Sprachgeschicht(en)

Schickern, bis man molum ist

Wie ein westjiddischer Begriff für den Alkoholgenuss ins Standardvokabular gelangte

06.03.2014 – von Christoph GutknechtChristoph Gutknecht

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Der französische Schriftsteller Georges Perec beschrieb in seinem Roman Das Leben. Gebrauchsanweisung (1978; dt. 1982) einen mysteriösen »Wörtertöter«: »Während andere Redakteure auf der Suche nach neuen Wörtern und neuen Bedeutungen waren, musste er, um ihnen Platz zu schaffen, alle Wörter und alle Bedeutungen eliminieren, die veraltet waren.«

Gibt es in unseren Lexikonverlagen ähnliche Machenschaften? Neologismen aus dem IT-Sektor nehmen zu, dafür verschwinden klammheimlich ältere gemeinsprachliche und landschaftlich gebundene Lexeme. Das zeigen im Wortfeld der Trunkenheit zwei Fälle mit jiddischen beziehungsweise hebräischen Wurzeln.

Standardvokabular Wanders Sprichwörter-Lexikon (1867) offerierte etwa mit dem Hinweis, dass »Ostfriesen, besonders an den Küstenstrichen, gute Trinker sind« – neben »He is alltîd dick un dûn« und »He is besapen« –, die Wendung »He is molum« (= betrunken), die Duden-Online noch heute bringt, die aber früher auch in mehrbändigen Duden-Werken zur deutschen Sprache (1976 bzw. 1993–1995) auftauchte. Sie gehörte zum Standardvokabular und begegnete regional seit dem 18. Jahrhundert. Das bezeugen Konkordanzen der badischen, elsässischen, hessischen, pfälzischen und Berliner Mundart.

Natürlich registrierten Naschérs Buch des jüdischen Jargons (1910) und Bischoffs Jüdisch-deutscher und deutsch-jüdischer Dolmetscher (1916) das vom hebräischen »mâlê« (voll) hergeleitete Wort »môle« (betrunken), das bei Studenten »môlum« hieß und sich schon in Friedrich C. Laukhards Roman Franz Wolfstein oder Begebenheiten eines dummen Teufels (1799) findet.

Auch Berliner lachten über eine Stelle in Julius Stindes Roman Die Familie Buchholz – aus dem Leben der Hauptstadt (1884): »Die Gemütsbewegung, der Rum und die angeborene Dämlichkeit hatten ihre Schuldigkeit getan – Herr Weigelt war molum.«

Sondersprachlich Küppers Buch zur Umgangssprache (1990) erwähnt »molum«, Kluges Etymologisches Wörterbuch (2002) zählt es zum peripheren Wortschatz, und Hans Mangold (Die Mundart von Adelsheim, 1930) sowie Friedel Scheer-Nahor (Hebraismen im Badischen Wörterbuch, 1998/99) nennen sondersprachliche Belege.

Doch neuerdings ist das Lexem für Pauls Deutsches Wörterbuch (2002), Bertelsmanns Wörterbuch der deutschen Sprache (2004), das Duden-Universalwörterbuch (2006) und selbst Pfeifers Etymologisches Wörterbuch (2010) tabu.

Ähnlich erging es dem regional und in Sondersprachen (zum Beispiel der Münsterschen Masematte) geläufigen Adjektiv »schicker« (betrunken), das auf dem bedeutungsgleichen hebräischen »schikkor« beruht und wie das Verb »schickern« (Alkohol trinken) direkt aus dem Westjiddischen in die Dialekte gelangte. Dem Quatschkopf hielt man entgegen: »Ich glaab’, du bist schicker!«, über den Sonderling hieß es: »Das ganze Johr schicker un am Purim nüchtern.«

Substantiv Und heute? Sedlaczeks Wörterbuch des Wienerischen (2011) kennt neben dem Adjektiv sogar noch das Substantiv (»Schicker« = Säufer), aber deutsche Lexika führen meist nur die Formen »beschickert« und »angeschickert« (beschwipst) auf.

Kein »Schickernick« (Trunkenbold) ahnte wohl, dass auch die englische und französische Bezeichnung »cider« beziehungsweise »cidre« für moussierenden Apfelwein auf das mittelenglische »sidre« sowie das anglo-französische und spätlateinische »sicera«, das griechische »sikera« und das hebräische »shekhar«
(= starkes Getränk) zurückgehen.

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