Davos

Koscher auf dem Zauberberg

Schweiz: Jedes Jahr im August strömen orthodoxe Gäste aus aller Welt nach Davos

28.08.2008 – von Peter BollagPeter Bollag

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von Peter Bollag

Auf dem Bahnhof in Davos stehen zwei Jungen und diskutieren über die feuerrote Lokomotive der Rhätischen Bahn, die eben einfährt. „Ist dies das Modell 2000?“, fragt der eine. Der andere schüttelt den Kopf, dann zeigt er auf seine Uhr: „Der Zug hat zwei Minuten Verspätung!“ Das Besondere an diesem Dialog ist, dass die beiden Jungen Hebräisch sprechen. Sie tragen schwarze Kippot, an ihren kurzen Hosen baumeln weiße Schaufäden im Wind. Die beiden Jungen sind zusammen mit ihrem Großvater, einem Chassiden mit langem weißen Bart, auf dem Bahnhof erschienen, um Verwandte vom Zug abzuholen.
Orthodoxe jüdische Touristen, oft mit Rucksack und Wanderschuhen, zieht es in diesen Augusttagen nach Tischa B’Aw zu mehreren Hundert in die Schweizer Berge. Viele reisen in die Berner, Walliser und Bündner Alpen. Dort, im Kanton Graubünden, der sich gerne „die Ferienecke der Schweiz“ nennt, zählt Davos zu den attraktivsten Zielorten jüdischer Gäste aus der ganzen Welt.
Weniger präsent dürfte den meisten die dunkle Seite der kleinen Stadt sein: Davos war in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft eine Hochburg der Schweizer Hitler-Jünger – bis 1936 der jüdische Student David Frankfurter den „Gauleiter“ Wilhelm Gustloff erschoss und die Berner Regierung dem Treiben der braunen Gesellen danach Einhalt gebot.
In jenen Jahren gab es bereits die Lungenheilstätte „Etania“. Sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, jüdische Gäste erholten sich hier in der Höhe der Bündner Berge von ihrer heimtückischen Krankheit – ähnlich wie Hans Castorp, dem Thomas Mann in seinem Zauberberg zusammen mit der Stadt Davos zu Weltruhm verholfen hat. Die „Etania“ ist längst Vergangenheit, auch als Hotel. Das Gebäude, um das sich heute ein Verein kümmert, müsste dringend saniert werden, doch dafür fehlt das Geld. Und weil das altehrwürdige Haus in der Lawinenzone liegt, darf es nicht abgerissen werden.
In der Nähe der „Etania“ ballt sich diesen Sommer jüdisches Leben: Im ehemaligen holländischen Sanatorium, das geraume Zeit leer gestanden hat, wurde ein kleines Hotel mit Synagoge und koscherem Restaurant eingerichtet. Wer dieser Tage am Morgen hierherkommt, kann zwischen sieben und elf Uhr fast im Stundentakt am Morgengottesdienst teilnehmen. Auf diese Art verteilen sich die Beter, denn der Andrang ist groß. Kinder und Erwachsene stehen am Eingang um einen Eisverkäufer, ein Plakat kündigt verschiedene Schiurim, religiöse Unterrichtsstunden, an. Die düsteren Räumlichkeiten strahlen allenfalls dezente Ferienstimmung aus, doch es scheint niemanden zu stören, ist es doch allemal besser als im vergangenen Jahr: Damals mussten sich die Beter mit einer provisorischen Synagoge in einem Luftschutzkeller begnügen.
„In der ,Etania‘ hatten wir früher im Sommer maximal 100 Leute“, erinnert sich der aus Deutschland stammende Nathan Königshöfer, der die Heilstätte zwischen 1973 und 1991 leitete. Dass große Rabbiner wie der Kalewer Rebbe nach Davos kamen, machte den Ort unter Chassiden schnell – und dauerhaft – populär.
Das freut auch Rafi Mosbacher. Der Zürcher Kaufmann möchte jüdisches Leben in der 13.000-Einwohnerstadt nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr über verankern. „Es ist ein idealer Platz für jüdische Touristen“, schwärmt er und nennt die relativ leichte Erreichbarkeit des Ortes mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch lobt er den Umstand, dass auch große Familien sich hier gut bewegen können.
„Wenn ihr jüdischen Tourismus wollt, müsst ihr mir helfen“, wandte Mosbacher sich unlängst an die Davoser Kurverwaltung – und war wohl selbst ein wenig überrascht, als er positive Antwort erhielt. Denn noch vor wenigen Jahren geisterten Berichte durch die Medien, die nichts Gutes von orthodoxen jüdischen Touristen in Schweizer Kurorten erzählten: Besitzer von Ferienwohnungen klagten über Schäden, Café- und Restaurantbetreiber jammerten, die jüdische Klientel konsumiere allenfalls Mineralwasser oder bleibe völlig aus.
Solche Vorwürfe, glaubt Rafi Mosbacher, seien zwar noch nicht ganz verschwunden, ebenso wenig wie manche antisemitische Äußerung, die oftmals von anderen Touristen kommt. Aber blickt man auf die Promenade und andere Straßen im Zentrum von Davos, so merkt man, dass die zahlreichen, meist schwarz gekleideten Gäste aus Israel, den USA, Antwerpen kaum auffallen. Man hat sich an sie gewöhnt, so wie sich in großen europäischen Städten niemand mehr über japanische oder arabische Gäste wundert.
Denn: Auch jüdische Touristen geben Geld aus. Die gut sortierten Koscher-Abteilungen eines Großhändlers werden in diesen Tagen schon am Morgen oft regelrecht gestürmt. Andere Lebensmittelgeschäfte profitieren ebenso – etwa ein örtlicher Bäcker, der sich entschlossen hat, auch koschere Produkte anzubieten.
Zusammen mit chinesischen, indischen und russischen Feriengästen haben jüdische Touristen in den vergangenen Jahren für zweistellige Zuwachsraten im Urlaubsland Schweiz gesorgt. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn die Gäste würden nach Nationalität und nicht nach Religionszugehörigkeit erfasst, beteuert Cornelia Lindner vom Tourismusbüro Davos. Doch wenn an einem Schabbat im August in der Stadt rund 1.300 Challot bestellt werden, kann man davon ausgehen, dass sich im Sommer gewiss mehrere hundert, wenn nicht gar tausend jüdische Kurgäste in Davos aufhalten.
Ideal sei, meint Lindner, dass man in Rafi Mosbacher einen Gesprächspartner habe, der beide Mentalitäten gut kenne. So entstand in den vergangenen Jahren auch ein Merkblatt „Tipps und Hinweise für jüdische Feriengäste in der Landschaft Davos“. Das Merkblatt klärt jüdische Gäste über Erlaubtes und Verbotenes auf und scheint nach Lindners Worten durchaus Früchte zu tragen: „Wir haben kaum Klagen von Ferienwohnungsbesitzern.“
Rafi Mosbacher hofft, dass sich in Davos dauerhaft ein koscheres Hotel etablieren kann – denn die Lösung mit dem holländischen Sanatorium ist auf diesen Sommer beschränkt. Der Besitzer möchte an dieser Stelle, nur einen Steinwurf vom Davoser Kongresszentrum entfernt, ein Luxushotel errichten. Falls er die Bewilligung zum Abriss nicht erhält, dann könne er sicher sein, so Rafi Mosbacher, dass man wieder bei ihm anklopfen werde für den Sommer 2009 – und vielleicht darüber hinaus.

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