Essay

Unerwiderte Liebe

Deutsche Juden vor 1933 und ihr Anpassungsbemühen – Versuch einer Bilanz

28.11.2013 – von Julius H. SchoepsJulius H. Schoeps

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So merkwürdig es heute klingen mag: Vor 1933 hatten die deutschen Juden in der Regel keine Probleme mit ihrem Selbstverständnis. Man war Jude und begriff sich darüber hinaus als Preuße, Bayer oder Württemberger – und wenn es erforderlich war, bekannte man sich zu Deutschland – und sprach von sich als einem deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. Man las mit Begeisterung Goethe, Schiller, Uhland und Hauff, berief sich auf Kant und war gleichzeitig stolz auf den Aufklärungsphilosophen Mendelssohn. Die Werke der Schriftsteller Börne und Heine gehörten zur Grundausstattung.

Aber versuchen wir, den Anpassungsprozess, der mit den Bemühungen um Emanzipation Hand in Hand ging, noch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Es fällt auf, dass immer mehr Juden, angetan von der Möglichkeit, vollständig im Deutschtum aufgehen zu können, ihre innere Distanz aufgaben.

Sie wollten Deutsche ohne Wenn und Aber sein, und es kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass die Umgebungsgesellschaft ihre Bereitschaft nicht akzeptieren würde. Das Bekenntnis zu Deutschland und der deutschen Kultur verband sich in der Regel mit der Überzeugung, dass durch dieses Bekenntnis die ersehnte rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung sich quasi von selbst einstellen werde.

Lebensgefühl Männer wie Gabriel Riesser, der als Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung zu der Delegation gehörte, die Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone antrug, und der es als erster Jude in Deutschland bis in ein Richteramt brachte, waren fest davon überzeugt, dass es so und nicht anders kommen werde. »Wir sind entweder Deutsche, oder wir sind heimatlos«, war Riessers Wahlspruch. Ähnlich äußerte sich Markus Lehmann, Redakteur der Frankfurter Wochenzeitung »Israelit«, wenn er Ende 1870 im Brustton der Überzeugung erklärte: »Wir deutschen Juden sind Deutsche, und nichts anderes.«

Das leidenschaftliche Bekenntnis zu Deutschland, zu seiner Sprache und Kultur führte dazu, dass Familien und Einzelpersonen ihre jüdischen Namen ablegten und dafür deutsche annahmen. Juden etwa, die ursprünglich den Namen Abraham führten, nannten sich jetzt Albert. Und wenn jemand einst den Namen Hirsch getragen hatte, so nannte er sich jetzt Heinrich, und aus Moses wurde Moritz.

Auf dem Berliner jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee stieß ich vor Jahren auf einige stark verwitterte Steine. Ein Stein, er datierte aus dem Jahre 1879, tat es mir besonders an. Die Inschrift auf diesem Stein »Hier ruht unser heiß geliebtes Kind Alfred Deutschland« sagt mehr über das Lebensgefühl der Zeit aus als lange gelehrte Abhandlungen.

politik Was die Reformbewegung betrifft, so ist wohl auch sie als ein Teil des sich in Schüben vollziehenden Anpassungsprozesses anzusehen. Alle Gruppierungen innerhalb dieser Bewegung versicherten unisono, sie würden das Wohnland als Vaterland ansehen. Das hatte zur Folge, dass man zunehmend darauf verzichtete, sich als Jude im traditionell-religiösen Sinne zu definieren. Stattdessen begann man, sich als Deutscher zu begreifen, und zwar nicht als Deutscher jüdischen Glaubens, sondern als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, was ein wesentlicher Unterschied war.

Affinitäten zu sämtlichen politischen Lagern waren unter den Juden zwischen 1870 und 1933 vertreten. Die Zahl derjenigen, die sich zu Kaiser und Reich bekannten, sollte man nicht zu hoch ansetzen. Es dürfte kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die Mehrzahl der Juden im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik sich irgendwo links von der Mitte verortet hat.

Zum beschleunigten Anpassungsprozess gehörte, dass die Juden bemüht waren, überall in der Gesellschaft aktiv zu werden, wo man ihnen keine Steine in den Weg legte. Offizier zu werden oder auf einen Posten im Staatsdienst zu gelangen, war allerdings so gut wie unmöglich. Das war den Angehörigen der traditionellen Eliten vorbehalten. Juden, so angepasst sie sich auch gaben, blieben unerwünscht. Der Anteil der Juden in den akademischen Berufen nahm zwar erkennbar zu. Aber es gelang Juden nur in einigen wenigen Ausnahmefällen, auf einen Lehrstuhl an einer Universität berufen zu werden. Zumeist blieb es bei der Privatdozentur beziehungsweise bei einer der wenig attraktiven außerplanmäßigen Professuren.

Unsicher Die bürgerliche Gleichstellung schien mit der Reichsgründung 1871 vollzogen zu sein. Doch wie gesichert war die Stellung der Juden in der deutschen Gesellschaft tatsächlich? Rechtlich waren sie zwar den übrigen Bürgern gleichgestellt, aber nicht in gesellschaftlicher Hinsicht. Bei nicht wenigen schlug sich schon nach kurzer Zeit wieder das Gefühl des Nichtdazugehörens in einer Art innerer Unsicherheit nieder. Walther Rathenau etwa bekannte, er fühle sich immer von Neuem schmerzlich daran erinnert, als »Bürger zweiter Klasse« in die Welt eingetreten zu sein. Keine Tüchtigkeit und kein Verdienst könne ihn aus dieser Lage befreien.

Aber trotz aller Zweifel und trotz der Widerstände, auf die sie stießen, hielten die Juden an ihrem Bekenntnis zu Deutschland fest. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden auch sie, so wie die meisten anderen Bevölkerungsschichten, geradezu von einer Woge »rauschhaften Gemeinschaftsgefühls und patriotischer Kriegsbegeisterung« (Egmont Zechlin) ergriffen.

Man war davon überzeugt, der Krieg würde wie ein reinigendes Gewitter wirken und alle noch vorhandenen gesellschaftlichen Hindernisse hinwegfegen. Die Begeisterung, mit der viele in den Krieg zogen, ergriff im jüdischen Bevölkerungsteil Gesetzestreue wie Anhänger der Reform, Linke wie Rechte. Antisemiten ließen sich vom Patriotismus der deutschen Juden indes nicht beeindrucken.

»Je mehr Juden in diesem Krieg fallen«, so hatte Walter Rathenau bereits im August 1916 prophezeit, »desto nachhaltiger werden ihre Gegner beweisen, dass alle hinter der Front gesessen haben, um Kriegswucher zu treiben. Der Hass wird sich verdoppeln und verdreifachen.« Die Juden machten die bittere Erfahrung, dass sie, gleich wie sie sich verhielten, auf Ablehnung stießen. Das führte schließlich dazu, dass zahlreiche Juden, typisch für Minderheiten in einer solchen Lage, sich in Außenseiterpositionen hineinmanövrierten.

aussenseiter Der Philosoph und Publizist Theodor Lessing war ein solcher Außenseiter. Aus Gründen der Nichtanerkennung, der verletzten Liebe, griff er an, kritisierte und polemisierte, war Rebell und Moralist in einem. Es war eine Einstellung, die – ähnlich wie bei Heinrich Heine, Karl Kraus oder Kurt Tucholsky – von der Umgebungsgesellschaft nicht akzeptiert wurde. Sie stieß auf Widerstand und Ablehnung, vor allem wohl deshalb, weil die »Normverletzung« durch den Außenseiter häufig als Anmaßung empfunden wird.

Häufig wird gefragt, ob der »Akkulturationsprozess«, wie der mentale Anpassungsprozess von Individuen oder Gruppen auch genannt wird, in Deutschland anders als in Frankreich oder England verlaufen ist. Auch dort haben sich Juden den Normen und Wertvorstellungen der Umgebungsgesellschaft weitgehend angepasst und begonnen, sich als Franzosen oder Engländer jüdischen Glaubens zu begreifen. Der Unterschied bestand in diesen Ländern wohl aber nicht im Grad der Anpassung, sondern
im Maß der Anpassungsbereitschaft. In Deutschland haben die Juden sich sehr viel bedingungsloser gegenüber der Umgebungsgesellschaft geöffnet.

Das ist umso bemerkenswerter, als die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Frankreich und England im Vergleich zu Deutschland nicht an die Erfüllung gewisser Vorbedingungen geknüpft war. So wurde in England die Gleichheit vor dem Gesetz nicht vom bedingungslosen Aufgehen der Sondergruppen im Staatsganzen abhängig gemacht, und den Juden wurden schon sehr früh kommunalbürgerliche Rechte zugestanden. Ähnlich in Frankreich, wo die rechtliche Gleichstellung ein unmittelbares Ergebnis der Französischen Revolution war.

Vorahnung Die Anpassungsbereitschaft in Deutschland wurde ohne Zweifel durch subjektive Überzeugungen, Empfindungen und Erfahrungen bestimmt. Keine geringe Rolle spielte dabei der Einfluss der deutschen Kultur und Sprache, die eine geradezu magische Anziehungskraft auf die Juden ausübten. Wahrscheinlich liegt hier die eigentliche Erklärung, warum sie auf die Anerkennung so großen Wert legten und warum sie sich um die Integration in die christlich-deutsche Umgebungsgesellschaft so intensiv bemüht haben.

In England und Frankreich hat es dieses Bemühen zwar auch gegeben, aber nicht in dem Ausmaß und schon gar nicht in der für die deutschen Juden im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts typischen Vorbehaltlosigkeit. Im Rückblick sollte das deutsch-jüdische Verhältnis deshalb nicht allein aus dem Blickwinkel der Verfolgung und des Massenmords gesehen werden. Es gibt sicherlich triftige Gründe, mit denen man belegen kann, warum Emanzipation und Anpassung zum Misserfolg verdammt waren. Aber das wäre, so meine ich, eine verkürzte Sicht, die der Kompliziertheit dieser Beziehung nur unzureichend gerecht würde.

Das Bemühen der Juden in Deutschland, von der Umgebungsgesellschaft akzeptiert zu werden, scheiterte schließlich auf brutalste Weise. Dass aus dem Traum Albtraum werden sollte, das haben vor 1933 – und selbst danach noch – nur sehr wenige vorausgeahnt. Einer der wenigen war Theodor Lessing, der von bösen Vorahnungen gequält wurde.

Er vermerkte in einem 1932 veröffentlichten Essay, die »Tragödie der unlösbaren Widersprüche« werde die Versuchung geradezu herausfordern, die »Judenfrage« mit Gewalt zu lösen. »Wir«, schrieb Lessing, »suchen immer den leichtesten Weg. Am leichtesten ist, dass man das Unbequeme verleumdet oder beseitigt. Am einfachsten also wäre es, die 12 oder 14 Millionen Juden totzuschlagen.«

Lessings Vorahnungen sind noch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Er erklärte nämlich in besagtem Essay, wenn es in der Zukunft zu Pogromen käme, würde das jüdische und christliche Deutsche gleichermaßen treffen. Ihr künftiges Schicksal würde dann unlöslich miteinander verkettet sein. Hellsichtig sah er voraus, dass dann beide – Juden und Deutsche – einer gemeinsamen historischen Erinnerung ausgesetzt sind.

»Weist uns aus jeder Heimat«, heißt es in Lessings Essay, »stellt uns überall unter Ausnahmegesetze aus Furcht vor unserem Geist, aus Scham vor unserer Seele, entwürdigt, demütigt, kränkt, beleidigt. Aber denkt auch an eure eigene Seele. Aus der werdet ihr uns nie los, denn dank dieser Not unseres Lebens sind wir der tiefere Teil eurer selbst.« Und dann folgt der Satz: »Richtet uns, (dann) richtet (ihr) euch selbst.«

Entscheidung Lessings Prophezeiung ähnelte in gewisser Weise den zutiefst pessimistischen Worten von Leo Baeck, der nach seiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt 1945 das Fazit zog, »die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei«. Nach Ende des Hitler-Regimes hat Gershom Scholem bekanntlich bei verschiedenen Gelegenheiten sein Missfallen darüber geäußert, dass nach all den Geschehnissen Juden es über sich brachten, in Deutschland zu leben. Meinem Vater, Hans-Joachim Schoeps, dem Scholem in gegenseitiger tiefer Ablehnung verbunden war, schrieb er am 6. November 1949: »Ich staune, dass Sie in dieser Luft atmen können.«

Ähnlich hatte sich bereits Max Brod drei Jahre zuvor gegenüber meinem Vater geäußert, als dieser Brod aus dem schwedischen Exil mitgeteilt hatte, er beabsichtige, nach Deutschland zurückzukehren: »Ich verstehe … nicht«, so Brod in einem Brief vom 4. Juni 1946, »wie Sie Lust haben können, inmitten dieses verruchten Volkes leben und lehren zu wollen.« Scholem, Brod und andere wollten oder konnten nicht verstehen, dass Juden sich wieder für ein Leben in Deutschland entschlossen. Für sie war Deutschland das »Land der Mörder«, von dem sie meinten, sein Boden sei für immer kontaminiert.

Wer sich zum Bleiben beziehungsweise zur Rückkehr entschloss, hatte seine Gründe. Zumeist waren sie sehr persönlicher Art. Wenn wir uns die Begründungen derjenigen ansehen, die sich in den Jahren nach 1945 für ein Leben in Deutschland – im Osten oder im Westen – entschieden, dann fällt auf, dass es in der Regel das Bekenntnis zur deutschen Kultur und Sprache war.

Anna Seghers, Max Horkheimer, Hilde Domin, Theodor W. Adorno, Käte Hamburger, Arnold Zweig, Ernst Fraenkel oder Alphons Silbermann sind einige der bekannteren Namen. Die Liste ist sehr viel länger. Die Geschichte des Bleibens und der Rückkehr ist ein Kapitel der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte, das noch darauf wartet, geschrieben zu werden.

Der Autor ist Historiker und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums. Gekürzte Fassung eines Vortrags auf der Tagung »Was war deutsches Judentum? 1870–1933« des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg am 12. November in Berlin

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