Berlin

»Die beste Entscheidung«

Der Jüdische Weltkongress traf sich zum ersten Mal in Deutschland

17.09.2014

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Es war ein historisches Ereignis: Zum ersten Mal in seiner Geschichte kam Anfang der Woche der Jüdische Weltkongress (WJC) in Deutschland zusammen. In einem Berliner Hotel tagte von Sonntag bis Dienstag der WJC-Leitungsrat: Rund 150 Spitzenfunktionäre jüdischer Gemeinden und Organisationen aus mehr als 40 Ländern berieten über die aktuelle Situation in Israel und die Lage der Juden in Europa.

Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüßte die Teilnehmer am Sonntagabend, wenige Stunden nach der Kundgebung gegen Antisemitismus am Brandenburger Tor: Sie sei eine »Parade der politischen Prominenz« gewesen und habe gezeigt, dass der Geist des Judentums nicht zerstört werden könne, sagte Graumann. »In diesen Tagen wollen wir das Gefühl jüdischer Solidarität teilen. Denn solange wir zusammenhalten, wird es niemandem gelingen, uns anzugreifen.«

Dankbarkeit Als Gastredner trat Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier auf die Bühne. Er würdigte das Aufblühen jüdischen Lebens in Deutschland und Europa. Dies sei eine große Versöhnungsleistung gewesen, sagte er. »Jüdisches Leben ist zurück in unserem Land, es gehört dazu, es bereichert uns.« Dass sich der WJC erstmals in Deutschland trifft, erfülle ihn mit großer Dankbarkeit, sagte Steinmeier. Mit Blick auf die Kriege im Irak, in Syrien und der Ukraine mahnte er, Deutschland, Europa, die USA und Israel müssten zusammenstehen: »Die heutigen Krisen sind zu groß, um von einem einzelnen Land gelöst zu werden.«

WJC-Präsident Ronald S. Lauder lobte den Gastredner: »Ich habe schon viele Außenminister gehört, meine Damen und Herren! Aber niemand ist wie Herr Steinmeier. Denn was er sagt, das tut er.« Steinmeier sei ein treuer Freund Israels, betonte Lauder und überreichte ihm zum Dank ein silbernes Schofar.

Am Montag begann der Leitungsrat seine Arbeit. Die Mitglieder diskutierten unter anderem über die Boykottbewegung gegen Israel und die Frage, wie man besser darauf reagieren könne. WJC-Vizepräsident Ariel Muzicant beklagte, dass es viel zu wenig Koordination zwischen israelischen Ministerien, den jüdischen Gemeinden weltweit und Organisationen wie dem WJC gebe.

Mit Blick auf die Militäroperation »Protective Edge« wandte sich der langjährige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gegen die Einschätzung, Israel versage bei der Aufklärungsarbeit. Die Verantwortlichen dort »machen einen fantastischen Job«, hielt Muzicant dem entgegen. Immerhin habe man es trotz der schwierigen Situation eines asymmetrischen Krieges geschafft, dass die Hamas in Ländern der EU deutlich verurteilt werde.

Akiva Tor vom israelischen Außenministerium berichtete dem Leitungsrat, wie sich die anti-israelische Kampagne »Boycott, Divestment and Sanctions« (BDS) auf den jüdischen Staat auswirke. Ökonomisch habe BDS bislang kaum Schaden angerichtet. Problematischer sei es aber auf der Ebene von Kultur und Wissenschaft. Man wolle der Hetzkampagne aber nicht mehr Bedeutung beimessen, als sie tatsächlich habe, sagte Tor. Vor allem müsse man zeigen, dass BDS diskriminierend und in weiten Teilen antisemitisch ist, denn die Kampagne delegitimiere Israel. Um darauf verstärkt aufmerksam zu machen, soll jetzt eine Arbeitsgruppe gegründet werden.

Mary Kluk, die Vorsitzende der jüdischen Repräsentantenversammlung Südafrikas, sagte in ihrer Rede, man könne keine fünf Minuten über BDS diskutieren, ohne dass Vergleiche zur Apartheid in Südafrika gezogen würden. Zwar gebe es in ihrem Land traditionell wenig herkömmlichen Antisemitismus, doch könne man sich gerade auch in Südafrika »endlos den Mund fusselig reden« bei der Erklärung, dass Israel kein Apartheidstaat sei.

Irit Kohn von der International Association of Jewish Lawyers and Jurists beschrieb die Versuche, israelische Soldaten oder Politiker vor internationalen Gerichtshöfen anzuklagen. Interessant sei, dass Palästinenserpräsident Mahmud Abbas diese Bestrebungen nicht direkt unterstütze – offenbar aus Angst, dass dann auch seinem Koalitionspartner Hamas Klagen drohen könnten. Während der Diskussion betonten mehrere Mitglieder des Boards, dass im Bewusstsein der Öffentlichkeit stärker verankert werden müsse, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Hamas und der Terrororganisation »Islamischer Staat« gebe – beide wollten einen Genozid.

Resolutionen Unter der Leitung von Moshe Ronen, dem Chef des WJC-Ausschusses für Resolutionen, debattierte und verabschiedete die Versammlung mehrere Entschließungen. Am heftigsten wurde eine Resolution zum israelisch-palästinensischen Konflikt diskutiert. Vor allem die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen werden in dem Papier stark kritisiert.

Vor dem Hintergrund des Falls Gurlitt und der daran wiederaufgeflammten Debatte über den Umgang mit Nazi-Raubkunst fordert der WJC mit einer weiteren Resolution, die Washingtoner Erklärung von 1998 zu respektieren. Ihr zufolge sollen während der NS-Zeit beschlagnahmte Kunstwerke identifiziert, ihre Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig gemacht und schließlich eine gerechte und faire Lösung gefunden werden.

Ein weiterer Beschluss des WJC-Gremiums fordert, eine Neuveröffentlichung von Hitlers Mein Kampf zu verhindern. Die Urheberrechte an der Propagandaschrift liegen beim Freistaat Bayern und laufen 2015 aus. Der Verkauf in Buchläden sei zu »schmerzhaft für viele Schoa-Überlebende«, heißt es in der Resolution. Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, begründete die Forderung in einem Statement: »Es handelt sich um eine der widerwärtigsten antisemitischen Schmähschriften, die je in deutscher Sprache verfasst wurden.« Weitere Resolutionen befassen sich mit der Bekämpfung des Antisemitismus in Europa und dem 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager 2015.

Zum Abschluss der Gespräche am Montag berichteten Teilnehmer aus mehreren Kontinenten über die Situation der jeweiligen jüdischen Gemeinschaften vor Ort. So erinnerte Julio Schlosser von der jüdischen Gemeinde Argentiniens an die Bombenanschläge auf jüdische Einrichtungen in den 90er-Jahren. Schon damals habe es den, inzwischen erhärteten, Verdacht gegeben, dass der Iran dahinterstecke. Die Juden Argentiniens wünschten sich heute einen Dialog mit den Muslimen im Land, doch der liege wegen des Gaza-Konflikts auf Eis.

Bilanz Auch Roger Cukierman vom Dachverband der Juden in Frankreich CRIF zog eine bittere Bilanz: Die Zahl antisemitischer Gewalttaten habe sich in den ersten Monaten dieses Jahres verdoppelt. Immer mehr Juden verließen das Land. Auch die Angst vor Dschihadisten, die aus dem Irak oder Syrien zurückkehren, nehme zu. Der Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel habe gezeigt, dass diese Sorge berechtigt sei.

In der Ukraine scheint angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen im Osten nicht nur das Land, sondern auch die jüdische Gemeinschaft zunehmend gespalten. Boris Fuchsmann, Präsident der Jüdischen Konföderation der Ukraine, sagte, er könne keine detaillierte Rede über die Situation in dem osteuropäischen Land halten. Es sei jemand im Raum – konkreter wollte Fuchsmann nicht werden –, der nach seiner letzten Präsentation Videoaufnahmen der Rede an ukrainische Sicherheitsorgane übergeben und ihn als »Feind der Ukraine« gebrandmarkt habe. Da man dort inzwischen ohne Gerichtsverfahren für 30 Tage ins Gefängnis kommen könne, sei das Risiko, offen zu sprechen, für ihn zu groß. Josef Zissels, der Vorsitzende des Va’ad der Ukraine, kritisierte hingegen die »provokative Rolle Russlands« und sagte, dass mehrere Zehntausend Juden aus den umkämpften Gebieten im Südosten geflüchtet seien.

Ehrung Am Montagabend zeichnete der Jüdische Weltkongress den Verleger Axel Springer (1912–1985) für seine lebenslangen Bemühungen »um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden, zwischen Deutschland und Israel« posthum mit dem Theodor-Herzl-Preis aus. Seine Witwe, Friede Springer, nahm die Auszeichnung bei einem Dinner im Berliner Jüdischen Museum entgegen. WJC-Schatzmeisterin Chella Safra überreichte ihr dabei eine Büste des Gründers der zionistischen Bewegung.

WJC-Präsident Ronald S. Lauder sagte, man sei sich bei der Entscheidung, erstmals ein WJC-Treffen in Berlin abzuhalten, sofort einig gewesen, den wohl wichtigsten Preis der jüdischen Welt in dieser Stadt nur einem Menschen zu verleihen: Axel Springer.

Lauder berichtete, es habe im Vorfeld Diskussionen darüber gegeben, ob das Treffen tatsächlich in Berlin stattfinden solle. Aber jetzt sei er sicher: »Es war die beste Entscheidung.« Bei der Kundgebung am Brandenburger Tor Tausende Juden und Nichtjuden zu erleben, die »in Solidarität vereint standen«, sei für ihn »sehr besonders« gewesen. »Das deutsche Volk hat uns von seiner Liebe zu Israel und zum jüdischen Volk überzeugt.«

Gedenken Der dritte Tagungstag stand im Zeichen des Erinnerns: Die Teilnehmer besuchten das Haus der Wannsee-Konferenz, die Gedenkstätte Gleis 17 am Bahnhof Grunewald und das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor. »Ich frage mich, ob deutsche Politiker heute auch so entschieden gegen Antisemitismus auftreten würden, wenn all das damals nicht geschehen wäre?«, merkte Amichai Wise aus Kanada während des Rundgangs durch die Villa am Wannsee an. Es beeindrucke ihn, wie die Ausstellung gemacht ist, sagte er. Doch was bleibt, sei ein Gefühl der Fassungslosigkeit.

Ein Gefühl, das Andi Gergely teilt. Für die Vorsitzende des Weltverbands jüdischer Studenten ist die Villa wegen des Kontrasts zu ihrer idyllischen Lage ein starkes Symbol. Nach der WJC-Tagung will sie vor allem junge Menschen für mehr Geschichtsbewusstsein sensibilisieren.

Auch für Ariel Seidler, der zum ersten Mal in Deutschland ist, sind die Eindrücke überwältigend. »Meine Großmutter hat die Schoa überlebt. Ansonsten stünde ich heute nicht hier«, beschreibt der Argentinier seine Empfindungen. Es falle ihm schwer, dauernd Deutsch zu hören. Auf Schritt und Tritt spüre er die Vergangenheit, sagt der 31-Jährige. Per Internet berichtet er seiner Großmutter in Buenos Aires täglich aus Berlin, auch von der Gedenkstätte Gleis 17. »Hier zu sein, schmerzt mich physisch. Doch jetzt bin auch ich ein Zeuge und eine Brücke zwischen meiner Großmutter und meinen Kindern.«

Dazu rief auch Charlotte Knobloch auf. In einer sehr persönlichen Rede erinnerte die frühere Zentralratspräsidentin an die Schrecken der Schoa, die sie selbst als Kind erlebt hat. »Mit diesem Wissen stehen wir heute hier«, sagte Knobloch. »Es ist unsere Verpflichtung, die Erinnerung an die Ermordeten wachzuhalten und weiterzugeben – und für unsere Rechte einzustehen, jetzt und hier.«

Anschließend legte Knobloch zusammen mit WJC-Repräsentanten einen Kranz nieder. Dazu sang Rabbiner Zsolt Balla zum Gedenken an die Opfer der Schoa das El Male Rachamim und sprach das Kaddisch. »Wir beten gemeinsam, wir weinen zusammen, und wir stehen füreinander ein«, fasste Gabriel Goldberg aus Düsseldorf die dreitägige Tagung zusammen. »Gut, dass es eine Organisation wie den WJC gibt.«

André Anchuelo, Detlef David Kauschke, Tobias Kühn und Katharina Schmidt-Hirschfelder

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