Wieso Weshalb Warum

Mi scheberach

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

27.03.2014 – von Rabbinerin Chana Karmann-LenteRabbinerin Chana Karmann-Lente

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Wir haben noch die Ta’amim der Toralesung im Ohr, das Amen nach der Bracha ist gerade verklungen, die Tora liegt noch auf dem Lesepult, bereit für die nächste Alija. Es herrscht ein Moment ehrfurchtsvollen Schweigens, und wir spüren die Gegenwart G’ttes. In diesem Moment setzt das Mi Scheberach ein, und wir beten aus tiefstem Herzen, dass G’tt, der unsere Vorfahren gesegnet hat, auch jetzt allen Kranken »vollständige Heilung« vom Himmel schicken möge.

Schabbat Über eine lange Zeit hinweg argumentierten Rabbiner, dass ein solches Gebet für Kranke am Schabbat nicht zulässig sei. Für sie lag darin ein Widerspruch zum Charakter des Schabbats, da es die Aufmerksamkeit auf Leid und Not lenkt. Der Schabbat jedoch soll perfekt sein – und wir sollen in der Gewissheit handeln, dass für unsere Bedürfnisse Sorge getragen wird. Rabbi Jehuda ben Barsilai (1070–1130) bekräftigte, dass es eine Mizwa sei, auch am Schabbat einen Krankenbesuch zu machen – es sei aber etwas ganz anderes, die Krankheit durch die Erwähnung in die Synagoge zu holen.

Einige Rabbiner waren nur im Fall von Pikuach Nefesch zu einer Ausnahme bereit – und erlaubten ein Mi Scheberach für einen Kranken, der am Schabbat in Lebensgefahr schwebte. Laut der Mischna Berura ist ein Mi Scheberach jedoch auch für einen Kranken zulässig, der nicht in akuter Gefahr ist. Einzige Bedingung ist die zusätzliche Formel »schabbat hi miliz’ok werefu’a krowa lawo« – »zwar klagt man nicht am Schabbat, doch sei die Heilung nahe, jetzt bald in kurzer Zeit«. Letztlich war es den Rabbinern nicht möglich, den Brauch zu verhindern, der sich über Generationen gefestigt hatte. Entstanden um 1190 in Worms, war er seit dem 13. Jahrhundert bereits allgemein verbreitet.

Siddur Das erste uns bekannte Mi Scheberach bezieht sich jedoch nicht auf Kranke, sondern allgemein auf die Gemeinde und basiert auf dem aramäischen Jekum Purkan aus der Zeit der Geonim (7. bis 11. Jhd.) – einem Segensspruch für die Gelehrten an den jüdischen Akademien in Babylonien und in einer zweiten Version ein Gebet für die ganze Gemeinde. Genauso beinhaltet das Mi Scheberach das Wohlergehen der Gemeinde und wird vor allem für diejenigen gesagt, »die Synagogen ... stiften, ... Wein für Kiddusch und Hawdala spenden, Brot für die Wandergäste und Almosen für die Armen« sowie für »alle, die mit Gemeindeangelegenheiten sich treu beschäftigen«. Dieses Mi Scheberach findet sich schon bei Rabbi Saadia Gaon (882–942) und ist im Machsor Vitri (12. Jhd.) enthalten. Auch heute noch befinden sich alle drei Gebete in vielen Siddurim, im Anschluss an die Haftara.

Schließlich entstand noch eine dritte Art des Mi Scheberach. Damit wurden die zur Tora Aufgerufenen individuell gesegnet, anschließend konnten sie beliebig viele Segenssprüche für Angehörige erbitten. Als »Gegenleistung« erklärten sie sich bereit, Zedaka zu geben. (Das Mi Scheberach funktionierte also hervorragend als Fundraising-Tool für die Gemeinden.)

Versionen Im Laufe der Zeit entstanden viele Gebete nach dem Muster des Mi Scheberach. Mindestens 116 Versionen lassen sich noch identifizieren! Ein besonderer Brauch ist vom MaHaRIL (1375–1427) in Mainz überliefert: Mit einer kleinen Tora pflegte er zu jedem Einzelnen der anwesenden Beter zu gehen, sich vor ihn zu stellen und ihn mit einem Mi Scheberach bezogen auf seine persönliche Situation zu segnen (was in der Regel bewirkte, dass der Beter künftig großzügigere Spenden leistete). Zum Schluss ging er zum Chasan, segnete ihn ebenfalls mit einem Mi Scheberach und forderte ihn auf, seinerseits ihn zu segnen. Danach sprach der MaHaRIL eine Bracha für alle, bevor er schließlich die Tora zurück an den Chasan gab und sich wieder auf seinen Stuhl setzte.

Übrigens: Nicht nur in der Synagoge, sondern auch in einem Klezmer-Konzert kann ein Mi Scheberach ertönen – so wird in der osteuropäisch geprägten Musik die ukrainisch-dorische Tonleiter genannt.

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