Würzburg

Auf Spurensicherung

Josef Schuster sprach über Stolpersteine und die Polizei im »Dritten Reich«

04.12.2014 – von Ralph BauerRalph Bauer

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Eigentlich wollte der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, den Fokus auf die jahrhundertealte jüdische Geschichte in Deutschland vor 1933 richten. Doch schon bei seinem ersten offiziellen Termin in Würzburg, einer Veranstaltung zum Thema Stolpersteine und der Rolle der Polizei im »Dritten Reich«, holte Schuster der Holocaust wieder ein.

Es gehe hier nicht um einen Wunschtermin, sagte er vor Beginn der Veranstaltung bei der Würzburger Bereitschaftspolizei der Jüdischen Allgemeinen. Dieser habe schon festgestanden, bevor er seine Kandidatur überhaupt erklärt habe. »Insofern kann man nicht interpretieren, dass ich beim ersten Termin gleich dieses Thema besetzen will. Aber es ist mir schon deshalb wichtig, weil ich der Meinung bin, dass das Thema Stolpersteine ein wichtiges ist. Diese Art des Gedenkens finde ich – wie auch die Spitze des Zentralrats – sehr positiv«, sagt der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg.

unbehagen
Genau darum äußerte er bei seiner Rede aber auch Unbehagen über manche Entwicklungen bei den Stolpersteinen. Zum Beispiel, dass der Künstler Gunter Demnig inzwischen auch Steine für Holocaust-Überlebende verlegt. »Überlebende, die heute noch unter uns weilen – können sie nicht viel besser selbst ihre Geschichte erzählen?«, fragte Schuster. »Einen Stolperstein für meine Großmutter zu verlegen, die die Schoa überlebt hat, käme mir merkwürdig vor. Sie hat doch einen Grabstein mit ihrem Namen!«

Ihn verstöre darüber hinaus die Tatsache, dass sich Demnig auf einigen Stolpersteinen der Nazi-Terminologie bediene mit Begriffen wie »Wehrkraftzersetzer«, »Rassenschande« oder »Gewohnheitsverbrecher«. Seien die Begriffe wirklich für jeden erkennbar? Sei sicher, »dass jeder Passant weiß, was wirklich mit ›Rassenschande‹ eigentlich gemeint war? Was ›Wehrkraftzersetzung‹ oder ›Gewohnheitsverbrecher‹ bedeutete?«, fragte Schuster weiter. Ihre Angehörigen seien »oft tief verletzt« durch diese Angaben. Demnig riskiere damit, die »hohe Zustimmung« zu diesem wichtigen Kunstprojekt zu gefährden.

»Denn das wäre ganz fatal: Wenn Stolpersteine schließlich wegen dieser Entwicklung abgelehnt würden«, mahnt der Zentralratspräsident. Gleichzeitig stellte er aber auch klar, dass es sich um ein Kunstprojekt handele. »Und deshalb geht es auch nicht an, dass immer mehr Menschen mitbestimmen wollen, wie die Stolpersteine gestaltet sein sollen«, fügt er an.

Er würde sich gern mit Gunter Demnig über diese Problematik unterhalten, sagte Schuster. »Ich möchte sie weiterhin sehen im Pflaster. Ich möchte über sie stolpern, stehen bleiben und innehalten«, schloss der Zentralratspräsident. »Den Namen von Anna Lachmann und Ferdinand Selig lesen, von Ludwig Oppenheim und Lina Leib.«

Fragen All diese Fragen konnte Schuster jedoch nicht dem Künstler direkt stellen, obgleich Demnig tagsüber im Würzburger Stadtgebiet allein 22 Stolpersteine verlegt hatte. Unter anderem auch zwei in der Nähe der Kaserne der Bereitschaftspolizei.

Zu Beginn seines Grußwortes war Schuster aber auch auf den eigentlichen Anlass der Einladung eingegangen. Erst 2011 habe es eine große Ausstellung zum Thema: »Die Polizei im Nationalsozialismus« im Deutschen Historischen Museum gegeben. Welche Rolle spielten Polizisten im Dritten Reich bei Erschießungen von Juden hinter der Front?« Hier fand Schuster deutliche Worte. »Es mussten Jahrzehnte vergehen, bis sich die Polizeibehörden und die Länderinnenminister überhaupt mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben.« Hier habe eine Verdrängung stattgefunden.

Es gehe jedoch nicht darum, die Polizei nachträglich und kollektiv an den Pranger zu stellen, sondern darum aus der Geschichte zu lernen. »Recht und Menschlichkeit müssen Maßstab für die Polizei sein. Vorurteile dürfen es nicht sein«, forderte er. Angesichts der Morde der NSU zeige sich, was »wir heute bei der Polizei genauso dringend brauchen, wie wir es vor 70, 80 Jahren gebraucht hätten. Eigenständig denkende Menschen, mit dem Mut, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen, selbst wenn es der Karriere abträglich ist.«

Verantwortung Für die bayerische Bereitschaftspolizei bekannte sich Abteilungsführer Werner Freidhof zur Verantwortung bei den Verbrechen der Nazis: »Menschen wurden getötet, weil die Polizei sie, statt sie zu schützen, in den Tod geschickt hat.« Aufgrund dieser geschichtlichen Lehren seien heute Persönlichkeitsbildung und Wertevermittlung Fixpunkte der polizeilichen Ausbildung.

Referent Jörg Brimer von der Bereitschaftspolizei sprach von »kollektiver Scham und Betroffenheit«. Alleine diese sei aber nicht ausreichend, um ähnliche Verbrechen in Zukunft zu verhindern. »Nur wenn Erinnerung Verinnerlichung bedeutet, kann aus ihr etwas Positives werden«, mahnte er.

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