Porträt

Leben für die Literatur

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler wird 75 – eine Gratulation

18.06.2015 – von Katrin DiehlKatrin Diehl

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Womit soll man anfangen? Vielleicht mit einem Bett. Einem Bett, auf dem, wie in aller Eile aus einem Koffer gekippt, Briefe, Fotos, Zeitungsausschnitte wild durcheinander liegen. Arbeitsmaterialien. Dann ein Pendeln zwischen diesem Bett und dem Schreibtisch, die Zigarette im Mundwinkel. Mirjam Pressler raucht viel. Rauchte viel, denn heute ist das anders. Und dass dieses Bett als Materialablage dient, scheint bei ihrem Arbeitspensum (»bis zu 16 Stunden«) wesentlich plausibler, als dass sie dieses Bett jemals zum längeren Schlafen benutzte.

Denn hier entsteht gerade ein Buch. Bei Mirjam Pressler entsteht immer gerade ein Buch. So war das vor ein paar Jahren in ihrer Wohnung in Landshut, und so ist das noch heute. Damals ging es um ihre Geschichte der Familie Anne Frank – und heute? »Na ja, ich verrate natürlich nicht alles. Aber eine Übersetzung eines niederländischen Jugendbuchs, das mir sehr gut gefällt, ist dabei. Außerdem etwas aus dem Hebräischen.«

Nein, mehr wird nicht verraten, nur so viel: Was da entsteht, wird mit großer Wahrscheinlichkeit etwas Gutes sein und sich einfügen in die etwa 70 Bücher, die sie geschrieben hat. Die Zahl ihrer Übersetzungen aus dem Hebräischen, Niederländischen, Flämischen, Englischen, Afrikaans liegt bei weit über 200.

amos oz Mirjam Pressler, deren erstes Buch Bitterschokolade 1980 erschien, fehlt keiner der wichtigen Preise, die es in der Kinder- und Jugendliteratur zu vergeben gibt. Auch als Übersetzerin kam sie zu hohen Ehren. 2001 erhielt sie die Carl-Zuckmayer-Medaille für ihre Verdienste um die deutsche Sprache, 2004 den Deutschen Bücherpreis, 2010 verlieh ihr die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises den Sonderpreis für ihr Gesamtwerk. 2013 hat sie die Buber-Rosenzweig-Medaille erhalten, der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an sie als Übersetzerin – und Amos Oz war einer der ersten und herzlichsten Gratulanten.

Die vielen Ehrungen scheinen die Autorin zu freuen, aber nicht wirklich zu berühren, zu treffen. Dafür sind sie zu weit von dem entfernt, was sie mit ihren Texten seit mehreren Jahrzehnten tut: berühren und treffen – auch sich selbst.

Am heutigen Donnerstag wird Mirjam Pressler – »Die Welt« nannte sie jüngst »die erfolgreichste Jugendbuch-Autorin des Landes« – 75 Jahre alt, und bevor sich die Jubilarin auf den Weg in den Geburtstagsurlaub macht, gibt sie – »Mach’ ich doch gerne ...« – noch Auskunft in ihrer nüchternen, unverstellten, ganz uneitlen Art. So richtig sinnvoll scheint sie das jedoch nicht zu finden. Komplizierte und äußerst durchdachte Fragen stellt sie vom Kopf auf die Füße mit Sätzen wie »Vieles hat sich einfach so ergeben« oder »Das weiß ich jetzt, ehrlich gesagt, auch nicht«.

Was und warum soll sie sich auch erklären? Schreiben und Lesen ist ihr alles (»Ich schreibe als Leserin«). Selbstdarstellung fällt ihr schwer. Sie tut das in einem streng abgegrenzten Rahmen, weil es bei ihrer Bekanntheit eben ab und zu sein muss. Das Interesse an ihr versteht sie, aus reiner Höflichkeit. Manchmal zieht sie sich im Gespräch zurück wie eine Schnecke, die man empfindlich an den Fühlern berührt hat. Dann wird sie knapp. Nur so viel: Ja, sagt sie, das Schreiben hat ihr geholfen, ihre jüdische Identität anzunehmen, besonders die Arbeiten über Anne Frank, die ihr sehr nahe ist, vor allem in deren Gefühl, »so ganz auf sich selbst zurückgeworfen zu sein«.

Anne Frank Es wird auf der Welt nur wenige Menschen geben, die das berühmte Tagebuch so genau kennen wie Mirjam Pressler. 1988 hatte sie die schwergewichtige Kritische Ausgabe aus dem Niederländischen übersetzt. 1991 war bei S. Fischer ihre erweiterte Neuübersetzung erschienen, die endlich die inhaltlich stark entschärfte, weit verbreitete Ausgabe ablösen konnte.

Und dann gibt es da noch ihre so hautnahe Anne-Frank-Biografie für junge Leser, über die der durchaus kritische Buddy Elias, der Cousin von Anne Frank, in einem Brief schrieb: »Was könnte noch gesagt werden, um das Phänomen Anne zu erläutern, zu durchleuchten, zu erklären, die Verbindungen zu den Grauen der damaligen Zeit noch besser zu zeigen? Mirjam, du hast mich eines Besseren belehrt!«

Als kleines Mädchen erfuhr Mirjam Pressler von ihrer Pflegemutter, dass sie jüdisch ist. Und jetzt? Was soll man mit so einer Aussage machen? Man trägt sie in sich und sucht. Nach Spuren? Nach Verbündeten? »Anne Frank war für mich in jeder Hinsicht ein extrem wichtiges Thema. Für mich als Autorin, aber auch für mich als Person«, betont Mirjam Pressler. Inzwischen ist die jüdische Identität längst Teil ihres Lebens geworden. Sich als jüdische Autorin bezeichnen zu lassen, findet sie aber nach wie vor befremdlich.

Zunächst waren es ja auch nicht die jüdischen Themen, die sie in den Anfängen als Kinder- und Jugendautorin bekannt gemacht haben. Die kamen erst wesentlich später hinzu mit Büchern wie Shylocks Tochter, Malka Mai, Golem – stiller Bruder, Ein Buch für Hanna oder Nathan und seine Kinder. Allesamt Titel, die voller Dankbarkeit sofort in die Regale der Schulbibliotheken jüdischer und nichtjüdischer Schulen wanderten.

Israel Dabei kam Mirjam Pressler erst relativ spät zum Schreiben. 1940 als uneheliches Kind in Darmstadt geboren, wuchs sie bei Pflegeeltern auf. In den 60er-Jahren geht sie nach Israel und lebt in einem Kibbuz, hat, wie so viele, an die basisdemokratischen Ideen der Kibbuz-Bewegung geglaubt und schnell festgestellt, dass sie dafür wohl nicht wirklich geeignet ist.

Sie kommt zurück nach Deutschland, heiratet, Kinder kommen zur Welt, drei Töchter, die sie alleine großzieht. Die bringen Bücher aus den Bibliotheken mit nach Hause, die sie interessieren. Von den frechen, mutigen darunter ist sie fasziniert und inspiriert.

Weil Geld ins Haus muss, das Gehalt der kunst- und sprachenstudierten Bürokraft mit Halbtagsstelle nicht mehr reicht, versucht sie sich im Schreiben. »Ich habe damit angefangen und nicht mehr aufgehört«, erklärt sie. Dabei wusste sie schon seit ihrer Kindheit, dass sie zu formulieren versteht: »Im Kinderheim habe ich mir mit Geschichtchen Fressalien erschrieben.«

Dann irgendwann Bitterschokolade, ihr erstes Buch. Darin geht es um ein dickes Mädchen, das seinen Kummer in sich hineinfrisst. Das Buch wird ein Erfolg, erhält viele Preise. Presslers erster Verleger, Hans-Joachim Gelberg, spürte sofort, was die Texte dieser Frau besonders macht und die jungen Leser fesselt: »Das ist nicht ausgedacht, es schmeckt nach Erlebtem.« Happy Ends waren nicht zwingend.

hebräisch Mirjam Pressler kann man sich nicht wirklich büffelnd vorstellen. Sie hat das Verlangen zu schreiben, und das Schreiben gibt ihrem Verlangen recht. Sie stellt sich fremden Sprachen, und die fremden Sprachen fühlen sich bei ihr zu Hause. »Das Niederländische war mir bis dahin völlig unbekannt, aber mithilfe von Lexika und Sprachbüchern machte ich mich an die Arbeit.«

Irgendwann überredete sie Abraham Teuter vom Alibaba-Verlag, der Kinder- und Jugendbücher aus Israel nach Deutschland brachte, dazu, aus dem Hebräischen zu übersetzen. »Ich fand das auch wichtig«, erinnert sie sich. Also lernte sie Hebräisch. »Ich liebe diese Sprache, und sie gehört zu mir. Sie fasziniert mich. In vielen Sachen ist sie auffallend klar, obwohl sie nicht so wortreich ist wie zum Beispiel Englisch oder Deutsch.«

Beim Übersetzen folgt Mirjam Pressler einer ganz eigenen Methode. So beginnt sie nicht damit, erst einmal das ganze Buch zu lesen, sondern erobert von Anfang an übersetzend Satz für Satz, um sich selbst in Spannung zu halten. Auch hier ist sie wieder die schreibende Leserin, übersetzt die großen israelischen Schriftsteller wie Aharon Appelfeld, Amos Oz und Uri Orlev.

Mazal Tov! Ad mea we esrim, bis hundertzwanzig, Mirjam Pressler!

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