Kinder

Sag mir, wie du heißt ...

Ein Name definiert das Wesen eines Menschen. Bei der Wahl müssen Eltern deshalb sorgfältig vorgehen

11.09.2014 – von Rabbiner Shraga SimmonsRabbiner Shraga Simmons

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Einem jüdischen Kind einen Namen zu geben, hat eine tiefe spirituelle Bedeutung. In den Worten der Weisen trifft der Name eine Aussage über den Charakter eines Kindes, über seine Besonderheit und seinen Lebensweg. Denn am Anfang des Lebens wird uns ein Name gegeben, und am Ende des Lebens ist alles, was wir mitnehmen, »ein guter Name« (Talmud, Brachot 7b, und Arizal – Sha’ar HaGilgulim 24b).

Im Talmud heißt es zudem, die Eltern erhielten ein Sechzigstel Prophezeiung, wenn sie einen Namen wählen. Ein Engel kommt zu den Eltern und flüstert ihnen den jüdischen Namen zu, den das Neugeborene verkörpern wird.

Doch all das hilft jungen Eltern nicht, die sich den Kopf
zermartern, für welchen Namen sie sich entscheiden sollen. Wie wählt man einen Namen aus? Und warum geht traditionsgemäß der Name des Vaters nicht auf den Sohn über – zum Beispiel Jacob Cohen Jr., Isaac Levy III.? Kann ein Junge nach einer weiblichen Verwandten benannt werden? Und darf man den Namen vor der Brit Mila bekannt geben?

Bräuche Das Ritual der Namensgebung sagt nicht nur etwas über unsere Hoffnungen für das Baby aus, sondern auch darüber, woher es kommt. Aschkenasische Juden befolgen bis heute den Brauch, das Kind nach einem verstorbenen Verwandten zu nennen. Dieser Brauch hält den Namen und die Erinnerung lebendig und schafft eine metaphysische Bindung zwischen der Seele des Babys und der des verstorbenen Verwandten.

Für den Verstorbenen ist es eine große Ehre, denn die Seele kann durch die guten Taten, die der Namensvetter vollbringt, eine höhere Stufe erreichen. Und das Kind kann von den guten Eigenschaften des Verstorbenen angeregt werden, es ihm gleichzutun – und sich so der Vergangenheit tief verbunden fühlen (Noam Elimelech – Bamidbar).

Was aber passiert, wenn man den Namen eines verstorbenen Verwandten verwenden will, und ein anderer, noch lebender Verwandter heißt genauso? Sollte der lebende Verwandte mit dem Baby eng verwandt sein – Elternteil, Großeltern, Bruder oder Schwester – sollte der Name nicht verwendet werden. In allen anderen Fällen ist es aber in Ordnung.

Sefardische Juden geben ihren Kindern den Namen eines noch lebenden Verwandten. Sie halten sich dabei an den Talmud, der von einem Kind berichtet, das nach Rabbi Natan genannt wurde, als dieser noch lebte (Schabbat 134a).

Feiertag Einige wählen einen Namen aus, der mit dem jüdischen Feiertag zu tun hat, in dessen Zeit die Geburt fällt. Zum Beispiel wird ein Baby, das um die Zeit von Purim herum geboren wird, Esther oder Mordechai genannt. Ein Mädchen, das an Schawuot geboren wird, könnte Ruth genannt werden, und ein Kind, dessen Geburt auf Tischa beAw, den jüdischen Tag der Trauer, fällt, Menachem oder Nechama.

Ganz ähnlich ist es, wenn der Name aus demjenigen Toraabschnitt genommen wird, der in der Woche der Geburt gelesen wird. In jedem Toraabschnitt werden zahlreiche Namen und Ereignisse erwähnt, sodass eine spirituelle Verbindung zwischen dem Baby und der entsprechenden biblischen Gestalt hergestellt wird.

Im Hebräischen ist ein Name nicht einfach eine Anhäufung von Buchstaben. Vielmehr enthüllt er den Wesenskern des Benannten. Der Midrasch (Genesis Rabba 17,4) berichtet, wie der erste Mensch, Adam, das Wesen jedes Geschöpfes erschaute und es entsprechend benannte. Der Esel ist zum Beispiel dadurch gekennzeichnet, dass er schwere physische Lasten trägt, und der Name des Esels im Hebräischen lautet chamor – das Wort hat die gleiche Wurzel wie chomer, was Materialismus bedeutet. (Das deutsche Wort »Esel« hingegen sagt vergleichsweise wenig über das Wesen eines Esels aus!)

Das Gleiche gilt für die Namen von Menschen. Lea nennt ihren vierten Sohn Juda (auf Hebräisch Yehudah). Der Name hat die gleiche Wurzel wie das hebräische Wort für »Danke«. Anders zusammengesetzt, ergeben die Buchstaben den heiligen Namen Gottes. Lea will mit dem Namen also vor allem ihren Dank an Gott ausdrücken (1. Buch Mose 29,35).

Wirkung Es ist gut und wichtig, einen Namen auszusuchen, der eine positive Wirkung hat. Denn jedes Mal, wenn dieser Name genannt wird, wird dem Betroffenen dabei aufs Neue in Erinnerung gerufen, was sein Name eigentlich bedeutet (Midrasch Tanchuma – HaAsinu 7). Ein Mensch, der Juda heißt, wird stets daran erinnert, wie viel Dankbarkeit wir Gott gegenüber empfinden sollten! Esther, die Heldin der Purimgeschichte, ist ein Name, der aus dem Wort für »verdeckt« abgeleitet ist.

Esther war berühmt für ihre große Schönheit (sie wurde zur Königin erkoren), doch wie immer ihre äußere Erscheinung gewesen sein mag, ihre inneren Eigenschaften waren noch viel schöner. Ein weiterer beliebter Name ist Ari, das hebräische Wort für Löwe. In der jüdischen Literatur ist der Löwe das Symbol für einen Menschen der Tat, also einen Menschen, der jede sich bietende Gelegenheit, eine Mizwa zu tun, beim Schopfe packt (Kodex der Jüdischen Gesetzgebung O. C. 1).

Natürlich gibt es auch »böse« Namen. Niemand würde sich für Nimrod entscheiden, einen Namen, der »Rebellion« bedeutet. In biblischer Zeit warf der Herrscher Nimrod Abraham in einen feurigen Ofen – und zwar in einem Akt der Rebellion gegen Gott. Wer einen Jungen nach einer weiblichen Person nennen will, sollte versuchen, möglichst viele Buchstaben des ursprünglichen Namens beizubehalten. Zum Beispiel kann aus Dina Dan werden – oder Baruch aus Bracha.

Hebräische Namen Dem Kind einen hebräischen Namen zu geben, der auch im Deutschen verwendet werden kann – wie Miriam, David, Sara, Noa, Rachel –, ist eine kluge Entscheidung. Auf diese Weise wird das Kind nicht nur einen hebräischen Namen haben, sondern ihn auch verwenden – eine Absicherung gegen Assimilation.

Der Midrasch (Bamidbar Rabba 20,21) sagt, das jüdische Volk konnte aus Ägypten auch deshalb errettet werden, weil die Hebräer ihre jüdischen Namen beibehalten hatten. Mein Onkel rief mich, als ich Kind war, immer bei meinem jüdischen Namen Shraga, was »Kerze« bedeutet – eine ständige Mahnung an mich, meine jüdische Identität zu bewahren.

Bedenklich ist es, sich für den Namen eines Menschen zu entscheiden, der in jungen Jahren oder eines unnatürlichen Todes starb. Die Bedenken gründen in der Befürchtung, das Unglück würde sich irgendwie auf geistige Weise auf den Träger des Namens übertragen.

Unglück Obwohl »jung sterben« natürlich relativ ist, hat Rabbi Moshe Feinstein ein paar Richtlinien aufgestellt: Ist ein Mensch eines natürlichen Todes gestorben und hinterlässt Kinder, wird dies nicht als ein solches Unglück gesehen, das die Verwendung des Namens verhindert. Sowohl der Prophet Samuel als auch König Salomon starben »jung«, das heißt im Alter von 52 Jahren. Dennoch werden Juden seit jeher nach ihnen genannt.

Doch für den Fall, dass ein Mensch eines unnatürlichen Todes gestorben ist, schlägt Rabbi Feinstein vor, den Namen abzuwandeln. Vielleicht liegt hier der Grund, dass viele Juden, wenn sie ihre Kindern nach dem Propheten Jesaja, der ermordet wurde, nennen, den letzten Buchstaben seines Namens weglassen (auf Hebräisch Yeshaya statt Yeshayahu, Yam Shel Shlomo – Gittin 4,30).

Rabbi Yaakov Kamenetzky zog die Grenze zwischen jung und alt bei 60 Jahren. Im Talmud (Moed Katan 28a) heißt es, Rabbi Yosef habe an seinem Sechzigsten ein Fest gegeben, um den Beginn seiner Langlebigkeit zu feiern.

Brit Mila Entgegen einer weit verbreiteten Überzeugung ist es nicht verboten, den Namen eines Babys vor seiner Beschneidung bekannt zu geben. Metaphysisch gesehen erhält das Kind seinen Namen tatsächlich nicht, bis die Brit Mila stattfindet, was auf die Tatsache zurückgeht, dass Gott den Namen Abrahams im Zusammenhang mit seiner Briss änderte, als Abraham 99 Jahre alt war (1. Buch Mose 17,15). Der Junge erhält das volle Maß seiner Seele bei seiner Briss, und ein Mensch hat nicht wirklich einen Namen, bevor er auf diese Weise vervollständigt wird (siehe Zohar – Lech Lecha 93a, Ta’amei Minhagim 929).

In diesen Zusammenhang gehört ein Zitat aus dem Buch Neun wunderbare Monate – B’Sha’ah Tovah (Feldheim Publishers) von Rabbi Baruch und Michal Finkelstein: »König David schrieb in den Psalmen (147,4): ›Er bestimmt die Zahl der Sterne und ruft sie alle mit Namen.‹« Seit Anbeginn der Zeit haben die Sterne die Vorstellungskraft der Menschen in ihren Bann gezogen. In ihnen ruhen die Geheimnisse der Schöpfung und die Geheimnisse der Zukunft. Sie sind Straßenkarte für den Navigator, Herausforderung für den Astronomen und Symbol der Suche für den Entdecker.

In der gigantischen Dunkelheit erscheinen die funkelnden Lichter uns so klein – doch wir wissen, dass sie es nicht sind. Ihre Zahl ist unendlich, doch jeder Einzelne von ihnen ist etwas Besonderes für Gott, und Er »ruft sie alle mit Namen«. Jeder Stern hat seinen einzigartigen Zweck, und keine zwei Sterne gleichen sich hundertprozentig.

Sterne In der Tora wird das jüdische Volk oft mit den Sternen verglichen (1. Buch Mose 15,5). So wie Sterne die Dunkelheit der Nacht erleuchten, so erleuchtet das jüdische Volk die Dunkelheit der Welt durch die Wahrheit der Tora.

So wie Sterne Reisenden den Weg zeigen, weist das jüdische Volk der Menschheit die moralische und ethische Richtung. So wie Sterne die Geheimnisse der Zukunft besitzen, dreht sich die Weltgeschichte um das jüdische Volk – und führt unweigerlich zur endgültigen Erlösung. So wie uns riesige Sterne winzig erscheinen, scheint das jüdische Volk unbedeutend zu sein im Vergleich zur Weltbevölkerung, die Milliarden Menschen zählt. Dennoch gibt es ein grundlegendes Verständnis für den aktiven Beitrag und das enorme Potenzial des jüdischen Volkes.

Jeder Jude hat eine einzigartige Funktion. Jeder Jude strahlt ein anderes Licht aus. Gott hat jedem Stern einen Namen gegeben, denn jeder Stern ist Ihm wert und teuer. Genauso ist Er jedes Mal beteiligt, wenn ein jüdisches Kind einen Namen erhält. Wie bei den Sternen gibt es keine zwei jüdischen Seelen, die genau gleich sind. Jeder Jude hat seine einzigartige Funktion und Mizwa, in der er sich auszeichnet.

Erlösung In der Zeit der Erlösung wird die Liebe Gottes zu Seinen Kindern wunderbar klar werden. Wie wir jedes Jahr nach Tischa beAw in der Haftara lesen: »Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat die Sterne dort oben erschaffen? Er ist es, der ihr Heer täglich zählt und heraufführt, der sie alle beim Namen ruft. Vor dem Allgewaltigen und Mächtigen wagt keiner zu fehlen« (Jesaja 40,26).

Mit der endgültigen Erlösung wird jeder Jude nach Jerusalem zurückkehren – und »keiner wird fehlen«. Jeder Einzelne wird wieder gezählt werden, und jedem Einzelnen wird Gott einen Namen geben.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
2°C
regenschauer
Frankfurt
5°C
regenschauer
Tel Aviv
16°C
wolkig
New York
7°C
regen
Zitat der Woche
»Völkisch-antisemitischer Jammer-Ossi«
Der Kabarettist Uwe Steimle darf so bezeichnet werden. Das entschied in
der vergangenen Woche das Amtsgericht Meißen.