine von Wien nach Kapstadt gefahren ist. Und dort von BMW angesprochen wurde, ob er nicht vielleicht Lust hätte, 30 BMW-Motorradfahrer im Konvoi nach Berlin zu geleiten. Das Leben war gut. Einfach. Er war jung, frei. Und ohne Wurzeln.

Catherine kennt diese Geschichten. Es ist der Teil, über den Elen gerne spricht. Mit einem Lächeln unterbricht sie ihn mitten im Satz. Gerade war er an der Stelle, wie er über Südafrika mit einem Flugzeug abgestürzt und an Land geschwommen ist. Catherine will, dass er über den anderen Teil erzählt. Dass der Vater früh starb und die Mutter, als Elen 17 war. Und dass er jetzt seine Familiengeschichte entdeckt hat, weil Catherine drängte. Wegen ihr ging Elen ins Makkabiade-Archiv – und hat einen Schatz ausgegraben.

»Ich schwöre, dass es genauso war. Ich wusste nichts und interessierte mich auch nicht für die Vergangenheit«, sagt Elen, der hauptberuflich als Start-up-Unternehmer erfolgreich ist. Aber das ist eine andere Geschichte, denn was er jetzt erzählt, klingt an diesem Sommerabend wie ein Märchen: Elen ging also etwas unwillig ins Archiv der Maccabi World Union in Ramat Gan. Im Hinterkopf die diffuse Erinnerung, dass sein Großvater angeblich aus Warschau mit dem Motorrad nach Israel gekommen war und vielleicht etwas mit der Makkabiade zu tun hatte.

Im Museum sieht er ein Foto, auf dem ihm der Mann in der ersten Reihe vorne rechts bekannt vorkommt. Nathan Blumenthal. »Ich dachte mir: Den hab’ ich schon mal gesehen«, erinnert sich Elen. Blumenthal war Ingenieur und Motorradfan. Elen fährt nach Hause und findet im Familienfotoalbum seiner Mutter den gleichen Mann. Und den Mädchennamen seiner Mutter: Aviva Blumenthal. Wohnhaft: Nachmanistraße. Am nächsten Tag ist Elen zurück im Archiv und Museum.

opa Nathan Blumenthal war vor über 80 Jahren einer der legendären elf Makkabiade-Biker, die bei ihrer Rückkehr von Tel Avis Bürgermeister Meir Dizengoff persönlich begrüßt wurden. Auch das ist im Makkabiade-Museum zu sehen. »Ich habe die DNA von meinem Opa geerbt«, ruft Elen und strahlt. Beim Wort »DNA« zeigen seine Augen eine gewisse Rührung. »Wenn man überlegt, dass die ohne Asphaltstraßen und unter harten Bedingungen gefahren sind, hat man noch viel mehr Respekt«, erzählt Elen, wieder ganz im Biker-Modus. Trotzdem, seine persönliche Geschichte hat ihn weicher werden lassen. Und ein Foto von seinem Opa ist im Fotoalbum seines Handys gespeichert, in dem sich auch das mit Schimon Peres findet.

Was die elf Fahrer des Biker-Konvois betrifft, hat Catherine gute Arbeit geleistet: Die Gruppe könnte nicht heterogener sein. Es werden beispielsweise Enkelinnen von Holocaust-Überlebenden mitfahren. Der älteste Fahrer, ein inzwischen 78-jähriger Pole, wird an der Stelle vorbeifahren, an der ihn seine Mutter aus dem Zug auf dem Weg ins Konzentrationslager geworfen hat. Und die Familie des mitfahrenden Australiers war am Warschauer Aufstand beteiligt. »Es ist aber kein Holocaustfilm«, betont Elen. Es ist ein Biker-Film, mit Mission. Wenn die Gruppe mit der Fackel am 28. Juli 2015 aufs Olympiagelände Berlin fährt, werden 90 Sekunden Film von unterwegs gezeigt.

Die nächsten Wochen werden stressig. Daher will Elen jetzt nach Hause, seine Ehefrau und die drei Söhne warten. Mit dem Helm in der Hand erzählt er aber doch noch kurz die Geschichte vom Flugzeugabsturz zu Ende. Catherine lächelt. Sie wusste es. Ausbremsen vielleicht, aber stoppen kann Elen kaum jemand. Also Flugzeugabsturz. An Land geschwommen ist er damals. »Als ich am Ufer lag, hab ich gedacht, so, jetzt ist es Zeit für Familie.« Da war er 40. Auf der nächsten Party sieht er eine schöne, große Frau – Daphna. »Ich habe sie angesprochen und gesagt: Hey, wir sind beide groß, warum sind wir kein Paar?«

Elen lacht. Es ist ein warmes Lachen, von einem großen Mann, der weiß, was er hat, wo er herkommt. Und wo es hingeht. »Ich komme gleich nochmal mit der ›Voo-Do‹«, ruft er, bevor die Nachmanistraße unter seinem Motorengeheul erzittert und Elen als der Mann, der eine Makkabiade-Tour vor sich hat, nach Hause fährt.

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