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Jakov Pertsovsky und Shlomo Aminov werden in Würzburg ordiniert

Aktualisiert am 06.11.2014, 14:54 – von Gerald BeyrodtGerald Beyrodt und Claudia TracheClaudia Trache

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Mit großer Vorfreude blickt Jakov Pertsovsky dem 3. November entgegen. An diesem Tag werden er und sein Studienkollege Shlomo Aminov in Würzburg zu Rabbinern ordiniert. »Es ist ein wichtiger Tag in meinem Leben. Ich fühle mich sehr geehrt, dass so viele hochrangige Persönlichkeiten nach Würzburg kommen, um mich in ihren Reihen aufzunehmen«, sagt der 27-jährige Pertsovsky, der bereits selbst an zwei Ordinationen teilgenommen hat und somit den Ablauf der feierlichen Zeremonie kennt.

Mit elf Jahren kam der in Kiew geborene junge Mann mit seiner Familie nach Deutschland und wuchs zunächst in München auf. »Meine Eltern lebten in der Ukraine nicht religiös. Erst in Deutschland habe ich mich gemeinsam mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester langsam dem jüdischen Glauben angenähert«, erinnert er sich. Und so entwickelte sich der Wunsch, Rabbiner zu werden, bei Jakov Pertsovsky schon sehr früh. Die Einhaltung des Schabbats sowie koschere Ernährung spielten eine zunehmend größere Rolle. Bereits als Jugendlicher engagierte er sich im Jugendzentrum der Gemeinde.

Sein Abitur legte er 2008 in Berlin ab. Dorthin wechselte er, um zusätzlich zum regulären Schulunterricht abends die Berliner Talmudschule Beis Zion besuchen zu können. Direkt nach dem Abitur ging er für ein Jahr zum weiteren Studium nach Jerusalem an die Talmudschule »Kol Torah«, die 1939 ursprünglich von zwei deutschen Rabbinern gegründet worden war. »Etwas Hebräisch konnte ich damals bereits. In einem speziellen Programm für englischsprachige junge Männer wurden wir langsam an das hebräische Studienprogramm herangeführt.«

Studium Nach seiner Rückkehr lernte Jakov Pertsovsky bis September dieses Jahres am Rabbinerseminar zu Berlin. »Das Studium der jüdischen Schriften macht mir viel Spaß«, so der orthodoxe Rabbiner-Kandidat. »Ebenso arbeite ich gerne mit Menschen, möchte ihnen den jüdischen Glauben näherbringen.« Bereits seit Anfang Oktober amtiert er in der Jüdischen Gemeinde Chemnitz.

Bei einem Schabbatgottesdienst hatten sich er und seine Frau, mit der er ein knappes Jahr verheiratet ist, der Gemeinde vorgestellt. Nach einem Gespräch entschied sich der Gemeindevorstand für ihn als Rabbiner. »Ich hatte einen schönen Anfang, wurde von der Gemeinde gut angenommen, auch wenn ich ein junger Rabbiner bin. Inzwischen habe ich mich gut in der Gemeinde eingelebt«, so sein erstes Resümee. Vor allem ältere, aus dem russischen Sprachraum stammende Gemeindemitglieder sprechen nur wenig Deutsch. Da ist es für ihn ein Vorteil, russischsprachig aufgewachsen zu sein, sich aber auch in der deutschen Sprache heimisch zu fühlen.

Sprache Seine Ansprachen und Predigten hält er auf Deutsch und Russisch, was von seinen Gemeindemitgliedern sehr positiv angenommen wird. Ebenso bietet er Religionsunterricht sowohl in Deutsch als auch Russisch an. »Es gibt viele Gemeindemitglieder, die nach Wissen über die jüdische Religion und Traditionen streben«, freut er sich. »Ich möchte die Jüdische Gemeinde auf dem Weg unterstützen, zu jüdischen Traditionen zu finden.«

Pertsovskys bisherige Ausbildung hat ihn nach eigener Einschätzung bereits sehr gut auf seine Arbeit vorbereitet. Aber auch künftig wird er sich in zahlreichen Seminaren weiterbilden. Berufsbegleitend absolviert er derzeit ein zweijähriges Bachelorstudium zur sozialen Arbeit. Mit Gottes Hilfe möchte er ein guter Rabbiner werden und damit auch einen Beitrag für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland leisten.

Umzug
Shlomo Aminov hat seine neue Kölner Wohnung über Freunde gefunden. Eine religiöse Familie wollte von dort nach Berlin ziehen, so konnte er tauschen. In Bonn wird er Rabbiner in Teilzeit sein. Warum er dann in Köln lebt? »Hier gibt es auch in der Woche einen Minjan und eine Mikwe«, sagt Aminov.

Aminov ist freundlich und verbindlich, fragt höflich nach, wenn er ein deutsches Wort nicht versteht. Groß und schlank ist er, ein dunkler Bart ziert das markante Gesicht des 25-Jährigen. Er stammt ursprünglich aus Usbekistan. Seine Muttersprache ist Russisch. 2002 kam die Familie nach Deutschland – wegen der Armut in seinem Heimatland.

Mit 18 wurde Aminov religiös. Seine Schwester und er lernten bei einem Machane in der Schweiz das orthodoxe Judentum kennen. Aufgewachsen ist Shlomo Aminov ohne Religion. Ein Freund mokierte sich einmal, wie verrückt es sei, dass sich religiöse Juden von morgens bis abends an Regeln halten müssten. Inzwischen lebt auch der Freund religiös. Aminov selbst mag diese Art von Ordnung. »Wenn man selbst entscheiden muss, weiß man nie genau, was richtig oder falsch ist. Doch wenn es Regeln gibt, weiß man, was richtig und falsch ist.« Dann überlegt er und fügt hinzu, dass im Judentum sehr oft unterschiedliche Sichtweisen vermittelt werden.

Talmudschule Sein gesamtes Studium hat Aminov in der Talmudschule in der Berliner Brunnenstraße und im dazugehörigen Rabbinerseminar verbracht. Nach zwei Jahren in der Jeschiwa fragte ihn der Rosch-Jeschiwa, ob er nicht Rabbiner werden wollte.

Aminov lebte in den ersten Jahren im Sechsbettzimmer – »zum Glück«, wie er sagt, waren nur zwei Betten belegt. Im vergangenen Jahr hat er eine französische Jüdin, eine Mathematikerin, geheiratet. Seitdem hat das Paar eine eigene Wohnung. Seine Frau trägt keinen Scheitel, sondern dem sefardischen Brauch entsprechend ein Kopftuch. Auch der junge Rabbiner ist Sefarde. Doch er spricht kein Französisch, seine Frau kein Deutsch oder Russisch. So verständigen sich die beiden eben auf Hebräisch.

Einen Fernseher oder einen Internetanschluss haben die beiden in ihrer Kölner Wohnung nicht. Aminov möchte »schlechte Gedanken« vermeiden. Dabei gehe es aus seiner Sicht beileibe nicht nur um ganz bestimmte Seiten im Internet, sondern um alles, was auch nur im Entferntesten als anstößig gelten könnte. Doch wie überquert er eine Straße und geht durch die Stadt, wenn überall Versuchungen lauern? »Manche lösen das so«, sagt Aminov und nimmt die Brille von der Nase. »Vielleicht sollte ich das auch tun.«

Schiurim Die Mitglieder der Bonner Synagogengemeinde will er nicht unbedingt überzeugen, Fernsehen und Internet aus der Wohnung zu verbannen. Jedenfalls will er erst dann zu solchen Themen etwas sagen, wenn er gefragt wird. Schiurim möchte der junge Mann halten und sich an der Sonntagsschule beteiligen. Da die meisten Gemeindemitglieder aus den Länder der GUS stammen, will er die Workshops wohl auf Russisch halten. Der 25-Jährige ist überzeugt, dass sein Russisch dafür ein Türöffner sein kann.

Den wird er auch brauchen. Viele Juden mit sowjetischem Hintergrund hätten lediglich wenig Kenntnis von den halachischen Regeln. Wie will er ihr Interesse gewinnen, wie will er Jugendliche nach der Barmizwa davon überzeugen, sich freiwillig mit Tora und Talmud zu beschäftigen? »Gute Frage«, sagt Aminov und zupft sich am Bart. Viele andere würden in diesem Moment etwas erzählen, irgendetwas womöglich, wie man die Beter begeistern könne, würden vielleicht zurechtgelegte Antworten abspulen. Er aber tut das nicht. Er spricht stattdessen von einem älteren Rabbiner, mit dem er sich über die Jugendarbeit beraten will. Und neulich hat er in Bonn schon einen Schiur über den Wochenabschnitt gehalten. Das sei gut angekommen, sagt er und schmunzelt.

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