Geschichte

Der verdrängte Genozid

Warum Deutschland sich seiner Mitverantwortung am Völkermord an den Armeniern stellen muss

19.03.2015 – von Julius H. SchoepsJulius H. Schoeps

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Im Schatten des Ersten Weltkriegs unternahm das Regime der Jungtürken den bis dahin beispiellosen Versuch, eine religiös-ethnische Minderheit – die Armenier – im eigenen Reich systematisch zu vernichten. Das liegt in diesem Jahr ein Jahrhundert zurück, und es ist an der Zeit, sich dem Geschehenen auch und gerade in Deutschland angemessen zu stellen.

Vor einigen Monaten brachte der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin sein mutiges Filmdrama The Cut ins Kino, und seit wenigen Tagen erinnert der historisch-dokumentarische Band des Potsdamer Autors Rolf Hosfeld, Tod in der Wüste, an die damaligen Ereignisse. Ermutigende Beispiele für das Bemühen, auch in Deutschland ein Bewusstsein für das herzustellen, was viele nicht beim Namen nennen wollen: den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts.

Dimension Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg bekam die deutsche Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich die Dimension des Völkermordes an den Armeniern zu vergegenwärtigen – durch den 1916 veröffentlichten Bericht von der Lage des Armenischen Volkes in der Türkei von Johannes Lepsius und durch die Fotos, die Armin T. Wegner als Sanitätsgefreiter im Stab des Feldmarschalls von der Goltz auf dem Marsch von Konstantinopel nach Bagdad gemacht hatte.

Die von Lepsius, dem »Schutzengel der Armenier«, wie Franz Werfel ihn genannt hat, zusammengestellten Berichte der Konsularbeamten der deutschen Botschaft in Konstantinopel sollen vor der Drucklegung von offiziellen Stellen insofern manipuliert worden sein, als seinerzeit nicht alle Dokumente für die Veröffentlichung freigegeben wurden.

Das Auswärtige Amt (AA) in Berlin war damals offensichtlich bemüht, die Rolle Deutschlands bei den Armenien-Massakern herunterzuspielen. Dabei gab es durchaus eine Reihe deutscher Militärs und Konsularbeamter, die auf die Geschehnisse hinwiesen. Aber das passte nicht in die strategischen Überlegungen des Auswärtigen Amtes, das in erster Linie die Bündnisinteressen mit der Türkei im Blick hatte.

Plünderungen Am 27. Mai 1915 gab der türkische Innenminister Talaat Pascha den Befehl zur Deportation der Armenier. Im Juni, Juli und August 1915 wurden die Menschen gnadenlos durch die glühend heißen, baum- und wasserlosen Gebirgstäler Anatoliens getrieben. »Die Wanderzüge«, kann man bei Lepsius nachlesen, »waren Monate unterwegs, schlecht oder gar nicht ernährt, von angeworbenen Tschettäs und Kurdenbanden überfallen, getötet, geschändet, misshandelt, durch Hunger und Krankheit aufgerieben.«

Historiker schätzen, dass von den verschleppten Armeniern nur knapp ein Drittel das Deportationsziel, die Ränder der mesopotamischen Wüste, erreichte. Die brutalen Maßnahmen der Jungtürken zielten eindeutig auf die Vernichtung der armenischen Bevölkerung.

Selbst am Ende des Todesweges ließ man den Deportierten keine Ruhe, sondern trieb sie wochenlang im Kreis herum und ließ sie an Hunger und Seuchen dahinsterben. In den überlieferten Konsularberichten ist die Rede von Massakern, Hungersterben und Plünderungen. Sie belegen, dass manche der Verfasser zutiefst erschüttert waren von dem, was sie mit eigenen Augen hatten ansehen müssen.

Deportation Gab es für die wehrlosen armenischen Frauen, Kinder, Greise und Männer irgendeine Chance, der bestialischen Behandlung und am Ende systematischen Ermordung zu entkommen? Ein kaum beachteter Aspekt war die von den türkischen Behörden parallel betriebene Politik der Zwangsislamisierung. Um Tod oder Deportation zu entgehen, haben Dutzende armenischer Familien tatsächlich von dem »Angebot« Gebrauch gemacht, zum Islam überzutreten.

Dies erinnert fatal an die Zwangstaufen der Juden im 15. Jahrhundert in Spanien. Wer dort nicht zum Christentum übertrat, starb auf dem Scheiterhaufen. Ähnlich war die Politik der osmanisch-türkischen Behörden, die in ihrem Wahn, ganz Anatolien zu islamisieren, Kirchen schlossen, Priester töteten oder deportierten. Es waren die Nachrichten von den Zwangsbekehrungen, die einige deutsche Proteste auslösten.

Graf Wolff-Metternich, Botschafter in außerordentlicher Mission, wurde in dieser Angelegenheit wiederholt bei der Pforte vorstellig. Am 7. Dezember 1915 suchte er Kriegsminister Enver Pascha und den Armeegeneral Djemal Pascha auf und wies darauf hin, dass die türkische Regierung Gefahr laufe, alle Sympathien zu verscherzen, wenn dem Morden nicht Einhalt geboten werde.

Verfolgung In diesem Bericht, der an Reichskanzler Bethmann-Hollweg gerichtet war, warb der deutsche Diplomat dafür, massiv auf die Regierung in Konstantinopel einzuwirken, die Verfolgung der Armenier einzustellen. »Um in der Armenierfrage Erfolg zu haben«, schrieb Wolff-Metternich, »müssen wir der türkischen Regierung Furcht vor den Folgen einflößen.« Der Bericht des Botschafters erfuhr im AA verschiedene Anmerkungen, die an Zynismus kaum zu überbieten sind.

Reichskanzler Bethmann-Hollweg notierte am Rand: »Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.« Tatsache ist, dass im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich der wichtigste Bündnispartner der Deutschen gegen die Russen war. Und Tatsache ist auch, dass Hunderte deutscher Offiziere im Dienst der Türkei gestanden und mitangesehen haben, was mit den Armeniern geschah.

Ob deutsche Militärs unmittelbar an der »Planung und Durchführung« der Deportationen teilgenommen haben, ist bis heute strittig. Im März 1916 stellte der USPD-Abgeordnete Karl Liebknecht die »Kleine Anfrage«, ob der Reichsregierung bekannt sei, dass die armenische Bevölkerung zu Hunderttausenden vertrieben und niedergemetzelt worden sei.

»Parasiten« In der Antwort auf Liebknechts Anfrage erklärte der Vertreter des Auswärtigen Amtes, dem Reichskanzler sei bewusst, dass die armenische Bevölkerung in bestimmten Gebietsteilen des türkischen Reiches ausgesiedelt worden sei. Weitere Auskünfte wurden nicht erteilt, da es sich, und das war die stereotype Standardantwort zu jener Zeit, um eine »innertürkische Verwaltungsangelegenheit« handelte. Kritik an den Vorgängen, meinte man, würde eine Störung der Beziehungen zur Türkei zur Folge haben.

Heute besteht kein Zweifel daran, dass die Reichsregierung in Berlin weit mehr wusste, als sie seinerzeit zuzugeben bereit war. Hinzu kommt, dass das Armenien-Bild der deutschen Politiker und Militärs jener Jahre nicht gerade positiv war. Sie nahmen zwar Notiz von den Grausamkeiten in der Türkei, machten die Armenier für ihre Lage aber zumindest indirekt mitverantwortlich.

Typisch dürfte eine Bemerkung von General Fritz Bronsart von Schellendorf, damals Chef des osmanischen Feldheeres in Istanbul, Anfang 1919 gewesen sein: »Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit des anderen Landes, in dem er sich niedergelassen hat, aufsaugt. Daher kommt auch der Hass, der sich in mittelalterlicher Weise gegen sie als unerwünschtes Volk entladen hatte und zu ihrer Ermordung führte.«

Hitler Es ist aufschlussreich, dass von Schellendorf schon damals eine Parallele zwischen Armeniern und Juden zog. Für ihn waren beide Völker »Parasiten«, die zu hassen etwas ganz Logisches in sich hätte. Offiziere wie er haben Haltungen gepflegt, an die Adolf Hitler später dankbar anknüpfte.

Verbunden sind Armenier und Juden bis heute im Gedenken an Franz Werfel und dessen großen Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh (1933). In diesem Roman, der auf ausführlichen Quellenstudien beruht, beschreibt Werfel, wie es 5000 Armeniern aus sieben Dörfern in der Zeit der Verfolgung gelang, sich auf dem Musa Dagh zu verschanzen und Widerstand zu leisten, bis im September 1915 die Überlebenden von englischen und französischen Kriegsschiffen aufgenommen und in Sicherheit gebracht wurden. Werfel hat mit diesem Roman dem Widerstand der Armenier ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die deutschen Juden haben Werfels Roman in den 30er-Jahren besonders geschätzt, weil sie in ihm eine Art Spiegelbild der eigenen Situation sahen. In Gabriel Bagradian, der Hauptfigur, glaubten sie die Gestalt des biblischen Moses wiederzuerkennen. Darüber hinaus fühlten sie sich bei der Lektüre an den Exodus-Bericht erinnert, in dem es bekanntlich heißt, 40 Tage leistete das Volk Widerstand, 40 Jahre zog es durch die Wüste, bis es schließlich das Gelobte Land erreichte. Die Juden, so glaubte man, könnten dem NS-Terror ebenso heldenhaft widerstehen wie einst die Armenier auf dem Musa Dagh den Türken.

Herabsetzung Die Verantwortung für den Genozid an den Armeniern zu übernehmen, weigert sich die Türkei bis heute. Nach offizieller türkischer Lesart war die Deportation eine legitime Maßnahme im Krieg, den die Türkei im Militärbündnis mit Deutschland und Österreich-Ungarn gegen Russland und die Entente führte. Bis heute bestreitet Ankara hartnäckig, dass es überhaupt zu einer nennenswerten Zahl von Morden gekommen sei. Und wer in der heutigen Türkei an den Genozid erinnert, geht noch immer das Risiko ein, dass er wegen »öffentlicher Herabsetzung« des Ansehens der türkischen Nation zu einer Haftstrafe verurteilt wird.

Nicht minder fragwürdig ist die Tatsache, dass eine ganze Anzahl von Regierungen und Parlamenten europäischer und außereuropäischer Staaten aus wirtschaftlichen, militärischen oder geostrategischen Überlegungen zu dem einstigen Völkermord schweigt. Immerhin haben bisher mindestens 22 Staaten weltweit – von Argentinien bis Zypern – die vor 100 Jahren stattgefundenen Massentötungen als Völkermord im Sinne der UN-Konvention von 1948 anerkannt. Auch einige Parlamente der EU-Staaten, so Griechenland (1996), Belgien (1998), Italien (2000), Schweden (2000), Frankreich (2001), die Niederlande (2005), Litauen (2005) und Polen (2005) haben entsprechende Resolutionen gefasst.

Doch der deutsche Bundestag tut sich ausgesprochen schwer, einen solchen Beschluss zu fassen. 2005 hatte der Bundestag zwar den mit den Stimmen aller Fraktionen gestellten Antrag »Erinnerung und Gedenken an die Vertreibungen und Massaker an den Armeniern 1915 – Deutschland muss zur Versöhnung zwischen Türken und Armeniern beitragen« verabschiedet, aber in der Beschlussfassung wurde der Begriff »Genozid« tunlichst vermieden.

Resolution Der Grund dafür dürfte sein, dass man die Türkei, die NATO-Partner und wichtiger Handelspartner ist, und die zwei bis drei Millionen in Deutschland ansässigen Türken durch eine solche Resolution nicht verärgern will. Der jüngste Vorstoß der Partei »Die Linke« vom 9. Dezember vergangenen Jahres, die anfragte, ob seitens der Bundesregierung eine offizielle Gedenkveranstaltung zum bevorstehenden 100. Jahrestag des Völkermordes geplant sei, brachte ein enttäuschendes Resultat.

Die Bundesregierung antwortete am 21. Januar 2015, dass sie die Möglichkeit der Teilnahme an Gedenkveranstaltungen prüfe, aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Planungen für eine eigene Veranstaltung verfolge. Kopfschütteln löst in der Stellungnahme vor allem jene Passage aus, in der erörtert wird, ob es sich bei den Ereignissen vor 100 Jahren um einen Völkermord gehandelt habe oder nicht.

Diese Auskunft fällt hinter die vom Bundestag verabschiedete Resolution vom 21. April 2005 zurück, in deren Vorfeld Abgeordnete von SPD und Bündnis 90/Die Grünen in ihren Wortbeiträgen keinen Zweifel daran ließen, dass es sich bei den Ereignissen vor 100 Jahren um einen Genozid handelte. Haben wir es bei der jüngsten Stellungnahme der Bundesregierung mit einem Positionswechsel zu tun? Oder handelt es sich nur um die ungeschickte Formulierung eines Referatsleiters?

Gerechtigkeit Der Bundestag sollte eine interfraktionelle Resolution auf den Weg bringen, in der die Mitverantwortung des Deutschen Reiches am Genozid an den Armeniern anerkannt wird. Eine solche Resolution, die am Völkermordgedenktag 24. April im Bundestag verabschiedet werden sollte, wird zwar unter Umständen die gegenwärtigen Beziehungen zur Türkei belasten, würde aber mittelfristig dazu beitragen, ein Stück historischer Gerechtigkeit herzustellen.

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages wären gut beraten, darüber nachzudenken, ob sie das nicht tun sollten. Die Uhr tickt. Sehr viel Zeit ist nicht mehr.

Der Autor ist Historiker und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam.

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