9. November 1938

»Es war der Anfang vom Ende«

Margot Friedländer über die »Reichskristallnacht« in Berlin, Schuld und letzte Worte ihrer Mutter

Aktualisiert am 19.11.2014, 15:36 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Frau Friedländer, am 9. November 1938 zogen die Nazis marodierend durch Berlin, zündeten Synagogen an und ermordeten zahlreiche Juden. Welche Erinnerung haben Sie an diesen Tag?
Ich habe die Pogrome im Wortsinne verschlafen. Die Ausschreitungen fanden ja in der Nacht vom 9. auf den 10. November statt. Als ich am Tag darauf wie immer frühmorgens unsere Wohnung in der Charlottenburger Ludwigkirchstraße verließ, merkte ich sofort, dass in der Nacht etwas passiert sein musste. Es herrschte eine unheimlich beklemmende Ruhe in den Straßen. Ich sah fast keine Menschen.

Wie erfuhren Sie von den Ausschreitungen?
Erst einmal gar nicht. Ich ging nicht wieder zurück ins Haus, um in den Radionachrichten zu hören, was los war. Ich war ein junges Ding von 17 Jahren und wollte auf keinen Fall zu spät zur Arbeit im Salon von Frau Lang-Nathanson kommen, wo ich als Lehrmädchen angestellt war. Also machte ich mich rasch auf in den Salon in Richtung Uhlandstraße, Ecke Ku’damm.

Was sahen Sie dort?
Je weiter ich Richtung Ku’damm ging, desto mehr Menschen waren auf der Straße. Auf einmal knirschten Glasscherben unter meinen Schuhen. Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass die Fenster aller jüdischen Geschäfte eingeschlagen waren. Vor einem Laden standen drei SA-Männer und schauten unbeteiligt ins Leere. Ich erinnere mich, dass sie in diesem Moment nichts Menschliches an sich hatten. Ich sah zu Boden und ging weiter. Ich wollte wissen, was geschehen war – obwohl ich das Gefühl hatte, dass mein Leben vorbei wäre, wenn unsere Blicke sich treffen würden.

Wie ging es dann weiter?
Irgendwann kehrte ich schließlich doch um und rannte nach Hause. Meine Mutter und mein kleiner Bruder Ralph erwarteten mich bereits vor dem Haus und nahmen mich in die Arme. Erst da erfuhr ich, dass die Synagogen brannten und viele Juden ins KZ Sachsenhausen gebracht wurden.

In Ihrer Autobiografie »Versuche, dein Leben zu machen« bezeichnen Sie diesen Tag als das schmerzhafte Ende aller Illusionen.
(schweigt lange) Ja, so war das. Die Pogrome waren für uns der Anfang vom Ende.

Hatten Sie bis zum 9. November 1938 die Hoffnung gehabt, dass alles irgendwie doch noch gut werden würde?
Hitler müsste eines Tages gehen, dachten wir. Irgendwann würden die Deutschen nicht mehr hinnehmen, was man uns Juden antat. Doch dieser Tag kam nicht. Nach der »Reichskristallnacht« wurde uns unmissverständlich klar: Niemand würde uns helfen. Hitler verschwindet nicht. Wir sind es, die gehen müssen. Die Zeit des Selbstbetrugs war vorbei.

Wie überlebte Ihr Vater die Novemberpogrome?
Als er von den Pogromen erfuhr, tauchte er mehrere Tage lang unter. Sein Knopfgeschäft wurde von den Nazis zwar nicht zerstört, weil der Laden in der zweiten Etage lag. Doch er hatte auch so den Ernst der Lage sofort erkannt. Er flüchtete einige Monate nach dem 9. November alleine nach Belgien. Mutter und Vater waren zu diesem Zeitpunkt schon seit Längerem geschieden.

Versuchte Ihr Vater, Sie nach Belgien nachzuholen?
Nein. Was mich jedoch bis heute wirklich schmerzt, ist die Tatsache, dass Mutter, Ralph und ich die Möglichkeit hatten, nach Schanghai zu fliehen. Dafür benötigten mein Bruder und ich jedoch eine schriftliche Erlaubnis von Vater, weil wir minderjährig waren. Dieses Schreiben hat er uns verweigert. Er schrieb meiner Mutter: »Was wollt ihr in Schanghai? Verhungern könnt ihr auch in Berlin!« Ich weiß nicht, ob er uns einfach bei sich in Belgien haben wollte oder ob er uns schlicht im Stich ließ.

Ihre Mutter versuchte ein Visum für Guatemala zu beantragen ...
... und auch dieser Versuch scheiterte. Wir saßen in der Falle. Das Zeitfenster für eine Flucht aus Deutschland hatte sich geschlossen. Das zu erkennen, war furchtbar. Wir wurden dann von den Nazis in die Skalitzer Straße 32 in Kreuzberg zwangsumgesiedelt. Der einzige Trost war, dass wir zusammen waren. Doch dann, am 20. Januar 1943, wurde Ralph von der Gestapo verhaftet. Ohne mir Bescheid zu geben, folgte Mutter ihm in die Haft. Sie konnte und wollte ihn nicht alleine lassen. Beide wurden aus der Haft heraus nach Auschwitz deportiert und von den Nazis ermordet. So wie mein Vater. Das alles habe ich erst sehr viel später erfahren.

Konnten Sie sich von Ihrer Mutter und Ihrem Bruder verabschieden?
Ich musste damals als Jüdin Zwangsarbeit in einer Rüstungsfabrik leisten. Als ich an jenem Tag von der Nachtschicht nach Hause kam, waren beide schon weg. Über Freunde der Familie übermittelte Mutter mir aber einen Brief. »Versuche, dein Leben zu machen!«, stand darin. Sie hinterließ nur diesen einen Satz. Ich sah sie nie wieder.

Waren Sie angesichts dieser knappen Nachricht verletzt?
Nein. Wenn Mutter nach Ralphs Verhaftung auf mich gewartet hätte, wäre ich mit ihr zur Gestapo gegangen. Das wusste sie.

Stimmt es, dass Sie sich im Untergrund die Nase operieren ließen, um nicht als Jüdin erkannt zu werden?
Ich würde danach weniger »jüdisch« aussehen, hoffte ich. Die Operation, die außerhalb der Öffnungszeiten in einer Privatpraxis stattfand, war riskant. Als Jüdin hätte ich bei Problemen nicht in ein Krankenhaus gehen können. Zum Glück klappte alles.

Im Frühjahr 1944 wurden Sie bei einer Ausweiskontrolle aufgegriffen und nach Theresienstadt deportiert. Nach der Befreiung des Lagers emigrierten Sie zusammen mit Ihrem Mann nach New York. Hätten Sie je gedacht, dass Sie nach all dem nach Deutschland zurückkehren würden?
Nie! Nach dem Tod meines Mannes 1997 besuchte ich jedoch Berlin und stellte auf einmal fest: Hier gehörst du jetzt hin! Es ist deine Aufgabe, hier von deinem Schicksal zu berichten.

Viele Schoa-Überlebende konnten nie oder erst nach Jahrzehnten über ihr Schicksal sprechen. Wie war das bei Ihnen?
Ich habe auch lange Zeit nicht darüber sprechen können. Dabei hätte ich vielleicht sogar gern berichtet. Wir Überlebende wollen gefragt werden.

Sie lesen seit Jahren regelmäßig an Schulen aus Ihrer Autobiografie. Ist das für Sie eine Art Therapie?
Absolut. Ich spreche mir das Erlebte sozusagen von der Seele. Und noch viel wichtiger: Es ist mir ein Auftrag, all jenen ermordeten Juden eine Stimme zu geben, die nicht mehr sprechen können. Das bin ich den Toten schuldig.

Welche Rückmeldung erhalten Sie von den Schülern?
Die meisten Jugendlichen sind sehr empathisch. Bei meinen Lesungen reiche ich ihnen die Hand und ermutige sie, solch ein Unrecht niemals zuzulassen. Ich sage ihnen: Ihr müsst die Zeitzeugen sein, die es schon bald nicht mehr geben wird. Es geht nicht um Schuld. Es geht um Verantwortung.

Mit der Berliner Schoa-Überlebenden sprach Philipp Peyman Engel.

Margot Friedländer, geboren 1921 in Berlin, überlebte Verfolgung und Krieg im Untergrund in Berlin sowie im Konzentrationslager Theresienstadt. Ihre Eltern und ihr Bruder wurden in Auschwitz ermordet. 1946 emigrierte sie nach New York. Die Filmdokumentation über das Leben von Margot Friedländer mit dem Titel Don’t call it Heimweh eröffnete im Jahr 2005 das Jewish Film Festival Berlin und Potsdam. Kurz darauf erschien im Rowohlt-Verlag ihre Biografie Versuche, dein Leben zu machen, die zum Bestseller wurde. Im Anschluss daran ergab sich ein reger Austausch mit Personen des öffentlichen Lebens in Berlin, die sie dazu einluden, in ihre Geburtsstadt zurückzukehren. Seit 2010 lebt Margot Friedländer wieder in Berlin-Charlottenburg.

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AfD-Vize Alexander Gauland im Schweizer »Tages-Anzeiger«