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Mumar

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

06.11.2014 – von Chajm GuskiChajm Guski

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Es klingt nicht nur ein wenig untertrieben, wenn man schreibt, es sei kein Geheimnis, dass es heute auch Juden gibt oder geben soll, die sich nicht unbedingt an alle halachischen Konventionen halten. Solche Juden hat es immer gegeben, und natürlich ist es folgerichtig, zu sagen: Konventionen? Welche Autorität hat sie festgelegt, und woran werden sie gemessen?

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die das Judentum vollkommen hinter sich lassen und sich einer anderen Lebensanschauung verschreiben. Das können Religionen oder Lebensphilosophien sein.

Weil das kein neues Phänomen ist, überrascht es nicht, dass die Halacha viele Begriffe mit unterschiedlichen Schattierungen für diesen »Tatbestand« kennt: Es gibt den Meschummad, der seine Lebensanschauung zerstört, den Apikojros (Häretiker), den Kofer (Verleugner) und den Posche’a Jisrael, den rebellischen Juden. Und dann gibt es noch den Mumar – das ist einer, der seine Weltanschauung »wechselt« und das Judentum »verlässt«. Der Talmud kennt diesen Begriff für jemanden, der als Jude geboren wurde, aber nicht jüdisch lebt und sich an anderen Maßstäben orientiert.

Halacha Doch der Mumar verlässt das Judentum nur aus seiner Sicht. Aus Sicht der Halacha bleibt er Jude. Jüdisch zu sein, ist nichts, was er einfach so ablegen könnte. Wer einmal Jude ist, bleibt es.

Der Talmud sagt: »Auch wenn er gesündigt hat, so ist er doch ein Jude« (Sanhedrin 44a). In der Konsequenz bedeutet das: Der Mumar findet jederzeit eine offene Tür zurück. Zugleich gelten für ihn, solange er noch auf dem »falschen« Weg unterwegs ist, gewisse Einschränkungen: So kann er kein Schochet sein (Schulchan Aruch, Jore De’a 2), könnte aber eventuell zum Minjan gezählt werden – dazu geben verschiedene Autoritäten unterschiedliche Antworten. Auch kann ein Mumar keinen Scheidungsbrief (Get) schreiben oder vor einem Beit Din, einem rabbinischen Gericht, aussagen.

Buddhismus Für wen gilt der Status »Mumar«? Für jemanden, der sich der katholischen Kirche oder dem Buddhismus zuwendet? Nicht ausschließlich, und das ist einer der Streitpunkte, wenn man die Diskussionen zu diesem Begriff verfolgt. Denn wie immer, wenn es um Begriffe geht, die bestimmen, wer zu einer Gruppe gehört und wer »draußen« ist, gibt es da konkurrierende Sichtweisen, je nach Interesse.

So gibt es Gruppen, die am liebsten jeden säkularen Israeli als Mumar bezeichnen würden. Denn in einer Diskussion im Talmud (Chullin 5a) heißt es, dass jemand, der den Schabbat öffentlich entweiht, als Mumar bezeichnet werden kann.

Aber so einfach ist es nicht. Immerhin steht im Schulchan Aruch (Orach Chajim 385,2), dass dies ausdrücklich nicht für jemanden gelte, der dies privat tue, also in den eigenen vier Wänden oder nur in einem gewissen Maß. So wird im Traktat Eruwin (69b) erzählt, jemand habe am Schabbat getragen, und Rabbi Jehuda sah dies und sagte, dass auch eine solche Person immer noch als Jude betrachtet werde.

Rabbiner Mosche Feinstein (1895–1986) hat in seiner Responsensammlung Igrot Mosche (Orach Chajim 4,83) festgehalten, dass ein Mumar weiterhin Jude bleibt. Der Fall, dass ein Jude sich einer anderen Religion anschließe, sei in der schriftlichen oder mündlichen Tora gar nicht überliefert. Deshalb bliebe er ein Jude und auch heilig. Er sei weiter verpflichtet, die Mizwot zu halten, zu heiraten und Kinder zu haben. Seine Kinder blieben Juden. Es ist also schwer, ein Jude zu sein, aber noch schwerer, keiner mehr sein zu wollen.

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