Wieso, weshalb, warum

Tamus

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

18.06.2015 – von Rabbiner Yaacov ZinvirtRabbiner Yaacov Zinvirt

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Tamus ist der vierte Monat im religiösen jüdischen Kalender. In ihm beginnt am 17. Tag eine dreiwöchige Trauerzeit, die nach Tischa beAw endet. Nach den Überlieferungen war der 17. Tamus ein von fünf negativen Ereignissen geprägtes Datum: An diesem Tag wurden die ersten Gesetzestafeln zerbrochen.

Und in der Zeit der Eroberung durch die Griechen wurde an diesem Tag entschieden, die tägliche Opfergabe im Zweiten Tempel auszusetzen. An einem 17. Tamus wurden außerdem die Mauern Jerusalems von Titus durchbrochen, Apostomos verbrannte eine Torarolle, und an einem 17. Tamus wurden im Zweiten Tempel Götzen aufgestellt.

Auf den ersten Blick scheint der Monat Tamus ein Monat der Zerstörung zu sein, ein Monat, der uns traurig stimmt. Erstaunlicherweise fällt er in eine Jahreszeit, in der es unglaublich viele Lichtstunden gibt und die geringste Zeit nächtlicher Finsternis. Mehr Licht, weniger Dunkelheit – dieser natürliche Zustand steht jedoch im völligen Gegensatz zu dem Gefühl, das wir im Tamus haben.

Gottheit Der Name Tamus ist der Name einer babylonischen Gottheit. Im Buch des Propheten Ezechiel lesen wir: »Und er brachte mich an den Eingang des Tores zum Hause des Ewigen, gen Norden, und siehe, dort saßen die Weiber und beweinten den Tamus« (8,14).

Der Prophet Ezechiel berichtet von einem Spaziergang durch Jerusalem, von der Abscheulichkeit des Volkes Israel und unter anderem von Frauen, die Tränen vergießen für den Tamus, eine babylonische Gottheit. Dieser Götze hatte Augen aus Blei, und neben ihm wurden Feuer entzündet. Daraufhin gab es eine Erscheinung, die aussah, als würde der Götze weinen. Dies führte dazu, dass auch alle Betrachter anfingen zu weinen. Das sollte an die Gottheit der Sonne erinnern, die nach der babylonischen Mythologie um Tamus weinte. Ezechiel war entsetzt darüber, dass sich das Volk Israel so weit von der Tora entfernt hatte.

Das Weinen erleichtert es, eine Nachricht aufzunehmen, sowohl eine gute als auch eine schlechte. Beim Weinen schließt der Mensch die Augen, es fällt weniger Licht ein. Genau hier liegt der Unterschied zwischen dem Anbeten von Götzen und der jüdischen Religion. Das Ziel dieses Götzendienstes war es, den Menschen zum Weinen zu bringen, um ihn in eine negative, depressive Trance zu versetzen.

Im Judentum hingegen ist nicht das Weinen das Ziel, sondern wir sehen die negativen Ereignisse, die Momente der Finsternis, den 17. Tamus, den Prozess der Zerstörung des Tempels als Übergangssituation, um zum Ziel, zum Licht, zu gelangen. Im 1. Buch Mose 1,4 lesen wir: »Und G’tt sah das Licht, dass es gut war.« Wir nutzen das Weinen als Brücke zum Licht.

Urmutter Diese Ansicht stützt auch ein Vers aus dem Buch des Propheten Jirmejahu: »Rachel weint um ihre Kinder, sie verweigert es, sich trösten zu lassen, denn sie sind dahin« (31,15). Unsere Urmutter Rachel weint um ihre Kinder und um die künftigen Kinder Israels. G’tt aber tröstet sie und bittet sie, nicht zu weinen, denn ihre Nachfahren sind von ihm auserkoren, wieder ins Land Israel zurückzukehren.

An einer weiteren Stelle lesen wir im 1. Buch Mose: »Und die Augen Leas waren matt« (29,17). Raschi (1040–1105) erklärt dazu, dass Lea schrecklich weinte, weil sie befürchtete, dass sie als ältere Schwester den älteren Bruder, also Esaw, heiraten müsse und dadurch nicht zu den Stammmüttern des Volkes Israels gehören werde. Doch aus ihren Tränen folgte etwas Positives: Lea bekam einen Sohn, Jehuda, von dem alle Könige Israels abstammen und auch der zukünftige Maschiach.

Etwas Ähnliches lesen wir bei Secharja: »So spricht der Ewige der Heerscharen: ›Das Fasten des vierten und das Fasten des fünften und das Fasten des siebten und das Fasten des zehnten (Monats) werden dem Hause Jehuda zur Wonne und Freude und zu fröhlichen Festzeiten. Aber Wahrheit und Frieden liebet!‹« (8,19).

Die Zeiten der Trauer und Hoffnungslosigkeit sind also nur als Übergangsphase zu betrachten, denn unser Ziel ist das Licht, die Freude, die Hoffnung auf eine gute, wahrhaftige und friedliche Zukunft.

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