Geschichte

Ein Kibbuz in Westfalen

Auf einem Bauernhof im Münsterland bereiteten sich jüdische Jugendliche von 1933 bis 1938/39 auf ihre Alija vor. Was wurde aus ihnen? Eine Erkundung

22.01.2015 – von Gisbert StrotdreesGisbert Strotdrees

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Eher durch Zufall, beim Blättern in einem 780-seitigen Handbuch zur Geschichte jüdischer Gemeinden in Westfalen, stoße ich vor gut zwei Jahren auf diesen Satz: »1937 hatte sich die Zahl der Westerkappelner Juden auf fünf Personen reduziert. Allerdings wurden auf dem Hof Stern in Westerbeck, wo jungen Menschen für die Auswanderung nach Palästina eine landwirtschaftliche Ausbildung vermittelt wurde, 27 Bewohner gezählt.«

Auswanderungslager? Auf einem Bauernhof? In Westfalen? Für jüdische Jugendliche – und das in dieser Zeit? Viele Fragezeichen blinken gleichzeitig auf, als ich diesen einen Satz lese. Ein vorläufiges Googeln hilft ein wenig weiter, später finde ich noch den Aufsatz eines Wissenschaftlers zum Thema. Demnach bereiteten sich jüdische Jugendliche in den Jahren 1933 bis 1938/39 auf Gütern und Bauernhöfen auf die Auswanderung und auf ein Siedlerleben in Palästina vor. Dort gingen die Jugendlichen, die zumeist Städter waren, »auf Hachschara«, erlernten also Ackerbau und Viehhaltung, um in Eretz Israel ein neues Leben zu beginnen.

hachschara Das NS-Regime hatte sich anfangs »die restlose Auswanderung der Juden« zum Ziel gesetzt. Das war der einzige Grund, dass die Hachschara-Lehrgüter überhaupt erst entstehen konnten. Sie waren Teil der jüdischen Selbsthilfe jener Jahre und wurden später einmal als »rettende Inseln« bezeichnet. Groß Breesen in Schlesien, Jagdschloss Ahrensdorf und Gut Winkel in Brandenburg sind drei bekannte Namen derartiger Lehrgüter.

Dass es solch eine Insel auch in Westfalen, im Münsterland gab, war mir bis dahin nicht bekannt. Ich höre mich also in den kommenden Wochen in Archiven, Bibliotheken, Universitätsseminaren und Museen um. »Auf Hachschara in Westfalen«? Niemand, den ich befrage, hat je davon gehört.

Immerhin, einiges zu dem Hof ist bekannt und erforscht. So stützt sich der zitierte Handbuch-Eintrag auf ein Buch zur Geschichte der Osnabrücker Juden. Darin finden sich einige Informationen zum Hof, unter anderem dessen alte Postadresse: »Westerbeck 74«. Westerbeck – das ist eine der neun Bauerschaften rund um Westerkappeln, eine ländliche Gemeinde im nordöstlichen Münsterland, unweit der heutigen Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Der gesuchte Hof liegt rund 20 Kilometer von Osnabrück entfernt.

adresse Mit der alten Adresse beginne ich meine Recherche. In »Niekammer’s Güteradressbuch für Westfalen« aus dem Jahr 1931 entdecke ich unter dieser Adresse einen typisch westfälischen Hof. Zu ihm gehörten damals 31 Hektar Wiesen, Wald und Ackerland, in den Ställen standen zwei Pferde, acht Milchkühe, sieben Schweine. Das alles kam in der Wirtschaftskrise 1931/32 unter den Hammer. Zwei in Osnabrück lebende Brüder, der Pferdehändler Rudolf Stern und der Kaufmann Leo Stern, erwarben den Hof, wie ich im Buch über die Osnabrücker Juden erfahre. Dort steht auch zu lesen, dass die Brüder Stern ihren Hof 1933 zionistischen Pfadfindern überließen.

Ein Osnabrücker namens Hans Leichtentritt kommt zu Wort. Er habe auf dem Hof »gemeinsam mit circa 20 jungen Glaubensgenossen gegen Entgelt eine dürftige landwirtschaftliche Ausbildung bekommen, um auf das Leben als sogenannte ›pioneers‹ in Palästina vorbereitet zu werden«. Sogar ein paar unscharfe Schwarz-Weiß-Fotos aus einem Album sind abgedruckt: »Kibbuz Westerbeck, Mai 1935« hat ein junger Fotograf, Alfred E. Wertheim, sorgfältig mit weißem Stift auf das schwarzen Albumblatt geschrieben. Zu sehen ist das Foto derzeit in der Ausstellung »Heimatkunde – Westfälische Juden und ihre Nachbarn« im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten.

Ich will mehr erfahren über diesen ungewöhnlichen Hof und wende mich an das Gemeindearchiv in Westerkappeln. Dort lagern die Meldekarten für Häuser und Höfe des Ortes, auch für »Westerbeck 74«. Herr Böhlke, der ehrenamtliche Leiter des Archivs, schickt mir eine Mail mit gescannten Meldekarten des Hofs aus der Zeit von 1920 bis etwa 1950, auf denen sämtliche Bewohner eingetragen sind. Die Karteikarten sind eng beschrieben. Sie zu entziffern, wird viele Stunden kosten.

archiv Zuvor suche ich das NRW-Landesarchiv, Abteilung Westfalen, in Münster auf. Im Lesesaal entdecke ich Erstaunliches. Zum Hof Westerbeck 74 hat sich eine »Erbhof-Akte« erhalten, angelegt von der NS-Kreisbauernschaft. Wie passt das zusammen? Der Hof galt doch seit 1933 wegen seines jüdischen Besitzers als »nicht erbhofwürdig«!

Doch das ist noch nicht alles. Ein zweiter Aktentitel zum Hof, dieses Mal im Bestand des Landgerichts Münster, dokumentiert für die Jahre von 1948 bis 1955 ein Entschädigungsverfahren, angestrengt von Rudolf Stern. Hat er also Kriegsjahre und Holocaust überlebt? Ich bestelle beide Akten.

Sie bewahren einen Stoff, aus dem sich ein Roman schreiben ließe. Hier nur die Kürzestversion: Die Brüder Stern verpachteten den Hof 1933 an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Die überließ ihn für wenig Geld dem Pfadfinderbund »Makkabi Hazair«, der dann in Westerbeck fünf Jahre lang, wie es in einem Dokument heißt, »eine Ausbildungsstätte für jüdische Jungen und Mädchen zur Auswanderung nach Palästina« betrieb. In der Pogromnacht 1938 wurde der Hof überfallen. Rudolf Stern, dessen Bruder Leo gut sechs Monate vorher gestorben war, wurde verhaftet, nach Buchenwald deportiert und drangsaliert. Auf rissigem, dünnen Nachkriegspapier schreibt Stern später im Zuge des Entschädigungsverfahrens: »Während meiner Inhaftierung 1938 im KZ Buchenwald zwang mich die Gestapo – um lebend wieder aus dem Konzentrationslager herauszukommen –, den Hof durch einen Auktionator verkaufen zu lassen.«

Im Dezember 1938 wurde der Hof an den Landwirt Heinrich Pöppelwerth aus Haustenbeck in Lippe verkauft. Er hatte zuvor seinen Bauernhof in der Senne aufgeben müssen, weil der in der Nähe des Truppenübungsplatzes lag, den die Wehrmacht stark erweiterte. Schon das oberflächliche Blättern in der Akte zeigt, dass der Verkauf des Hofes »Westerbeck 74« kein privater Rechtsakt war, sondern ein Politikum ersten Ranges. Beteiligt waren die Kreis- und Landesbauernschaft, die Reichsumsiedlungsgesellschaft, das Landeskulturamt, das Oberpräsidium Westfalen und und und.

deportation Rudolf Stern wurde nach Ausbruch des Krieges mit seiner Familie nach Riga deportiert. Er zählte zu den wenigen Überlebenden. Im Mai 1945 kehrte er nach Osnabrück zurück. Wenig später forderte er die Rückerstattung seines Eigentums in Osnabrück und, natürlich, auch in Westerkappeln, Westerbeck 74. Die Akte des Entschädigungsverfahrens schließt 1952 mit dem Schiedsspruch des Landgerichts Münster. Es erklärt den Kaufakt von 1938 für nichtig und spricht Stern das Eigentum zu. Kurz nach diesem Urteilsspruch, auch das ist verzeichnet, einigten sich Stern und Pöppelwerth auf einen außergerichtlichen Vergleich. Dessen Details sind leider in der Akte nicht überliefert.

Die Nachfahren Pöppelwerths, die ich später zwei Mal auf dem Hof besuche und die mich bei den Recherchen unterstützen, wissen nichts von einer Vereinbarung zwischen ihm und dem Viehhändler Stern. Sie berichten, dass ihr Vater respektive Schwiegervater den Hof in den 50er-Jahren von Stern gepachtet und weiter bewirtschaftet habe. Später konnte er ihn von Nachfahren der Familie Stern kaufen. »Er hat den Hof zwei Mal gekauft«, sagen sie aus der Familienüberlieferung. Auf wessen Konto aber ist das Geld des ersten Kaufes 1938/39 gelandet? Pöppelwerth hat gezahlt. Aber Stern, so viel steht fest, hat keinen Groschen erhalten. Ein Teil der Summe wurde sofort als »Judenvermögensabgabe« einbehalten, ein anderer Teil ging auf ein Sperrkonto, »und wurde dort später vom Finanzamt eingezogen«, wie in der Akte zu lesen ist.

Kaum mehr erkennbar sind die eigentlich Handelnden dieser Enteignung: Die Gewalttäter, die den Hof in der Pogromnacht demolierten, die Gestapoleute, die in Osnabrück den Eigentümer Stern verhafteten und auf dem Hof in Westerbeck die letzten Bewohner, das Verwalterehepaar und vier Jugendliche, festnahmen. Kaum mehr auszumachen sind auch die hochrangigen und weniger hochrangigen Schreibtischtäter, ihre Helfer und Helfershelfer in den Amtsstuben von Stadt, Kreis und Gau. Sie dürften, so ist zu vermuten, allesamt straffrei geblieben sein.

überlebt? Was aber ist aus den Jugendlichen geworden, die zwischen 1933 und 1938 auf dem Hof Stern gelebt haben? Haben sie überlebt? Ihre Namen entziffere ich auf den Meldekarten, die nicht nur Vor- und Zuname jedes Einzelnen aufführen, sondern auch Geburtsort, Geburtsdatum, Datum des Zuzuges, Datum des Wegzuges, Anreise- und Abreiseziel. Um mir einen Überblick zu verschaffen, trage ich die Namen und Daten in eine Excel-Liste ein. Sie beginnt bei A wie »Abramczyk, Bruno, geboren 2. Dezember 1919, Jastrow« und endet bei Z wie »Zuckermann, Ignatz, geboren 18. September 1914, Krakau«. Ob sämtliche jugendliche Bewohner des Hofes tatsächlich amtlich erfasst worden sind, kann ich nicht sagen. Aber es deutet vieles darauf hin, dass dem totalen NS-Staat zumindest an dieser Stelle nichts entgangen ist.

Insgesamt entziffere ich die Einträge zu 104 »pioneers«: 32 Mädchen und 72 Jungen. Sie kamen aus Metropolen wie Berlin oder Leipzig, aus Städten wie Bielefeld, Dortmund, Essen oder Warburg, aber auch aus Dörfern wie Madfeld bei Brilon, Herzlake im Emsland oder Westerstede im Ammerland. Manche blieben nur wenige Tage, andere bis zu anderthalb Jahre auf dem Hof. Schon die nüchtern-amtlichen Daten auf den Meldekarten lassen erahnen, dass die Jugendlichen immer auf dem Sprung gewesen sein müssen. Sobald sich ihnen eine Möglichkeit zur Auswanderung bot, verließen sie den Hof.

Wie vielen ist die rettende Auswanderung gelungen? Und umgekehrt: Wie vielen gelang die Flucht nicht? Wie viele wurden ermordet? Meine Recherchen stoßen rasch an Grenzen. Schließlich flohen die jungen Leute, wie aus Schriften zu anderen Hachschara-Gütern zu entnehmen ist, kreuz und quer durch Deutschland und Europa, versteckten sich und gelangten auf zum Teil abenteuerlichen Wegen nach England, in die USA oder nach Palästina, um dort nicht selten auch noch ihre Namen zu ändern.

gedenkbuch Via Internet ziehe ich das Gedenkbuch des Bundesarchives zu Rate. Es verzeichnet sämtliche Deutsche jüdischen Glaubens, die zwischen 1939 und 1945 im Holocaust ermordet wurden. Dort finde ich die Namen von zehn »Westerbeckern«, die nach 1939 deportiert und ermordet wurden: in den KZs Stutthof bei Danzig oder Zasavica westlich von Belgrad, in den Ghettos von Warschau und Minsk, in den Vernichtungslagern Sobibor und Auschwitz.

Zehn Namen – zehn von mehr als 100. Haben all die anderen überlebt? Haben sie den Aufenthalt in Westerkappeln nutzen können, um rechtzeitig ins rettende Ausland zu fliehen? Wie sah dort der Alltag aus? Was hat ihnen der Aufenthalt dort bedeutet? Und haben sie später über ihre Zeit auf dem Hof in Westfalen berichtet?

Das werde ich, soweit es meine Zeit zulässt, als Nächstes zu klären versuchen. Vielleicht tauchen ja noch Erinnerungen, Briefe oder andere Dokumente auf. Und wer weiß, vielleicht findet sich ja unter den Lesern der Jüdischen Allgemeinen jemand, der einmal irgendwann, irgendwo etwas gehört hat über den Ort in Westerkappeln mit der Adresse Westerbeck 74.

Der Autor ist Journalist und Lehrbeauftragter an der Universität Münster.

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