München

Geduldige Zuhörer

Wie Hunde Kindern an der Sinai-Schule dabei helfen, ihre Angst vor dem Lesen zu überwinden

26.03.2015 – von Helmut ReisterHelmut Reister

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Die Sinai-Grundschule im Gemeindezentrum ist auf den Hund gekommen – und Schulleiterin Anja Wiegand-Hartmann freut sich sogar noch darüber. Das hat allerdings auch einen nachvollziehbaren Grund. Seit Beginn des Jahres gehören nämlich zwei sogenannte Lesehunde zum Unterrichtsprogramm. Alle sind davon begeistert, auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch, die schon dabei »ertappt« wurde, wie sie den Vierbeinern ein paar »Leckerli« zusteckte.

»Tammy« heißt einer der Hunde. Er gehört Kimberly Ann Grobholz, die vor gut zehn Jahren nach München zog und das Konzept, mit Tieren zu lernen, aus den Vereinigten Staaten mitbrachte. Aus dieser Idee hat die Wahl-Münchnerin ein pädagogisches Projekt auf die Beine gestellt, das mehr als beachtenswert ist. Die Hunde helfen Kindern, die sich beim Lesen schwer tun oder keine Lust auf Bücher haben, über die Hürde.

wirkungsvoll Anja Wiegand-Hartmann ist sich mit Lehrerin Kristin Goppelt, die das Unterrichtsmodell in der Sinai-Schule betreut, deshalb auch völlig einig: »Es ist wirklich erstaunlich, wie positiv sich der spezielle Unterricht mit den Hunden auf die Kinder auswirkt«, lautet das Resümee der Schulleiterin.

Für Charlotte Knobloch ist der Einsatz der Lesehunde eine weitere Bestätigung für die hochklassige Arbeit der Lehrkräfte in der Gemeindeschule. »Nicht ohne Grund«, sagt die Präsidentin, »zählen die Viertklässler der Sinai-Grundschule zu den besten in ganz München.« Die pädagogische Glanzarbeit ist ihrer Überzeugung nach auch ein Grund dafür, dass selbst nichtjüdische Kinder die Schule und den Kindergarten der IKG gerne besuchen.

Die beiden Hunde kommen einmal pro Woche für eine Stunde ins Gemeindezentrum am Jakobsplatz. Sechs Kinder warten dann schon gespannt auf die Tiere. Jeder hat 20 Minuten Zeit und ist dann mit dem Hund ganz für sich allein. Die Kinder lesen dem Tier in dieser Zeit aus einem Buch vor. Das hört sich im ersten Augenblick nicht sonderlich einfallsreich an, ist aber extrem wirkungsvoll.

motivierend Schulleiterin Wiegand-Hartmann erklärt den psychologischen Hintergrund des pädagogischen Modells wie folgt: »Der Umgang mit dem Hund wirkt auf der einen Seite entspannend, auf der anderen motivierend. Die Kinder verlieren ihre Ängste, denn der Hund tadelt sie nicht, wenn sie zum Beispiel beim Lesen ins Stocken kommen. Der Hund hört nur zu. Das stärkt das Selbstvertrauen der Kinder.«

Entsprechend positiv sind die Fortschritte, die die sechs Kinder der dritten Klasse machen. »Ein Junge, der sich nicht richtig getraut hatte, vor der Klasse etwas vorzulesen, hat inzwischen sogar ganz problemlos ein Referat gehalten«, berichtet Wiegand-Hartmann. »Das ist toll. Auch bei den anderen Kindern sind die Fortschritte nicht zu übersehen. Schon nach dem ersten Besuch der Lesehunde spürte man das bei ihnen.«

Als Kimberly Ann Grobholz 2008 das Projekt der Lesehunde in München ins Leben rief, ging es ihr einfach nur darum, die Lesefertigkeiten von Kindern zu verbessern – und das in einem positiven Umfeld, frei von Leistungsdruck. Hunde, die zuhören, wenn Kinder aus Büchern vorlesen, sind in Amerika an vielen Schulen zu finden. Dort gibt es Tausende solcher Lesehunde.

konzept Das Projekt von Kimberly Ann Grobholz ist das erste und einzige in deutschsprachigen Ländern, das aus dieser Idee ein echtes Leseförderprogramm aufgebaut hat. Es ist nicht nur für Schulen hilfreich, auch in Altenheimen und Bibliotheken werden die Hunde – immer mit Begleitung – eingesetzt. In der Sinai-Grundschule freut man sich in jeder Hinsicht auf die Hunde-Lesestunden. Umso bemerkenswerter ist, dass alle, die im Projekt von Kimberly Ann Grobholz mitmachen, ausschließlich ehrenamtlich tätig sind. »Das ist schon außergewöhnlich und erfreulich«, betont Schulleiterin Anja Wiegand-Hartmann.

Bei der Initiative bilden ein Mensch und ein Hund jeweils ein Team. Mehr als 200 einzelne Projekte gibt es mittlerweile davon in Deutschland und Österreich, 50 davon arbeiten in Schulen und ähnlichen Einrichtungen, zehn Teams sind derzeit in München aktiv. Und die Idee von Grobholz setzt sich immer mehr durch. Inzwischen gibt es bereits Ableger in Bremen, Mainz, Augsburg und Weiden in der Oberpfalz. Die Teams werden in Seminaren auf ihre Aufgaben vorbereitet, für die ausgewählten Hunde gibt es nur wenige, aber sehr wichtige Kriterien. Sie müssen kinderlieb, frei von Aggressionen und stressresistent sein.

Die Initiatorin des Projekts ist von den positiven und weitreichenden Veränderungen, die die Lesehunde im Leben von Kindern bewirken können, überzeugt. »Das Konzept«, sagt Kimberly Ann Grobholz, »richtet sich an die gesamte Persönlichkeit des Kindes, deshalb kann sich der positive Effekt auch auf andere Bereiche des Lebens des Kindes auswirken. Kinder, die das Lesen beherrschen, sind selbstbewusster.«

Zudem weist sie darauf hin, dass ihr Programm problemlos alle sozioökonomischen und kulturellen Grenzen überschreite, da Tiere – anders als Menschen – frei von Vorurteilen und Wertung seien.

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