Schweden

Hass im Norden

Laut einer US-Studie gibt es nirgends in Europa so wenige Antisemiten wie zwischen Stockholm und Malmö. Doch die Realität sieht anders aus

03.07.2014 – von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

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Super, fünf Milliarden Menschen sind keine Hardcore-Antisemiten«, jubelt Ronn Elfors Lipsker. Der jüdische Komiker aus Stockholm freut sich auf seine Art über den ersten weltweiten Antisemitismus-Bericht, den die Anti-Defamation League (ADL) Mitte Mai veröffentlichte. Die internationale Studie stuft eine Milliarde Menschen weltweit als »systematisch antisemitisch« ein. In allen Ländern wurden die gleichen elf Fragen zu klassischen antisemitischen Stereotypen gestellt. Schweden schneidet dabei erstaunlich gut ab. Gerade einmal vier Prozent der Bevölkerung outen sich als klassische Antisemiten. Damit ist Schweden laut ADL das am wenigsten antisemitische Land in Europa.

Lipsker überlegt, wie er diese Zahlen am besten in seine Show einbaut. Doch zum Titel der Stand-up-Comedy »Die Juden sind verrückt geworden« wollen sie nicht recht passen. Denn verrückt geworden, meint Lipsker, seien wohl eher die, die Hakenkreuze an Schultore schmieren und »Judenschwein« daneben kritzeln. So geschehen im März an einer Stockholmer Oberschule, die auch Klassen mit jüdischen Schülern hat. Andere Regionen bilden da keine Ausnahme, egal ob Göteborg, wo radikale Islamisten Hass im Internet predigen, oder Malmö, wo antiisraelische Krawalle mitunter ausufern.

randale Auf regionale Unterschiede geht die ADL-Studie nicht näher ein. Dabei fällt vor allem Malmö, Schwedens drittgrößte Stadt, immer wieder besonders negativ auf: sei es durch Randale in jüdischen Läden, Dosen mit der Aufschrift »Zyklon B« vor dem jüdischen Friedhof oder Drohungen, jüdische Jugendliche »halal zu schlachten«. 2011 warnte das Simon Wiesenthal Center gar vor Reisen nach Südschweden. Und 2012 bezeichnete Barack Obamas Antisemitismusbeauftragte die Sprache von Malmös damaligem Bürgermeister Reepalu als »klar antisemitisch«.

Reepalus Nachfolger sind bemüht, Malmös angekratztes Image zu polieren. Sie überschlagen sich mit Bildungsinitiativen, Multikulti-Festivals und Dialogforen. Auch die Polizei hat inzwischen in puncto »antisemitisch motivierter Straftaten« dazugelernt. Dennoch: Deren Zahl hat sich seit 2013 verdreifacht. Der jüngste Vorfall ereignete sich im März: Unbekannte Männer drangen ins jüdische Gemeindehaus ein, bedrohten die Anwesenden und beschimpften sie mit antijüdischen Parolen.

katastrophe »Malmö ist eine Katastrophe«, sagt Peter Winitsky resigniert. Der gebürtige Malmöer lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren in einem idyllischen Stockholmer Vorort. »Natürlich gibt es auch Antisemitismus von rechts, doch die größte Bedrohung erleben wir heute von radikal-muslimischen Einwanderergruppen.«

Wegen des »eingewanderten Judenhasses« sind mittlerweile die meisten von Winitskys Jugendfreunden aus Malmö weggezogen, viele von ihnen nach Stockholm. »Hier können wir mit unseren Familien jüdisch leben«, sagt er. »Doch wir sind auch verunsichert. Ich verberge nicht, dass ich Jude bin – aber ich würde niemals in der Öffentlichkeit eine Kippa tragen.«

Dass Schweden ein Antisemitismusproblem hat, daran zweifelt inzwischen niemand mehr. »Es ist eine ernsthafte Herausforderung für die schwedische Gesellschaft«, meint Henrik Bachner, Historiker und Antisemitismusforscher. »Besonders in bestimmten politischen Zusammenhängen und Milieus – mancherorts weniger, andernorts mehr.« Schweden als »Zentrum des Antisemitismus« abzustempeln, wie es der Präsident des Europäisch-jüdischen Kongresses, Moshe Kantor, tat, hält der Historiker jedoch für unbegründet.

Migranten Wie antisemitisch sind die Schweden denn nun wirklich – und wie realitätsnah die Zahlen der ADL? Henrik Bachner jedenfalls kann sie bestätigen. Sie decken sich ziemlich genau mit seinem eigenen Antisemitismusbericht von 2006. Doch Bachners Studie gräbt noch tiefer und kommt zu dem Schluss, dass Schweden mit Migrationshintergrund deutlich stärker antisemitisch eingestellt sind. Elf Prozent von ihnen vertreten systematische antisemitische Einstellungen, Muslime sogar 39 Prozent. In der ADL-Studie hatten die meisten Befragten angegeben, Christen oder Atheisten zu sein. Nur ein Prozent der Befragten waren Muslime.

Ebenfalls eine Rolle spielt laut Bachner der Nahostkonflikt. Auch das streift die ADL-Studie, allerdings nur am Rande. Bachners Untersuchung wird da konkreter: Wie in vielen anderen Gesellschaften auch, sind die Sympathien in Schweden klar verteilt – zu Ungunsten Israels.

»Das sind wichtige Nuancen, die der ADL-Bericht nicht einfängt«, bedauert Willy Silberstein. Er ist Chef des Schwedischen Komitees gegen Antisemitismus. Seit Jahren dokumentiert er antisemitische Vorfälle in ganz Schweden. »Für einen kurzen Moment dachte ich: gute Platzierung für Schweden. Doch nimmt man jedes antisemitische Vorurteil einzeln unter die Lupe, so ist es jeder zehnte Schwede, der findet, Juden hätten zu viel Macht und seien für Antisemitismus selbst verantwortlich.« In der Fragestellung sieht auch Henrik Bachner eine Schwäche der Studie. Ja-Nein-Fragen würden der Komplexität des Themas nicht gerecht, so der Historiker.

Redewendungen Ella und Jonas, die ihre wirklichen Namen aus Vorsicht nicht gedruckt sehen möchten, begegnen antisemitischen Stereotypen im Alltag häufig. Die beiden Mittdreißiger sind vor drei Jahren von Malmö nach Stockholm gezogen. »Ob in politischen Aussagen, Feuilletonartikeln, im täglichen Gespräch mit Leuten, auf Facebook oder im Internet – die antisemitische Färbung ist vielen Schweden vielleicht nicht auf den ersten Blick klar. Doch bei alltäglichen Redewendungen wie ›geizig wie ein Jude‹, ›untereinander haltet ihr alle zusammen‹ oder ›warum tut ihr den Palästinensern das Gleiche an wie die Nazis euch‹ zucken wir jedes Mal zusammen.«

Helene Eliasson Lundström, Bildungsreferentin der Jüdischen Gemeinde Stockholm, staunt, wie tief solche negativen Vorstellungen sitzen. »Oft sind sich die Leute dessen gar nicht bewusst«, sagt sie. Debatten um Israel oder Judentum weicht sie deshalb lieber aus.

Die Lehrerin Ricky David hingegen sucht bewusst den Dialog. Als Leiterin des jüdischen Zweigs an der Stockholmer Vasa-Oberschule erlebt sie dabei viel positives Feedback, »gerade weil ich sichtbar bin«. Wie Lundström ist auch sie jedoch immer wieder erstaunt darüber, wie wenig viele Schweden über Juden und Israel wissen. »Ich glaube, viele stört es, dass sie uns nicht in eine bestimmte Schublade stecken können«, sagt Helene Eliasson Lundström. »Nicht alle Juden sind religiös, also passen wir nicht ins Religionsschema. Wir sind auch keine Einwanderergruppe, sondern vollständig integriert.«

integration
Die gute Integration hat auch damit zu tun, dass Juden in Schweden – anders als in anderen Ländern – eine offiziell anerkannte Minderheit sind. »Wir haben die Gesetze auf unserer Seite«, weiß Lundström. Und dennoch ist die Verunsicherung unter Schwedens Juden groß. Das geht aus einer anderen Antisemitismusstudie hervor. Die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) legte sie Ende 2013 für neun europäische Länder vor. Darin halten sechs von zehn schwedischen Juden Antisemitismus in Schweden für ein großes Problem, besonders in Medien und Internet. Eine weitere Besonderheit: Juden in Schweden geben sich ungern öffentlich als Juden zu erkennen und meiden aus Verunsicherung jüdische Veranstaltungen.

Schwedischer FRA-Sachverständiger war Lars Dencik, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Roskilde. Die FRA-Studie zeige klar, so der Wissenschaftler, wie zerrissen sich Juden in Schweden fühlen. Die Ergebnisse der ADL hält Dencik dennoch für glaubwürdig. Jedoch beleuchtet er darüber hinaus eine weitere Dimension: »Schwedens Juden bewegen sich fortwährend in einem Paradox«, erklärt er. »Einerseits empfinden sie Schweden als Heimat, andererseits spüren sie ihre Verwundbarkeit.«

fremdenfeindlichkeit Obwohl wissenschaftliche Untersuchungen wie die SOM-Studie der Universität Göteborg belegen, dass Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in Schweden in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen haben, sei es unüblich, sein Anderssein nach außen zu zeigen. »Das prägt auch die jüdische Minderheit«, sagt Sozialpsychologe Dencik.

Dieses Dilemma wird immer dann besonders spürbar, wenn grundlegende Minderheitenrechte auf dem Spiel und Schwedens Juden für Israels Politik am Pranger stehen. Daher findet der ADL-Bericht in Schweden nicht nur Zustimmung. »Das Ergebnis fühlt sich nicht repräsentativ für die Großstadtregionen an, denn dort scheint der Antisemitismus viel größer zu sein«, sagt Daniel Jonas, Verwaltungschef der Jüdischen Gemeinde Göteborg.

Auch Michael Cohn, Vorsitzender von Keren Hayesod, wundert sich über die »erstaunlich niedrige Zahl«. Wie Willy Silberstein hätte er sich nuanciertere Fragen gewünscht. Beschneidung, Schächten und der Nahostkonflikt sind aus seiner Sicht die Kernthemen, um sich dem Thema Antisemitismus in Schweden zu nähern.

Definition Lena Posner-Körösi schüttelt den Kopf über die ADL-Studie. »Das Ergebnis erstaunt mich sehr«, sagt die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Schweden nachdenklich. »Ich wünschte, es würde der Wirklichkeit entsprechen, doch die Realität sieht anders aus: Menschen haben antisemitische Vorstellungen und Haltungen, ohne diese selbst als Antisemitismus zu definieren.«

Antisemiten ja, Antisemitismus nein? Wieder so ein Paradox. Lars Dencik versucht es zu erklären: »Antisemitismus gibt es in Schweden nicht, jedenfalls nicht als Ideologie.« Hingegen seien liberale und humanistische Traditionen im Land stark verwurzelt. »Aus dieser Perspektive wiegen Kinderrechte und Tierschutz schwerer als Religionsfreiheit«, so der Wissenschaftler.

tierschützer Nicht jeder Tierschützer ist aus seiner Sicht gleich ein hartgesottener Antisemit, eher ein »Aufklärungsantisemit«. Zwar mangelt es vielen Liberalen an Sensibilität für grundlegende Minderheitenrechte. Doch Dencik betont, dass im Vergleich zu anderen Ländern in Europa »Schweden weniger fremdenfeindlich und antisemitisch ist«. Zugleich sei es kritischer gegenüber Israel und religiösen Ritualen wie der Schechita und der Brit Mila, die als »barbarisch« empfunden werden, »doch das ohne direkte Verbindung zu antisemitischen Stereotypen«, so Denciks Schlussfolgerung.

Auch Michael Cohn ordnet den »Aufklärungsantisemitismus« eher der liberalen »Intoleranz gegenüber Religionen« zu, doch sind für ihn Schächten und Beschneidung grundlegende Minderheitenrechte – gerade vor dem Hintergrund des offiziellen Minoritätsstatus. Anti-Koscher-Kampagnen empfindet er daher als »Angriff auf seine Identität und Integrität«. Sie seien »nichts anderes als antisemitisch«. Außerdem stört den Keren-Hayesod-Chef die permanente Darstellung von Israel als »Unterdrückerstaat«. Das hat Tradition in Schweden. »In der schwedischen Presse und Parteienlandschaft wird Israel systematisch dämonisiert. Doch das klammert die ADL-Studie aus.«

Israelkritik Juden als Blitzableiter für Israelkritik – diesen Zusammenhang betont Lena Posner-Körösi schon seit Jahren: dass auch Linke und Einwanderer Rassisten sein können, dass Schwedens Neutralitätsimage bröckelt, dass die Gesellschaft sich zunehmend radikalisiert, dass das Land lernen muss, sich den Konflikten zu stellen, die die Einwanderung der muslimischen Bevölkerung mit sich bringt – gebetsmühlenartig wiederholt die Zentralratsvorsitzende ihre Kritik. Doch die jüdische Minderheit in Schweden hat in der Politik kaum Fürsprecher.

Das wird sich in absehbarer Zeit wohl auch nicht ändern. In den vergangenen Jahren ist das gesellschaftliche Klima rauer geworden. Mitte September sind Parlamentswahlen. Schon jetzt sitzen die Schwedendemokraten im Reichstag. Die Rechtspopulisten sind zwar ursprünglich aus dem Neonazimilieu hervorgegangen, doch immer mehr ihrer Anhänger sind gewöhnliche Schweden, die früher die Sozialdemokraten oder die Konservativen wählten.

Experten rechnen damit, dass die Rechtspartei ihren Stimmenanteil auf zehn Prozent verdoppeln wird. Sie hat ein klar anti-muslimisches Profil und gibt sich offiziell pro-israelisch und pro-jüdisch. Das stellt Schwedens Juden vor ein Dilemma: Denn damit wird jede Kritik, die sie am Antisemitismus von Muslimen äußern, paradoxerweise in die rechte Ecke gedrängt.

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