Medien

Reporter mit Grenzen

Die internationale Presse in Israel ist nicht Beobachter, sondern pro-palästinensische Partei. Erfahrungen eines früheren Korrespondenten

05.03.2015 – von Matti FriedmanMatti Friedman

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Von 2006 bis 2011 habe ich für die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) aus Israel geschrieben. In diesen fünfeinhalb Jahren sind mir bestimmte Fehlentwicklungen in der Israelberichterstattung nach und nach bewusst geworden: wiederholte Auslassungen von Fakten, wiederholtes Aufblasen bestimmter Themen, Entscheidungen nicht nach journalistischen, sondern nach politischen Kriterien – und das bei einem Berichtsgegenstand, der intensiver abgedeckt ist als sonst einer auf der Welt.

Als ich im Jerusalemer Büro von AP war, arbeiteten dort mehr Journalisten als in der Berichterstattung der Agentur aus China oder Indien oder aus ganz Afrika südlich der Sahara. Ähnlich sieht es im Medienbetrieb insgesamt aus.

gerüchte
Um ein relativ übliches Beispiel für die Art der Themenfindung nach politischen Kriterien zu nennen: Anfang 2009 bekam ich den Auftrag, eine Geschichte aus einer israelischen Zeitung wiederzugeben, in der es um politisch anstößige T-Shirts von Soldaten ging. Wir hatten keine eigene Quelle für diese Geschichte; man liest auch relativ wenige Berichte etwa über politisch anstößige Tätowierungen amerikanischer oder britischer Soldaten.

Dennoch waren die T-Shirts ein Thema für eine der größten und einflussreichsten Nachrichtenagenturen der Welt. Warum? Weil bei uns – offen oder angedeutet – israelische Soldaten grundsätzlich als Kriegsverbrecher galten, und wir uns auf alles stürzten, was in dieses Bild passte. Nicht nur wir: Ein Großteil der ausländischen Korrespondenten griff die T-Shirt-Story auf.

Ungefähr zur selben Zeit wurden im Newsletter einer israelischen Schule mehrere Soldaten anonym zitiert, die von Übergriffen berichteten, die sie angeblich in Gaza erlebt hatten. Darüber haben wir nicht weniger als drei Geschichten gemacht, obwohl aus gutem Grund die Grundregeln von AP es untersagen, Quellen zu nutzen, deren Identität nicht bekannt ist. Aber wir wollten auch diese Story unbedingt bringen. Einige Zeit später erklärten die zitierten Soldaten, dass sie die angeblichen Übergriffe nicht selbst miterlebt, sondern von ihnen nur durch Dritte gehört hatten. Aber da war die Geschichte schon in der Welt.

verschweigen Ebenfalls Anfang 2009 gelangten zwei Reporter unseres Büros an Details eines Friedensplans, den der damalige israelische Ministerpräsident Ehud Olmert einige Monate zuvor den Palästinensern unterbreitet hatte und den diese als unzureichend zurückgewiesen hatten. Der Plan sah einen Palästinenserstaat im Westjordanland und Gaza vor, mit Jerusalem als Hauptstadt, das die Palästinenser sich mit Israel teilen würden. Das hätte eine der größten Storys des Jahres für uns werden können.

Aber ein israelischer Friedensvorschlag und seine Ablehnung durch die Palästinenser passten nicht in das Narrativ unseres Büroleiters. Er wies die beiden Reporter an, den Olmert-Vorschlag zu vergessen, was sie trotz wütenden Protests auch taten. Einer der beiden nannte die Entscheidung später »das größte Fiasko, das ich in 50 Jahren Journalismus erlebt habe«. Aber sie fügte sich ein in die Praxis nicht nur von AP, sondern der Auslandspresse in Israel insgesamt. Miese T-Shirts von Soldaten waren eine Story wert; anonyme und unbestätigte Berichte über Übergriffe deren drei; ein Friedensangebot des israelischen Premierministers an die Palästinenser sollte in der Berichterstattung überhaupt nicht vorkommen.

In meiner Zeit als Korrespondent habe ich erlebt, wie Israels Mängel überzeichnet wurden, während die Fehler seiner Feinde nicht vorkamen. Ich habe miterlebt, wie die Gefahren für Israel ignoriert oder als Fantasieprodukte verhöhnt wurden, sogar, wenn diese Gefahren sich immer wieder ganz real manifestierten. Ich habe gesehen, wie ein fiktionales Bild Israels und seiner Feinde produziert, gepflegt und verbreitet wurde, indem bestimmte Einzelheiten aufgebauscht, andere ignoriert wurden und das Gesamtergebnis als akkurates Bild der Wirklichkeit verkauft wurde.

parteinahme 100 neue Häuser in einer jüdischen Siedlung sind eine Story für die Presse. 100 nach Gaza geschmuggelte Raketen nicht. Vandalismus gegen palästinensisches Eigentum durch israelische Rowdies ist eine Geschichte. Neonazistische Aufmärsche an palästinensischen Universitäten oder in palästinensischen Städten sind es nicht. Jüdischer Hass gegen Araber ist berichtenswert. Arabischer Hass gegen Juden nicht. Bei AP galt beispielsweise die Richtlinie, die Passagen der Hamas-Charta nicht zu erwähnen, in denen Juden die Drahtzieherschaft bei beiden Weltkriegen sowie bei der Russischen und der Französischen Revolution unterstellt wird – trotz des Einblicks, den diese Passagen in das Denken eines der wichtigsten Akteure im Konflikt bieten.

Jeder ausländische Korrespondent in Israel, ob von AP, Reuters, CNN, BBC oder anderen Medien, wird Beispiele, wie ich sie genannt habe, kennen. Sie gehören zum standardisierten Ablauf in der Israel-Berichterstattung. Die internationale Presse in Israel ist weniger Beobachter des Konflikts als vielmehr Partei. Statt die Ereignisse zu erklären, verlegt sie sich auf eine Art politischen Rufmord im Dienst der Seite, deren Sache sie für gerecht hält. Es herrscht eine Art ideologische Gleichförmigkeit, der man sich als Reporter kaum entziehen kann.

Journalisten zeichnen gern ein Bild der Nachrichten als einer Art Algorithmus, eines mechanischen, gar wissenschaftlichen Prozesses, bei dem Ereignisse eruiert, verarbeitet und dargestellt werden. Tatsächlich sind Nachrichten eine menschliche und unvollkommene Sache, das Ergebnis von Interaktionen zwischen Quellen, Reportern und Redakteuren, die allesamt ihre persönlichen Prägungen mitbringen und die, wie wir alle, von den Vorurteilen ihrer Freunde und Kollegen mit beeinflusst werden. Die Bewegung für einen Boykott Israels hat in den Medien beträchtliche Unterstützung, auch bei einigen meiner früheren Vorgesetzten. Reporter, NGO-Vertreter und politische Aktivisten bewegen sich im selben sozialen Milieu. Dort ist »Israelkritik« die bestimmende, »korrekte« Meinung, die auch die Berichterstattung bestimmt.

obsession
Warum wird dem Nahostkonflikt so sehr viel mehr mediale Beachtung geschenkt als allen anderen Konflikten? Wie sind die Geschehnisse auf einem Gebiet von 0,01 Prozent der Erdoberfläche zu einem globalen Brennpunkt für Angst, Hass und moralische Verdammungsurteile geworden? Weshalb hat man gerade Israelis und Palästinenser zu Symbolen von Macht und Ohnmacht stilisiert, zum moralischen Parallelbarren, an dem die intellektuellen Olympioniken des Westens ihre Kür durchexerzieren?

Die einzige Gruppe, die derzeit in der westlichen Welt Objekt eines systematischen Boykotts ist, sind die Juden – heute unter dem bequemen Begriff »Israel«. Der einzige Staat der Welt, dem Unis eigene »Apartheidwochen« widmen, ist der jüdische Staat. Gegen kein anderes Land und kein anderes Volk werden heutzutage derartige Taktiken eingesetzt, gleich wie ungeheuerlich die ihnen zugeschriebenen Menschenrechtsverletzungen sind.

Wer so fragt, bekommt als Antwort ein lautes »die Besatzung« zu hören, als ob das Erklärung genug sei. Die Besatzung des Westjordanlands ist demnach die Wurzel des Nahostkonflikts, der als der wichtigste der Welt dargestellt wird. Mehr noch, die Besatzung ist zum Inbegriff globaler Ungerechtigkeit geworden, zum Konflikt per se: Der winzige Staat im Nahen Osten, in dem eine verfolgte Minderheit lebt, steht für alle Übel des Westens – Kolonialismus, Nationalismus, Militarismus, Rassismus. Bei den Unruhen in Ferguson/Missouri im August 2014 trugen Demonstranten Schilder, auf denen der Konflikt zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei in einen Zusammenhang mit Israels Herrschaft über die Palästinenser gestellt wurde.

Reden wir also von dieser Besatzung. Sie ist das Ergebnis des Sechstagekriegs von 1967. Sie ist also nicht der Grund des Konflikts, sondern ein Symptom. Den Konflikt gab es schon vorher, und es würde ihn auch weiter geben, wenn Israel sich aus dem Westjordanland zurückzöge. Ein Ende der Besatzung würde die Palästinenser von israelischer Herrschaft befreien und die Israelis von der Herrschaft über Menschen, die diese Herrschaft nicht wollen.

Im Jahr 2015 wissen wir aber auch, dass ein Ende der Besatzung ein Machtvakuum schaffen würde, in das nicht die Kräfte der Demokratie und Modernität stoßen würden – die in der Region schwach bis nicht vorhanden sind –, sondern die Mächtigen, die Skrupellosen, die Extremisten. Das haben wir aus dem Zusammenbruch des Nahen und Mittleren Osten in den vergangenen Jahren gelernt. So war es im Irak, in Syrien, Libyen, Jemen und davor in Gaza und Südlibanon.

lernunfähig Ich lebe in Jerusalem, eine Tagesfahrt von Aleppo und Bagdad entfernt. Wenn Israel die Besatzung beenden würde, hätten die schwarz maskierten Kämpfer des radikalen Islam bald eine neue Aufmarschbasis nur wenige Meter von der israelischen Zivilbevölkerung entfernt, die sie mit Raketen und Granaten unter Dauerbeschuss nehmen würden. Viele Tausende Menschen würden sterben. Noch vor wenigen Jahren hätte ich, wie viele auf der Linken, das als apokalyptisches Szenario zurückgewiesen. Heute weiß ich, dass es nicht apokalyptisch ist, sondern wahrscheinlich.

Man sollte denken, dass die Entwicklung neuer und komplexer Konfliktlagen im Nahen Osten die Fixierung der Medien auf Israel etwas abgemildert hätte. Israel ist schließlich nur ein Nebenkriegsschauplatz. An einem Vormittag im Irak sterben mehr Menschen als im Westjordanland und Jerusalem im ganzen Jahr. Stattdessen hat sich die Israel-Obsession der Medien gerade in den vergangenen Jahren paradoxerweise noch weiter verfestigt. Dafür steht der BBC-Reporter, der eine jüdische Frau in Paris nach dem mörderischen Anschlag auf einen koscheren Supermarkt Anfang Januar live auf dem Sender wissen ließ: »Viele Kritiker der Politik Israels würden sagen, dass auch die Palästinenser sehr unter Juden zu leiden haben.« In anderen Worten: Alles kann auf die Besatzung zurückgeführt werden, und Juden sind im Zweifelsfall an Mordanschlägen gegen sie selbst schuld. Kein Wunder, dass so viele Juden in Westeuropa inzwischen wieder nach den Koffern schauen.

Matti Friedman ist gebürtiger Kanadier und lebt seit 20 Jahren als Journalist und Buchautor in Israel. Der Text ist ein Auszug aus einem Vortrag beim »Britain Israel Communications & Research Centre« in London Ende Januar.

Der vollständige englische Originaltext ist abrufbar unter www.fathomjournal.org/the-ideological-roots-of-media-bias-against-israel/

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