Interpretation

Deutungshoheit

Die Tora ist von Gott gegeben – doch sie auszulegen, bleibt unsere Aufgabe

18.09.2014 – von Rabbinerin Gesa EderbergRabbinerin Gesa Ederberg

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Lo Baschamajim hi« – »sie ist nicht im Himmel«, wird in unserer Parascha von der Tora gesagt, »sondern sie ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen, sie zu tun«.

Auf den ersten Blick ist dies eine eindeutige Aussage. Die Tora, Gottes Lebensweisung an uns Juden, ist uns zugänglich. Sie ist keine Geheimwissenschaft, keine mystische Offenbarung an besonders Fromme, sondern uns allen zugänglich. Somit kann sie auch von uns allen erfüllt werden. Wir können gemäß der Tora leben!

Auf den zweiten und dritten Blick aber wird es komplizierter. Zum einen spricht der biblische Text nicht ausdrücklich von der Tora insgesamt, wie die jüdische Tradition es später mehrheitlich verstehen wird, sondern von einem bestimmten Gebot. »Diese Mizwa« ist die Umkehr, die Tschuwa zu Gott und seinen Geboten. So im engeren Sinne versteht später im Mittelalter auch Nachmanides (1194–1270) diese Stelle: Reue und Umkehr sind für uns möglich. Wir müssen nicht in den Himmel hinaufsteigen – also übermenschliche, göttliche Kraft haben –, sondern es ist uns als Menschen aus Fleisch und Blut möglich, zu Gott und seinen Geboten umzukehren.

Mizwot Der Talmud und Raschi (1040–1105) hingegen verstehen unter »dieser Mizwa« nicht ein besonderes Gebot, sondern alle Mizwot, also die Tora überhaupt. Hier zeigt sich die jüdische Auffassung von der Schöpfung und vom Menschen. Wir sind zwar nie perfekt und erbitten immer wieder Gottes Verzeihung und seine Hilfe, wir sind aber Teil der guten Schöpfung Gottes und können das Gute tun, die Gebote, die Gott uns aus Liebe gegeben hat. Sie sind nicht im Himmel, also fern, sondern nah.

Eine andere Frage ist nun, wie dieses »nicht im Himmel« genauer verstanden wird. Was bedeutet »in deinem Mund und in deinem Herzen, sie zu tun«? Sicherlich ist damit keine innere Stimme gemeint, eine Evidenz des Gewissens, die uns sagt, was gut ist. Nein, die Tora ist keine innere Stimme, sondern sie ist Offenbarung und Unterweisung, die von Gott stammt. Mosche verkündigt die Gebote Gottes mündlich, und das Volk wiederholt und erinnert sie mündlich. In einem zweiten Schritt ist sie dann in unserem Herzen, als etwas Erworbenes, etwas Gelerntes. Wenn man möchte, ein Über-Ich im Freudschen Sinne.

Als etwas Erworbenes, das nicht von Natur aus in uns ist, beruht das Wissen um die Tora auf Lehre. Eine zentrale Frage ist dann: Wer lehrt, wer hat Autorität? Nach dem 5. Buch Mose ist das völlig klar. Mosche gibt weiter, was er von Gott empfangen hat. Die Hüter der Tradition, zu denen man geht, wenn etwas nicht klar ist, sind im biblischen Text die Priester, die Kohanim. Rabbiner gab es damals noch nicht, aber es gab Propheten und Prophetinnen.

Mosche war ein Prophet. Man hätte erwarten sollen, dass man sich auch nach ihm mit Fragen an diejenigen wendet, denen sich Gott direkt offenbart. Dies ist aber nicht der Fall – man wendet sich an die Hüter der Tradition. Nachbiblisch geht mit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 die Autorität, auszulegen, was genau die Tora bedeutet, von den Priestern an eine neue Gruppe über: an die Rabbinen der Antike.

Autonomie Wie weit diese Autorität reicht, wird in der berühmten Geschichte vom Ofen des Achnai im Babylonischen Talmud (Baba Metzia 59a-b) deutlich. Die Priester spielen schon keine Rolle mehr. Es ist ein Konflikt, der sich nur unter Rabbinen abspielt: In Bezug auf ein Detail der Lehre über reine und unreine Dinge ist Rabbi Elieser anderer Meinung als seine Kollegen. Er weigert sich, die Position der Mehrheit anzuerkennen, argumentiert und ruft schließlich sogar Gott zur Bestätigung seiner Position an. Als aber dann tatsächlich eine Himmelsstimme Rabbi Eliesers Meinung bestätigt, weigern sich die anderen, auf Gott zu hören. Ihre Begründung lautet: »Lo Baschamajim hi« – die Tora ist nicht im Himmel! Gott hat sie uns gegeben. Jetzt legen wir sie aus, und Gott hat keine Möglichkeit, noch etwas zu ändern oder einzugreifen.

Dies bedeutet zweierlei: Es gibt keine direkte Offenbarung Gottes in der Gegenwart. Mit der Zerstörung des Tempels hat die direkte Prophetie aufgehört. Zum anderen wird das Mehrheitsprinzip innerhalb der rabbinischen Kreise etabliert. Es gibt keinen Großrabbiner, der alles entscheiden kann, wie es ja auch keinen Sanhedrin, keinen obersten Gerichtshof mit Autorität über alle, mehr gibt. Bis heute gilt im Judentum das Prinzip der Mehrheit und der weitgehenden Autonomie des Rabbiners oder der Rabbinerin vor Ort.

Wir begegnen hier einem Grundproblem aller Kulturen mit langer Tradition, insbesondere der sogenannten Schriftreligionen: Wie kann man das Alte, das Festgelegte, immer wieder für die Gegenwart mit ihren neuen Fragen aktualisieren?

Grundsätzlich gibt es mehrere Optionen. Man kann sich, wie die Griechen und Römer der Antike, durch Propheten und Orakel direkt an Gott wenden. Auch die Kommunikation mittels Gräbern besonders heiliger Menschen in der marokkanischen oder chassidischen Tradition fällt in diese Kategorie. Man kann auch den genauen Wortlaut eines heiligen Textes zum Maßstab machen, wie der Islam, der damit auch das Judentum stark beeinflusst hat. Im Judentum gibt es die Karäer, die am biblischen Text hängen und die rabbinische Auslegung ablehnen. Man kann auch eine heutige Gruppe mit Autorität versehen, wie es die katholische Kirche mit dem Lehramt des Papstes getan hat.

Das Judentum kombiniert in der Praxis diese Methoden. Die direkte Kommunikation mit Gott zur Festlegung von Halacha, jüdischer Praxis, ist auf Randgruppen beschränkt. Dagegen gilt der Text der Tora allgemein als authentischer Wille Gottes und wird so auch im Ritual des Gottesdienstes hervorgehoben. Was diese Tora aber konkret bedeutet, wie sie gelesen und auf unser Leben angewandt wird, bestimmt die rabbinische Tradition, der alle heutigen Formen des Judentums entstammen.

Pluralität Diese Pluralität von Methoden und Menschen – einzelnen wie auch ganzen Strömungen – führt zwar zu immer wiederkehrendem Streit im Judentum. Ohne diese Vielfalt an Stimmen – bei denen auf lange Sicht ja das Volk entscheidet, wie es leben will, und nicht eine Elite, die es besser weiß und dies auch mit Polizei und Armee durchsetzen könnte – gäbe es das Judentum wohl gar nicht mehr.

»Lo Baschamajim hi« bedeutet damit, dass uns die Tora zwar gegeben und nahe ist, aber dass es notwendigerweise eine Fülle verschiedener Interpretationen gibt. Denn Gott verzichtet darauf, direkt klarzustellen, was die Tora im Einzelfall bedeutet. Das Leben mit der Tora und ihre Auslegung bleibt unsere Aufgabe und Herausforderung, die uns von niemandem, nicht einmal von Gott selbst, abgenommen wird.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.


Inhalt
Im Zentrum des Wochenabschnitts Nizawim steht der Bund des Ewigen mit dem gesamten jüdischen Volk. Diesmal sind ausdrücklich auch diejenigen Israeliten miteinbezogen, die nicht anwesend sind: die künftigen Generationen. G’tt versichert den Israeliten, dass Er sie nicht vergessen wird, doch sie sollen die Mizwot halten.
5. Buch Mose 29,9 – 30,20

Im Wochenabschnitt Wajelech geht es um Mosches letzte Tage. Er erreicht sein 120. Lebensjahr und bereitet die Israeliten auf seinen baldigen Tod vor. Er verkündet, dass Jehoschua sein Nachfolger sein wird. Die Parascha erwähnt eine weitere Mizwa: In jedem siebten Jahr sollen sich alle Männer, Frauen und Kinder im Tempel in Jerusalem versammeln, um aus dem Mund des Königs Passagen aus der Tora zu hören. Mosche unterrichtet die Ältesten und die Priester von der Wichtigkeit der Toralesung und warnt sie erneut vor Götzendienst.
5. Buch Mose 31, 1–30

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