Thüringen

Es war einmal in Berkach

Tage der Synagogenmusik erinnerten an die jüdische Geschichte des Landes

17.07.2014 – von Blanka WeberBlanka Weber

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Wenn Irmgard Hoffmann aus ihrer Kindheit erzählt, wechseln Lächeln und Trauer im zerfurchten Gesicht der 88-Jährigen: »Und da kam immer ein Pferdegeschirr. Und wir hatten die Seelig Klara, sie hatte einen Textilladen. Der Simon Stein, der hatte einen Lebensmittelladen, und wir Kinder sind gern dahin gegangen. Da haben wir immer Schokoladenplätzchen bekommen. Da haben wir immer eingekauft.«

Es waren die letzten Juden im kleinen Südthüringer Ort Berkach. 1942 wurden die Familie Stein und auch Ida, Moritz und Dina Buxbaum deportiert. Anderen Juden war die Flucht gelungen. Manche scheiterten, so wie Rudolf und Rosa Goldschmidt, weil ihr Schiff keinen Hafen fand und die letzte Reise doch noch im KZ endete.

Bettwäsche Irmgard Hoffmann ist eine der wenigen, noch lebenden Zeitzeugen des Ortes. Wenn sie an ihre Geschwister und ihre Mutter zurückdenkt, dann fallen ihr zwangsläufig die Namen der jüdischen Nachbarn ein. Die Erinnerungen sind hellwach – so wie ihre Augen. Gerne habe sie im Laden der Familie Stein eingekauft, und auch ihre Mutter, »bis« – sie stockt – »bis es eben nicht mehr ging«. Nachts habe sich ihre Mutter zum Lädchen der Steins geschlichen, um Bettwäsche zu kaufen. Doch der Nachbar, ein Verwandter, habe gepetzt. Längst war es verboten, »beim Juden zu kaufen«, erzählt Irmgard Hoffmann.

Seit dem 17. Jahrhundert lebten in Berkach Juden und Christen meist friedlich nebeneinander. Mitte des 19. Jahrhunderts war jeder dritte Berkacher jüdisch. Man baute eine Synagoge und eine Schule gleich nebenan. Der Kantor und Lehrer Hermann Ehrlich (1815–1879) lebte im Ort, musizierte und gab eine Zeitschrift für jüdische Musik heraus. Noch heute sind einzelne Exemplare davon in ausgewählten Bibliotheken zu finden, selbst in New York.

Vor wenigen Wochen feierte der kleine verwinkelte Ort das 160-jährige Bestehen seiner Synagoge. Es ist ein hellgrün gestrichenes Haus. Auf den ersten Blick wirkt es unscheinbar mitten im Ortskern. Das beeindruckende, schmuckvolle Innere wurde erst vor wenigen Jahren liebevoll restauriert, sodass die filigranen Ornamente auf dem weiß-grünen Untergrund neu strahlen können. Die Balustrade der Frauenempore und die Deckenmalerei sind original erhalten und nun wieder nutzbar – es ist wieder eine Synagoge, nachdem sie in der DDR als Lager und Schmiede genutzt worden war. Doch nur selten gibt es heute Gottesdienste. Denn heute leben in Berkach keine Juden mehr.

»Jetzt reden wir endlich darüber und stellen Fragen«, sagt Gundula Bach, die sich seit Jahren als eine der wenigen um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte des Ortes bemüht. In der DDR, das bestätigt auch Irmgard Hoffmann, war dieses Thema tabu. Es gab weder Fragen noch Antworten, obwohl man vor dem Holocaust Tür an Tür gewohnt hatte. 1932 lebten noch 20 jüdische Gemeindemitglieder im Dorf.

Pogromnacht Dass die Synagoge 1938 nicht Opfer der Flammen wurde, ist wohl der Tatsache zu verdanken, dass sie mitten im Ort stand, vermutet Gundula Bach. »Wer wollte schon einen Dorfbrand riskieren, wenn drum herum Häuser und Scheunen standen?« Auch die Kirche ist nur 100 Meter entfernt. Wer heute die Synagoge besucht, kann sie vom Fenster gleich neben dem Toraschrein zwischen Bäumen und Fachwerk sehen. Bis 1933 war es vermutlich eine friedliche Dorfidylle, bis dann – nach der Vertreibung und Ermordung – das große Schweigen begann.

»Ich glaube, das ist einfach zu erklären, die Leute, die hier gelebt haben, die haben es gewusst, und mit Sicherheit war es auch ein Teil ihrer unangenehmen Geschichte«, sagt Gundula Bach. »Da redet man nicht drüber. Und Fremde sind nicht hierhergekommen. So viele Fremde leben hier nicht.«

Bach gehört zu den wenigen, die nach Berkach gezogen sind und heute Fragen stellen und Antworten geben, wenn Angehörige der überlebenden Berkacher Juden zu Gast sind. »Es hat sich viel getan hier. Aus den einzelnen Nachfragen entsteht jetzt langsam auch ein bisschen Leben, jetzt erst kriegt man eine kleine Ahnung, wie jüdisches Leben hier ausgesehen haben mag, und vielleicht ist der Gedanke auch nicht vermessen. Vielleicht kehrt es auch wieder hierher zurück. Das wäre schön.«

Die »Thüringer Tage der Synagogenmusik«, die vom 9. bis 12. Juli in Erfurt und Berkach stattfanden, wollen genau das fördern. »Auch wenn wir nicht ständig Gottesdienste und Konzerte abhalten können«, sagt Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Er formuliert vorsichtig, dass man sich im kleinen Grenzdörfchen Berkach lange Zeit nicht so verbunden gefühlt habe mit der Synagoge. Und vielleicht werde es auch noch zwei Generationen dauern, bis solche Gottesdienste und Konzerte wieder normal seien.

Erfreulich ist, dass das Interesse am Ort, seiner jüdischen Geschichte und an der Musik nun wächst. Gäste aus umliegenden Ortschaften kamen, die sich in Meiningen, Bibra und Walldorf an Juden erinnern. In der ehemaligen jüdischen Schule ist ein Begegnungszentrum entstanden, das länder- und religionsübergreifend arbeiten will.

Franz Liszt Auch für Jascha Nemtsov, Lehrstuhlinhaber für Jüdische Musikgeschichte an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, ist der Ort etwas Besonderes: »Ich habe schon viel über die Synagoge gehört, über die Vergangenheit und über die jüdische Gemeinde hier im 19. Jahrhundert.« Beeindruckend sei auch die Geschichte des einstigen Kantors Hermann Ehrlich, der es geschafft habe, von diesem kleinen Ort aus eine eigene Zeitschrift herauszugeben.

Ohne die Kooperation mit dem Abraham Geiger Kolleg und der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen wären diese »Tage der Synagogenmusik« nicht möglich gewesen. »Vielleicht«, so Nemtsov, gibt es eine Fortsetzung. Zumindest habe man viel gute Musik, die man hierher bringen könne, wenngleich auch kein jüdisches Leben.

»Und was uns geblieben ist, das sind die Manuskripte und die leeren Häuser.« Assaf Levitin ist einer der Künstler, der im Rahmen der Musiktage unter anderem mit seiner Kollegin Aviv Weinberg in Berkach gastierte: »Ich mache jetzt ein Kantorenstudium. Das bedeutet auch, dass ich mich jetzt noch gründlicher als Jude kennenlerne.«

Als Vorbeter habe er gelernt, auf die Menschen zu achten. »Man muss wissen, wer diese Menschen sind, für die ich das mache, und die Geschichte kennen.« Levitin ist ausgebildeter Opernsänger. Er leitet nicht nur in Berkach, sondern auch einen Tag später in der Alten Synagoge Erfurt den Gottesdienst. Gemeinsam mit Amnon Seelig will er den Gästen die Welt des Synagogengesangs eröffnen.

Christen und Muslime »Ich bin hier schon zum zweiten Mal«, sagt Rabbiner Tovia Ben-Chorin, der die Predigt in der Alten Synagoge hielt. »Das erste Mal war es ein Museum, heute verlasse ich ein Haus, in dem sich Leute getroffen und gemeinsam gesungen haben. Jeder gute Gesang ist für mich auch ein Gebet. Wo auch immer der Kompass hin zeigt, er zeigt mehr, als man von außen sieht.«

Dieses Innere, ist sich der Berliner Rabbiner sicher, »das war hier in diesen Wänden heute Abend vorhanden.« Musik kenne bekanntlich keine Grenzen, deswegen hoffe er, »dass heute nicht nur Juden und Christen hier waren, sondern auch Atheisten und hoffentlich auch Muslime.«

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