Kaschern

Kein Chametz, nirgends

Wie sich die modern-orthodoxe Berliner Gemeinde Kahal Adass Jisroel auf Pessach vorbereitet

02.04.2015 – von Jan SchapiraJan Schapira

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Im Innenhof der Brunnenstraße 33 stehen rund 50 Männer und Kinder – Mitglieder der Gemeinde Kahal Adass Jisroel – im Nieselregen und warten. In den Händen halten sie große Plastiktüten, voll mit Tellern, Besteck und Tassen. Die Schlange vor der Küche deutet darauf hin, dass Pessach kurz bevorsteht. Denn all ihre mitgebrachten Utensilien sollen gekaschert werden. In keinem frommen Haushalt darf sich zu Pessach noch Chametz befinden. Es gilt also alle Wohnräume zu putzen und zu schrubben – und die meiste Arbeit macht dabei natürlich die Küche.

Rabbiner Schlomo Afanasev steht am Eingang der Küche und nimmt einen weiteren Korb mit Geschirr entgegen. Es herrscht Hochbetrieb in dem kleinen Raum. Afanasev und seine Helfer lassen Gabeln – eine nach der anderen – in zwei tiefe Becken fallen. Rechts das heiß blubbernde Wasser, links das kalte Becken. Man könne zwar auch alles Besteck auf einmal hineinfallen lassen, das würde aber nichts bringen, erklärt Afanasev, der in der modern-orthodoxen Gemeinde für die Kaschrut zuständig ist. »Die Reste vom Chametz würden sich im siedenden Wasser nicht vom Besteck lösen, wenn man Gabel und Messer als Haufen ins Wasser wirft.«

koscher Man muss also ein bisschen Geduld mitbringen beim Kaschern, erklärt Afanasev. Einen Moment bleibt das Besteck noch drin, dann hebt der 34-jährige Rabbiner mit den Enden von zwei großen Löffeln ein riesiges Metallsieb heraus und stellt es in das kalte Becken nebenan. Dabei rauscht das Wasser wieder durch die Löcher – nun ist alles koscher le Pessach!

Zumindest die paar Gabeln, Messer und Löffel in dem Sieb. Denn es gibt eine Unmenge an weiteren Gegenständen, die noch vor der Tür warten und die zu reinigen sind. Nicht alle sind dabei so einfach zu handhaben wie das Besteck. Gemeindemitglied Ben-Zion Chassid hat zum Kaschern mehrere Roste und die seitlichen Metallhalterungen aus dem Inneren des Backofens mitgebracht. Den Ofen selbst habe er bereits zu Hause gereinigt, sagt Chassid. Aber diese Einzelteile bringt er dann doch lieber hierher in die Küche der Gemeinde. Sie sind einfach zu groß, als dass er sie zu Hause ohne Weiteres in einen handelsüblichen Topf kochenden Wassers tunken könnte.

Als Chametz gilt in der Tora alles, was aus den folgenden fünf Getreidesorten gemacht ist: Weizen, Dinkel, Gerste, Hafer und Roggen. Kommen diese mit Wasser in Berührung, werden sie innerhalb von 18 Minuten zu Sauerteig. Alles, was das Jahr über damit irgendwie in Berührung gekommen ist, muss zu Pessach gekaschert werden. Besonders schwierig zu reinigen sind einzelne Töpfe mit ihren Griffansätzen oder Schrauben, etwa am Deckel, erklärt Afanasev. Da reiche »Hagala«, die Kaschermethode mit kochendem Wasser, leider nicht aus. »Libun« heiße da die Lösung – Kaschern mit Feuer. Dann nimmt er einen Bunsenbrenner zur Hand, dreht am Gasrädchen und hält ein Feuerzeug daran.

hilfsteam Während sich die Männer um Töpfe, Zangen, Deckel, Bleche, Zuckerstreuer und Unmengen an Geschirr kümmern, arbeitet eine weitere Gruppe in der Küche ebenso fleißig. Als Billy stellt sich der Mann im Blaumann vor. Er leitet jenes Team, das von der Gemeinde extra mit dem diesjährigen Pessachputz beauftragt wurde. Die vier Frauen und Männer schuften hart, es ist ein Knochenjob. Mit Scheuerdraht und Messern nehmen sie sich jede Rille in der Küche vor. »Es ist eine haargenaue Arbeit«, sagt Hilfsarbeiter Billy. Und Rabbiner Afanasev ergänzt: »Kein Krümel darf übrig bleiben.«

Billy ist Christ, aber ihm gefällt die Gewissenhaftigkeit, mit der Juden zu Pessach alles säubern. Denn auch für ihn ist die Religion eine Frage von »entweder richtig oder gar nicht«. Dabei ist die Küche vielleicht der härteste, aber nicht der einzige Raum, der gereinigt werden muss. Im Gemeindezentrum gilt es auch Büros, Sanitär- und Aufenthaltsbereiche, die Kita, die Schule sowie alle Treppen und Flure zu putzen.

Insgesamt sind derzeit 70 junge Familien Mitglieder bei Kahal Adass Jisroel, sagt Afanasev. Über 350 Menschen nutzen die Einrichtung zurzeit. Und die Gemeinde wachse weiter, »jedes Jahr kommen drei bis vier neue Familien dazu«. Dabei seien die Mitglieder religiös, natürlich in verschiedenen Abstufungen, erklärt Afanasev. »Standards wie das Halten der Kaschrut berücksichtigen aber alle.«

stressig Die Zeit vor Pessach ist für den Rabbiner als Kaschrut-Beauftragter stressig. Ständig klingelt sein Telefon, er bekommt viele SMS und muss auf E-Mails antworten. Und auch jetzt steht er schon wieder vor der Küche und beantwortet Fragen. Wie sind die Küchenplatten zu Hause zu kaschern? Und der Ofen, wie lange muss man ihn nach dem Putzen erhitzen? Geduldig gibt der Rabbiner Antwort.

Aber es wird in diesen Tagen nicht nur gekaschert. Eine junge Frau bringt eine Emaillepfanne zur Küche. »Das kann man nicht kaschern«, sagt Afanasev und fragt: »Ist das neu?« Ja, ist es, und deswegen heißt die Lösung »toiweln«. Ein paar Meter über den Hof findet sich eine kleine Kellertreppe, über die man zur Mikwe gelangt. Am Rand der Männermikwe kniet bereits Eliezer Boi und taucht Gläser, Backformen und Teller in das grünliche Wasser.

Afanasev erklärt: Alles Geschirr, das in Besitz von Juden übergehe, müsse eine »gewisse Heiligkeit« haben. Das Geschirr erlangt durch die Mikwe einen neuen Zustand. Und so ist das dann auch mit dem Teller in der Hand von Gemeindemitglied Eliezer Boi, der damit noch einmal kurz in der Mikwe verschwindet. »Das ist alles neu, extra zu Pessach gekauft«, sagt er und lacht. »Wir hatten für die Feiertage nicht genug Geschirr zu Hause.«

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