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Pijut

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

11.06.2015 – von Noemi BergerNoemi Berger

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Ein Pijut ist ein liturgisches Gedicht, das im G’ttesdienst rezitiert oder gesungen wird. Pijutim bilden den charakteristischen Bestandteil der aschkenasischen, deutsch-jüdischen Liturgie. Die meisten dieser Gebetsdichtungen sind auf Hebräisch oder Aramäisch verfasst und folgen einem poetischen Schema wie zum Beispiel einem Akrostichon, einem antiken Schreibspiel, bei dem der Verfasser die Anfangsbuchstaben seines Namens senkrecht untereinander schreibt. Jeder dieser Buchstaben bildet dann den Anfang einer neuen Zeile im Gedicht. Nicht selten wurden auch philosophisch-mystische Gedanken in lyrischer Form verfasst und in den G’ttesdiensten vorgetragen.

Bis heute bereichern die Pijutim durch ihre dichterische Sprache wie auch durch ihre Rhythmen und Melodien die G’ttesdienste und erbauen uns.

Poet Der Begriff Pijut ist dem griechischen Wort Poet entlehnt. Die Tradition, der jüdischen Liturgie Pijutim hinzuzufügen, entwickelte sich bereits in der Zeit der Geonim ab dem sechsten Jahrhundert n.d.Z.

Den Verfasser von Pijutim und denjenigen, der sie vorträgt, bezeichnet man auf Hebräisch als »Pajtan«. Ab dem zehnten Jahrhundert gibt es in größeren jüdischen Ortschaften zahlreiche Pajtanim, vor allem in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Leopold Zunz (1794–1886), der deutsch-jüdische Wissenschaftler und Vorkämpfer der Emanzipation der Juden in Deutschland und eigentliche Begründer der »Wissenschaft des Judentums«, registriert in seinem Werk Literaturgeschichte der synagogalen Poesie mehr als 900 Pajtanim.

Manche von ihnen wurden sowohl beim Verfassen ihrer Gedichte als auch bei deren Vertonung von nichtjüdischen Troubadouren und Minnesängern beeinflusst. Die bekanntesten Pajtanim waren Saadia Gaon (882–942), Ibn Ezra (1092–1167) und Ibn Gabirol (1021–1057).

Slichot Im aschkenasischen, deutschen Ritus bilden an Jom Kippur die Slichot (Bußgebete) einen festen Bestandteil des G’ttesdienstes. Diese Pijutim enthalten Bitten und Flehen um Vergebung der Verfehlungen. Sie entstanden aus dem Bedürfnis nach Reue und Umkehr.

In vielen Gegenden Europas entstanden nach den Pogromen während der Kreuzzüge Kinot-Gesänge, die wehklagend dem Andenken der Ermordeten ein Denkmal setzen wollten. Einige davon werden heute an Tischa beAw vorgetragen.

Viele Pajtanim waren nicht nur Dichter, sondern auch Gelehrte. Das hatte zur Folge, dass die schlichten, alten Gebetsformen zurückgedrängt wurden und die Pijutim immer häufiger nur ein exklusives Gelehrtenpublikum ansprachen.

Chassidismus Der Chassidismus, der im 18. Jahrhundert in Osteuropa als Volksbewegung entstand, gestaltete die Gebetsordnung der Feste, wie auch die Art, wie man sie feierte, schlichter – und fröhlicher. Deshalb nahmen die Chassidim die schwermütigen Pijutim bis auf wenige Ausnahmen aus ihrem Feiertagsgebetbuch heraus. An ihre Stelle traten Gemeinschaftsgesänge, nicht selten mit Motiven aus Volksliedern der jeweiligen Länder, in denen sie lebten.

Auch in der Schriftensammlung der Kairoer Genisa, die Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt wurde, befanden sich zahlreiche Pijutim. Etliche wurden veröffentlicht. An vielen Universitäten sind Pijutim inzwischen Forschungsgegenstand innerhalb der Judaistik.

Heute erleben Pijutim an etlichen Orten eine Renaissance. So feiert das Pijut-Festival in Israel die Schönheit und die vielen Ursprünge der jüdischen liturgischen Musik und der Psalmen. Wunderbare Musiker, darunter Kantoren, setzen die Tradition der jüdischen Musik und das alte Erbe der Liturgie fort, das über Generationen durch Gebetbücher und Chasanim (Vorbeter) erhalten geblieben ist.

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