Fund

Bad im Keller

Im hessischen Volkmarsen wurde eine 500 Jahre alte Mikwe entdeckt

Aktualisiert am 04.07.2014, 10:31 – von Ralf PaschRalf Pasch


In Nordhessen wird es als kleine Sensation gehandelt: In Volkmarsen bei Kassel ist im Keller eines Fachwerkhauses eine Mikwe aus dem 16. Jahrhundert entdeckt worden. Inzwischen ist wissenschaftlich belegt, dass das Bad – es handelt sich um eine Schacht-Mikwe – etwa im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts errichtet worden sein muss. In Hessen ist nur ein jüdisches Ritualbad bekannt, das älter ist: Es befindet sich in Friedberg und stammt von 1260.

Der Entdecker der nordhessischen Mikwe ist Ernst Klein, selbst Volkmarser und Vorsitzender des dortigen Arbeitskreises »Rückblende – Gegen das Vergessen«. Klein ist stolz auf die Entdeckung, weist allerdings darauf hin, dass er in Peter Kirschbaum und Joachim Geritzen Helfer hatte.

Tonscherben Immerhin mussten etwa acht Kubikmeter Bauschutt beseitigt werden. »Eine Mordsquälerei für drei nicht mehr ganz frische Herren«, blickt Klein lächelnd zurück. Ein Vierteljahr lang schuftete das Trio, bis die Mikwe freigelegt war. In dem Schutt darüber fanden sich außer Tonscherben auch Holzreste.

Experten des Marburger Instituts für Bauforschung (IBF) untersuchten das Holz und kamen zu dem Ergebnis, dass die Bäume, aus denen es gewonnen wurde, Anfang des 16. Jahrhunderts gefällt wurden. Die daraus gefertigten Teile, heißt es in ihrem Gutachten, könnten von einer Verkleidung des Beckens und einem Handlauf stammen. Auch die Art, wie die Steinmetzarbeiten ausgeführt sind, deuten demnach auf die frühe Neuzeit hin. Mit ihrem Gewölbe und der umlaufenden Treppe sei die Mikwe jedoch vom Typ her noch dem Mittelalter zuzuordnen, so Bauforscher Elmar Altwasser.

Seine Entdeckung sei »nicht vom Himmel gefallen«, sagt Klein, sondern Ergebnis langwieriger Nachforschungen. Seit Jahren beschäftigen er und sein Arbeitskreis, der heute 140 Mitglieder hat, sich mit der jüdischen Geschichte Volkmarsens. Eines von Kleins ersten Projekten war die Restaurierung des jüdischen Friedhofes. 1939 waren alle Grabsteine zertrümmert worden.

Nach dem Krieg entstand eine Gedenkstätte. Für Klein ein wichtiger Erinnerungsort, er vermisste jedoch, »dass von den Menschen keine Rede war«. Der »Arbeitskreis Rückblende« sorgte 2005 für eine Einfriedung aus polnischem Sandstein, in der Löcher klaffen. »Die fehlenden Steine zeigen, dass jüdische Menschen in unserer Stadt fehlen«, erklärt Klein. Die Schicksale von 26 Volkmarser Juden, die verschleppt oder ermordet wurden, sind aufgeklärt, ihre Namen stehen auf kleinen Schildern an der Mauer. Davor befindet sich heute der »Platz der gegenseitigen Achtung«.

Jüdische Geschichte ist für Klein »mehr als der Holocaust«. Sein Verein hat sich auf die Fahnen geschrieben, an die Verbrechen der Nazizeit zu erinnern, doch zugleich will er zeigen, dass in Volkmarsen über lange Zeit Katholiken, Protestanten und Juden als Nachbarn miteinander gelebt haben. Ein Indiz für eine – zumindest zeitweise – funktionierende Nachbarschaft ist in Kleins Augen, dass es weder ein Ghetto noch eine Judengasse gab.

ausstellung Von dieser Nachbarschaft, aber auch von ihrem Zerbrechen erzählt eine Dauerausstellung, die Klein und seine Mitstreiter in einer Villa eingerichtet haben. Zu den Besuchern gehören auch Kinder und Jugendliche. Klein selbst ist dankbar dafür, dass ihm sein Vater in seiner Kindheit davon erzählte, wo in der Stadt bis zur Schoa jüdische Familien gelebt haben.

In der Schule erfuhr der heute 70-Jährige freilich nichts über diesen Aspekt der Lokalgeschichte. Als Erwachsener nahm er sich vor, die Lücken im städtischen Gedächtnis zu füllen. Gemeinsam mit seiner Frau schaltete er in Zeitungen weltweit Anzeigen, die ehemalige Einwohner aufriefen, sich zu melden. Zahlreiche Überlebende oder Nachkommen kamen nach Volkmarsen. Auch ihre Lebensgeschichten erzählt das Museum.

grabung Eine Mikwe verzeichnete die jüdische Baugeschichte Volkmarsens bislang nur als Teil der im 19. Jahrhundert erbauten Synagoge. Ernst Klein aber war überzeugt, dass es auch ältere Spuren jüdischen Lebens geben muss. 15 Jahre lang suchte er in Archiven und in Häusern der Stadt nach Indizien. Im Gewölbekeller eines einst in jüdischem Besitz befindlichen Hauses im Steinweg ragten zwei mittelalterliche Säulen mit Kapitellen.

Die heutige Besitzerin erzählte von einem »Keller im Keller«. Klein überredete sie, ihn dort graben zu lassen. Sein Freund Peter Kirschbaum, Bodendenkmalpfleger und Wünschelrutengänger, lokalisierte in einer Kellerecke Grundwasser. Dort begann die Grabung. Jeder Kubikzentimeter Schutt aus dem stetig wachsenden Loch wurde dokumentiert. Außer auf Grundwasser stießen die Hobbyarchäologen, die später den Denkmalschutz hinzuzogen, auf einen Schacht aus Sandstein.

Im Marburger Institut für Bauforschung ist man sich sicher, dass es sich nicht um eine profane Quelle oder ein anderes Bauwerk handelt, sondern tatsächlich um eine Mikwe. Das zeigt sich für Elmar Altwasser, der bereits mehrere Mikwen begutachtet hat, etwa an dem Gewölbe und Ablagefächern in den Mauern. Die Frage ist nun, ob und wie die Entdeckung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann, denn das Haus darüber steht zum Verkauf.

Die Kasseler Gemeindevorsitzende Ilana Katz fände es schade, wenn die Mikwe künftig verschlossen bliebe. Das gesamte bisherige Engagement von Klein und seinem Arbeitskreis ist in ihren Augen ein politisches Signal: »Hut ab vor diesen Leuten, die sich in einer Stadt, in der es keine Juden mehr gibt, so engagiert um die jüdische Geschichte kümmern.«


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