Samaritaner

Lammopfer auf dem Berg

Nach dem Vorbild der Tora feiert eine kleine Gemeinschaft im Westjordanland das Pessachfest

Aktualisiert am 07.05.2014, 15:03 – von Ulrike SchleicherUlrike Schleicher

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Holt oder kauft euch Kleinvieh für eure Familien und schlachtet das Pessach«: Im 2. Buch Mose 12,21 ordnet Gott das Pessachopfer (wörtlich: »Überschreitungsopfer«) an, das die Israeliten laut der Tora am Vorabend des Auszugs aus Ägypten darbrachten. Das Blut des Opfers an der Schwelle ihrer Häuser sollte verhindern, dass die Erstgeborenen der Israeliten getötet wurden – so wie die der Ägypter. Der Ewige werde angesichts des Blutes »über die Türe hinwegschreiten und den Verderber nicht in eure Häuser kommen lassen, um zu schlagen« (2. Buch Mose 12,23).

Wenige Verse zuvor (12, 5–6) wird das Opfer beschrieben: »Ein einjähriges Lamm männlichen Geschlechts ohne Leibesfehler müsst ihr haben.« Gemäß dieser Vorschrift opferten Juden bis zum Jahr 70 d.Z. das Pessachlamm am 14. Nissan, Erew Pessach – zunächst im Kreis ihrer Familien und später im Tempel von Jerusalem. Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels endete dieser Brauch. Geblieben ist der geröstete Knochen auf dem Sederteller – zur Erinnerung an das Pessachopfer.

Doch in Israel und im Westjordanland gibt es eine kleine religiöse Gruppierung, die bis heute am traditionellen Lammopfer festhält: die Samaritaner, die ihre Feste nach den Vorschriften der Tora feiern. In der Nacht vor Pessach pilgern sie – die Männer in weißen Mänteln und roten Käppis – auf den Gipfel des Berges Garizim bei Nablus, dem biblischen Schchem. Höhepunkt der Feierlichkeit auf dem öffentlichen Platz mit den viereckigen, im Boden versenkten Feuerstellen ist das Opfern von 52 Lämmern. Das Fleisch, in einem großen Erdofen gegart, muss noch in der Nacht gegessen werden – »zusammen mit bitteren Kräutern und ungesäuertem Brot«, beschreibt es Hosni Cohen.

Stammbaum
Es gibt wohl wenige Menschen, die ein so klares Bild von ihrem Stammbaum haben wie Cohen. Der Historiker und Priester der Religionsgemeinschaft der Samaritaner stammt, so glaubt er, von keinem Geringeren als dem Urvater Adam ab. Er vertrete die 265. Generation, sagt der hoch gewachsene Mann, der in seinem Mantel, den Stock in der Hand, mit grauem Bart und der roten Kopfbedeckung eine Welt verkörpert, die vielen Juden unbekannt ist.

Der 70-Jährige ist einer von 761 Samaritanern, die noch in Israel und im Westjordanland ansässig sind. Der etwas kleinere Teil der Gemeinschaft lebt in Holon bei Tel Aviv. Der andere, darunter auch Hosni Cohen, hat sich auf dem Berg Garizim bei Nablus in dem kleinen Dorf Kirjat Luza niedergelassen. Hier gibt es neben dem Opferplatz für die Pessachlämmer eine Schule, wenige Läden und in einem Hinterhof das Samaritaner-Museum, das von Cohen geleitet wird.

glauben Die Geschichte der Samaritaner ist reich, verworren und Ausdruck eines Streits um den wahren Glauben. Zu einem klareren Bild hat in jüngster Zeit die Forschung beigetragen. Ausgrabungen in der Region haben einige sensationelle Entdeckungen hervorgebracht, wie etwa Überreste eines riesigen Tempels auf der Kuppe des Berges. Und unter den Schriftrollen von Qumran am Toten Meer fanden sich Handschriften mit Vorstufen des samaritanischen Bibeltextes.

Die Samaritaner selbst betrachten sich als die Nachfahren der Nordstämme Israels »aus dem Hause Josefs und den Stämmen Ephraim und Manasse«, wie der Priester erklärt, der etliche Bücher über seine Vorfahren schrieb. »Wir haben die älteste Religion, die älteste Tora und die erste Sprache der Menschen«, erklärt Hosni Cohen. Ihren Namen leiten die Samaritaner nicht von Samaria ab, wie das Gebiet nördlich von Jerusalem genannt wird, sondern von der hebräischen Wurzel »schamar«, was so viel wie »wachen, hüten, bewahren« bedeutet. Bis heute hüten sie religiöse Gesetze in ursprünglicher Weise: Frauen leben während ihrer Menstruation sieben Tage lang in speziellen Räumen, und der Besuch der Synagoge am Schabbat für Männer ist strenge Pflicht: »Wir beten insgesamt sieben Mal«, sagt der Priester.

Trennung Samaritaner und Juden gehörten einmal gemeinsam zu den zwölf israelitischen Stämmen und waren ein Volk. Dann wurden sie durch politische Verhältnisse getrennt. So verbannte die assyrische Großmacht um 722 v.d.Z. den Großteil des Volkes ins babylonische Exil. Ein Teil blieb im Norden bei Schchem zurück und lebte dort zusammen mit von den Assyrern angesiedelten Völkern.

Diese Periode ist der Grund für die Trennung von Samaritanern und Juden: Die Ersteren hielten an ihrem Glauben fest, betrachten bis heute den Berg Garizim als heiligsten Ort und bauten dort einen Tempel. »Das hat Mose so bestimmt«, sagt Cohen. Die Juden errichteten nach der Rückkehr aus dem Exil ihr Kultzentrum in Jerusalem und erkannten die Samaritaner nicht mehr als Teil ihrer Glaubensgemeinschaft an. Abgesehen von der unterschiedlichen Gewichtung des heiligsten Ortes ist Mosche für die Samaritaner der einzige Prophet. Er wird am Ende der Tage wiederkehren. Bis dahin »gelten seine fünf Bücher, der Pentateuch oder auch die Tora genannt, als unsere Richtlinien«, erklärt der Priester. Die jüdische mündliche Lehre, also die Möglichkeit zur Interpretation, wird abgelehnt. Und im Gegensatz zur rabbinischen Regel, dass die jüdische Identität durch die Mutter bestimmt wird, ist bei den Samaritanern der Vater ausschlaggebend.

Hosni geht auf einen Stuhl zu, auf dem eine Tora steht. Er beginnt, die Worte auf dem roten Tuch darüber zu lesen. Selbst wer Hebräisch spricht, hat Probleme, den kehligen Singsang des Priesters zu verstehen: Die aramäisierende Aussprache des hebräischen Textes folgt einer eigenen Sprachtradition. Auch die Schrift ist althebräisch: »Jeder unserer Buchstaben steht stellvertretend für einen Teil des Körpers.«

aussterben Noch vor einem Jahrhundert waren die Samaritaner vom Aussterben bedroht. So gab es nach dem Ersten Weltkrieg nur noch etwa 150 von ihnen. Der Entschluss, zunächst jüdischen Frauen die Konversion zu erlauben, führte zu einem Anstieg der Bevölkerung – »ausreichend war das jedoch nicht«, sagt Cohen.

Die Inzucht in der immer kleiner werdenden Gemeinde führte zu einer hohen Säuglingssterblichkeit und Erbkrankheiten. »Deshalb haben wir uns 2004 entschlossen, Frauen mithilfe des Internets und einer speziellen Agentur zu suchen«, sagt Cohen. Fündig wurden die Samaritaner bislang in Russland und in der Ukraine. Insgesamt zehn Frauen haben sich zu diesem nicht einfachen Schritt entschlossen. Nur wenigen liegt die strenge Lebensführung, die vor allem die Samaritanerinnen einschränkt. »Es war eine echte Herausforderung«, sagt Shura Atif, die als eine der ersten Frauen vor zehn Jahren hinzukam.

Die Samaritaner feiern ihre Feste übrigens nach einem eigenen Kalender: In diesem Jahr fällt das Lammopfer des 14. Nissan auf den 13. April – einen Tag vor dem jüdischen Sederabend. Bei der Kultfeier werden Texte aus der Tora rezitiert. Die Schlachtung der Lämmer auf dem Berg Garizim findet zu den Worten aus dem 2. Buch Mose 21,6 statt: »Ihr sollt es (das einjährige, fehlerlose Lamm) in Verwahrung halten bis zum 14. Tag dieses Monats. Alsdann soll die ganze Gemeinde Israels es schlachten zwischen den beiden Abenden.«

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Video

Chanukka Sameach!

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
3°C
schneeregen
Frankfurt
4°C
schneeregen
Tel Aviv
19°C
wolkig
New York
-4°C
schneefall
Zitat der Woche
»Einer unserer Anwälte ist Jude.«
Kayla Moore, Ehefrau des US-Politikers Roy Moore, verteidigt ihren Mann
gegen Vorwürfe, er sei antisemitisch, rassistisch und habe Frauen belästigt.