Konferenz

Richtung Norden

Wissenschaftler resümierten in Uppsala 250 Jahre deutsch-jüdisches Exil in Schweden

13.11.2014 – von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

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Ganz still ist es im großen Hörsaal der traditionsreichen Universität Uppsala. Auf dem Podium steht nur ein einziger Sessel. Darauf sitzt Julius Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien (MMZ), und erzählt von seinen frühen Kindheitserinnerungen im schwedischen Exil. »Hier in der Carolinabibliothek von Uppsala arbeitete mein Vater im Archiv – etwas anderes gab es für ihn damals nicht zu tun«, erzählt der Sohn sichtlich bewegt. »Mich gab er jeden Morgen an der Garderobe ab. Dort saß ich dann auf dem Fußboden und spielte – über mir die tropfenden Regenmäntel.«

Berührender könnte der Auftakt zur Konferenz »Deutsch-jüdisches Exil in Schweden« nicht sein, findet Agnes Keleman. Die junge Ungarin ist eine von 25 Studenten, die in diesem Jahr bei Paideia lernen, dem Europäischen Institut für Jüdische Studien in Stockholm. Paideia ist Partner der Konferenz, die vom MMZ und dem Forum für Jüdische Studien der Universität Uppsala organisiert wurde.

Keleman erhofft sich hier neue interdisziplinäre Perspektiven zu Geschichte, Identität und Religion, die sich auch auf andere Exil-Konzepte übertragen lassen. »Das individuelle Emigrantenschicksal von Hans- Joachim Schoeps und seiner Familie macht das Thema von Anfang an viel greifbarer«, so die Studentin.

Verbindungen Drei Tage lang tauschten Wissenschaftler aus Schweden, Österreich und Deutschland ihre Forschungsergebnisse aus. Dabei waren die Vortragsthemen breit gefächert. Seit der Handwerker Aaron Isaak aus Treuenbrietzen sich vor 250 Jahren als erster Jude in Schweden niederließ und dort 1779 die Jüdische Gemeinde Stockholm gründete, gab es zwischen deutschen und schwedischen Juden einen regen Austausch in Wissenschaft, Politik, Religion, Kunst und Handel. All diese Verbindungen kamen auf der Konferenz zur Sprache – erstmals überhaupt.

So war der Einfluss des deutsch-jüdischen Rabbiners und Religionshistorikers Gottlieb Klein auf die akademische Entwicklung in Schweden für viele Konferenzteilnehmer eine Entdeckung. Klein etablierte im 19. Jahrhundert nicht nur die Schwedische Gesellschaft für Religionswissenschaften, sondern auch eine Professur für Religionsgeschichte an der Stockholmer Universität. Seine Verdienste um eine Wissenschaft des Judentums in Schweden sind heute weitgehend vergessen – nicht nur in der akademischen Welt, sondern auch in der Jüdischen Gemeinde Stockholm.

Nazizeit Das wollte die Konferenz ändern. So forderte Lena Roos von der Universität Uppsala in ihrem Vortrag, einen Gottlieb-Klein-Lehrstuhl für Talmudstudien einzurichten und so dem deutsch-jüdischen Erbe in Schweden endlich zu später Ehre zu verhelfen. Ein Schwerpunkt lag zudem auf dem deutsch-jüdischen Exil während der Nazizeit. Puzzlestück für Puzzlestück trugen die Wissenschaftler die Details zusammen: zu Einwanderungspolitik, Emigrantenselbsthilfe, Kindertransporten und Einzelbiografien.

»Das sind zum Teil sehr tragische Geschichten. Viele deutsch-jüdische Emigranten sind hier an gebrochenem Herzen gestorben«, so Julius Schoeps. Viele von ihnen haben in der schwedischen Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen, darunter die Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs, die Kernphysikerin Lise Meitner, der Schriftsteller Peter Weiss, der Maler Josef Frank und der Zionist Isaak Feuerring.

»Hier oben in der Nähe des Polsternes ist die Einsamkeit zu Hause«, zitierte Anna-Dorothea Ludewig vom MMZ Nelly Sachs. Die Historikerin verwies auf ein typisches Paradox: Exil als Krankheit, aber auch als Motor für außerordentliche Kreativität. Hier in Schweden schrieb Nelly Sachs Poesie von Weltruhm. Doch dass die zierliche Dichterin ausgerechnet ihre Steinsammlung mit nach Schweden schleppte, zeigt für Ludewig auch die Bürde des Exils.

Puzzleteile Noa Hermele ist stellvertretender Direktor von Paideia. Auch sein Großvater flüchtete vor den Nazis aus Berlin nach Stockholm. Die Namen vieler deutsch-jüdischer Emigranten sind ihm von klein auf vertraut. »Die Konferenz hat es geschafft, dieses bruchstückhafte Wissen in einen historischen und europäischen Zusammenhang einzufügen, und zugleich die Perspektive dieser beispielhaften Exilerfahrung erweitert«, so der Paideia-Vize.

Am Ende ergab sich aus den vielen Puzzleteilen ein Bild, das nicht nur exemplarisch für jüdische Exilerfahrung steht, sondern als ein Modell für eine gemeinsame europäisch-jüdische Identität dienen kann. »Die Konferenz hat in vielerlei Hinsicht Signalwirkung«, meint Hermele. »Sie setzt das Fach Jüdische Studien an einer schwedischen Universität auf die wissenschaftliche Landkarte – wie wir am Beispiel von Gottfried Klein sehen konnten. Zugleich ist sie ein Sprungbrett, um größere Fragen aufzuwerfen: in puncto Kulturbegegnungen, Minderheitenerfahrungen und Identität.«

»Das ist für mich auch eine der Lehren aus der Konferenz: mit dem Konzept von Exil jüdisches Leben in Europa zu stärken«, so Hermele. Schließlich gehe es um allgemeingültige Fragen, die entstehen, wenn man seine Heimat verlässt. »Man kann heute sein Exil mit sich nehmen, aber auch seine Heimat. Früher war es schwerer, ein solch mobiles Leben zu führen. Das ist eine positive Entwicklung – es gibt kaum mehr Widersprüche zwischen Exil und Heimat.«

Identität Das sieht Agnes Keleman ähnlich. »Ich kann überall leben. Aber ich wähle Budapest. Ich sehe kein Ende der europäisch-jüdischen Geschichte. Der Stolz auf meine europäisch-jüdische Identität schützt mich«, so die Studentin.

Der schwedische Sozialpsychologe Lars Dencik holte für seine Abschlussbetrachtung der Konferenzfragen weit aus – bis zum babylonischen Exil. »Diaspora- und Exilerfahrung bedeutet auch, die Welt als Text zu verstehen, der immer wieder neu interpretiert werden muss«, so der Wissenschaftler. Seine These untermauerte er mit einer Gedichtzeile von Nelly Sachs, die sie eigens für ihre Dankesrede bei der Nobelpreiszeremonie geschrieben hatte: »An Stelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt.«

Die Konferenz hat ebenso viele Fragen geklärt wie angeregt. Sie hat Perspektiven für jüdische Identität diskutiert, aber auch eines erschreckend deutlich gezeigt: Es fehlen die Archive, um all die Dokumente zu sichern. »Hier ist auch die Bundesrepublik Deutschland gefragt«, so Schoeps. »Denn es geht hier um das deutsch-jüdische kulturelle Erbe, das man in Schweden für wichtig erachtet – und in Deutschland für wichtig erachten sollte.«

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