Wirtschaftsgeschichte

Feuer und Flamme für Manoli

Im hessischen Hofheim pflegt Rainer Immensack das Erbe des deutsch-jüdischen Zigarettenkönigs Jakob Mandelbaum

04.10.2013 – von Dorothee Baer-BogenschützDorothee Baer-Bogenschütz

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Alles Feinste bleibt privat«, verspricht eine der nostalgischen Zigarettenreklamen, mit denen das Treppenhaus von Rainer Immensack vollgehängt ist. Da saugt auf einem sündig-roten Werbeschild das »Gibson Girl«, das um die vorige Jahrhundertwende einer kultigen Zigarette den Namen gab, mit kessem Hütchen, hochgeschlossener weißer Bluse und schwarzer Schleife, kokett am Glimmstängel.

Der Herr auf der Werbung daneben gönnt ihr keinen Blick. Der Maler Otto Dix soll angeblich in dem Bild von 1923 porträtiert sein. Er hat nur Augen für seine Lektüre. Das Büchlein in der Rechten, produziert der Kettenraucher mit links nonstop blauen Dunst. Die Kippen kommen in einen Ascher mit Manoli-Logo. Immensacks Haus ist Manoli-Land.

memorabielin Nicht nur die Wände des Altstadtdomizils im hessischen Hofheim sind übersät mit Tabakwerbung. In jeden Winkel ergießt sich die üppige Kollektion von Manoli-Memorabilien. Rainer Immensack ist nicht nur Feuer und Flamme für das Gibson-Girl, er ist Manolisüchtig. In seinem privaten Museum dokumentiert der nichtrauchende Nichtjude die Historie der Zigarettenfabrik und ihres jüdischen Betreibers. Ehefrau Erika spielt seit 40 Jahren mit: »Die wusste ja, was ich für ein verrückter Mensch bin.«

Immensack, der Ex-Geschäftsführer der Evangelischen Kirche im Main-Taunus-Kreis, weiß alles über das Unternehmen, das Jakob Mandelbaum 1894 als Zigarettenfabrik Argos in der Berliner Schillingstraße 23 gründete. Er hütet rund 500 alte Zigarettendosen und -schachteln, blickt stolz auf 60 Plakate und Werbeschilder etwa mit Hans-Albers-Motiv oder dem Hosenbandorden, besitzt schubladenweise Aschenbecher sowie 56 Ausgaben der »Manoli-Post«, eines schulheftgroßen schmalen Büchleins, das von 1914 bis 1922 erschien als Kommunikationsmittel für den stationären Handel.

Dazu kommen eine kaputte Steinguttasse aus der Manoli-Kantine plus 300 Original-Unterlagen samt Firmenbriefpapier, Drucksachen, Patenten und Postkarten. »Diese hier ist mein großes Glück«, sagt Immensack und blättert in einem der vielen Ordner die Sichthülle mit der Karte auf, auf der Siegfried Mandelbaum, der Sohn des Gründers, vor dem Firmensitz posiert.

raritäten Immensack selbst hat seit 25 Jahren keinen Zug mehr von einer Zigarette genommen. Mit Nikotin befasst er sich nur noch theoretisch. 1996 erschien sein Kompendium Bibliographie als Geschichte der deutschsprachigen Tabakliteratur von 1579–1995. Auf Auktionen und in Sammlerbörsen findet er immer weitere Schätze. Kaum mehr fassen kann sie sein Haus, das er im Stil von Friedensreich Hundertwasser mit buntem Bruchmosaik und anderem Dekor aufhübscht. Mehrere Stockwerke umfasst die Sammlung. Unterm Dach befindet sich der Schrank mit dem Allerheiligsten. »Das Beste liegt in der obersten Schublade«, sagt der Sammler. Es ist »The Kaiser«, die Krönung der Kollektion. Mit der Edelmarke trug Manoli den deutschen Wurzeln des britischen Königshauses Rechnung. Dutzende kaiserliche Zigarettendosen hat Immensack gebunkert.

Er kniet sich nicht nur in die Firmen-, sondern auch in die Familiengeschichte des Besitzers hinein. Immensack, gebürtiger Grazer und aufgewachsen in Frankfurt am Main, erforscht das Leben des Unternehmers Jakob Mandelbaum mit wissenschaftlicher Akribie. So berichtet er, dass der jüdische Zigarettenkönig ein kaisertreuer deutscher Nationalist war, der im Ersten Weltkrieg Kriegsanleihen kaufte. Zwei seiner Söhne zogen ins Feld. Mandelbaum war auch bulgarischer Honorarkonsul. »Kein Zufall«, weiß Immensack, »aus Bulgarien bezog er große Mengen Tabak«.

marken Mandelbaums Erfolgsrezept war es, Zigaretten für alle erschwinglich zu machen. Um 1895 produziert Manoli »Meine Kleine« für drei Pfennig das Stück: Deutschlands neue Volkszigarette. Sein Unternehmen prosperiert. Ab 1904 führt das Verzeichnis der wahlfähigen Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Jakob Mandelbaum als Zigarettenfabrikanten. 1905 erlaubt ihm seine erste amerikanische Zigarettenmaschine die tägliche Produktion von bis zu 120.000 Zigaretten der billigeren Sorten. Eine neue Fabrikanlage entsteht auf dem Areal der heutigen Berliner Josetti Höfe im Bezirk Mitte. Das Unternehmen wächst und gedeiht.

Vor einigen Jahren ließ Rainer Immensack die Manoli-Preisliste des Jahres 1914 nachdrucken. Sie enthält auch die Maße der Marken. Mandelbaums »Diner-Cigarette« etwa, die »Optima«, charakterisiert als »stark aromatisch und rassig«, misst 68 Millimeter. »Diva« ist »eine lange elegante Cigarette aus den auserlesensten Tabaken« und wohl mehr die Damenwahl. Manoli erotisiert Rauchen, konnotiert das Laster mit Weltläufigkeit, mit Chic und Mobilität – sowie mit Kriegsgerät. Die 67 Millimeter lange »Rumpler Taube«, »eine in Sportkreisen besonders bevorzugte Cigarette«, wirbt für das erste waffenfähige Flugzeug im Ersten Weltkrieg.

werbung Auch um das Erbe von Lucian Bernhard, des Grafikdesigners, der ab 1913 die Manoli-Werbung prägte, kümmert sich Immensack. Mit schönen Frauen und Kaiserköpfen auf den Zigarettenschachteln war Bernhard ein Pionier der künstlerisch gestalteten Reklame und des raffinierten Verpackungsdesigns. Der Meister des Manoli-Schriftstils wurde vor 130 Jahren als Emil Kahn in Stuttgart geboren.

Namensänderungen erfuhren auch die Manoli-Produkte 1914. Im hurrapatriotischen Überschwang nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde aus »Dandy« »Dalli«, die zarte »La Fleur« verwandelte sich in die stämmige »Gudrun«. Am Schlimmsten erwischte es das »Gibson Girl«, benannt nach dem amerikanischen Illustrator Charles Dana Gibson. In Abendgarderobe auf die Zigarettenpackung gebannt, war diese Projektionsfigur für die gepflegte emanzipierte Frau, die in Gestalt der Zigarette die Verheißungen einer Oberschichtexistenz zwischen den Fingerspitzen hielt, eine tragende Säule des Unternehmens. Nun jedoch verlor die Schöne nicht nur den Glamour, sondern auch das Geschlecht und flatterte als peinlicher »Wimpel« in den Tabakläden.

familie Rainer Immensacks größter Wunsch ist noch nicht in Erfüllung gegangen. Er möchte Nachfahren von Jakob Mandelbaum kennenlernen. Eine Briefaktion vor zehn Jahren war kein Erfolg. Von 85 Empfängern reagierten nur zwei. Für den Manoli-Forscher betrüblich, weil er gehofft hatte, Menschen zu finden, die das Grab des Zigarettenkönigs pflegen, das Lucian Bernhard gestaltet hat.

Denn die Geschichte des erfolgreichen »deutschen Industriellen mit jüdischem Glauben«, wie Immensack ihn am liebsten nennt, endete traurig. Jakob Mandelbaum wählte am 22. Oktober 1918, mutmaßlich verzweifelt angesichts der schlechten Lage seines Unternehmens, den Freitod. Immensack: »Es gab keinen Tabak mehr, und er war überschuldet.«

Den Markenrelaunch 1920, der »Gudrun« beerdigte und das »Gibson Girl« reanimierte, hat der Firmengründer nicht mehr erlebt. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee in Berlin beigesetzt – und vergessen. Während dem Grab des Malers Max Liebermann Fürsorge durch den Berliner Senat zuteil wird, interessiert sich kein Mensch für die mittlerweile marode Grabstätte Mandelbaums, der zu Lebzeiten nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer gewesen war, sondern auch humanitäres Engagement zeigte, unter anderem im Vorstand des Fürsorgevereins für hilflose jüdische Kinder saß und sich für jüdische Taubstumme einsetzte. Rainer Immensack wünscht sich, dass das Lebenswerk des Zigarettentycoons nicht nur in Hofheim, sondern auch in Berlin endlich gewürdigt wird.

Manoli-Sammlung Rainer Immensack Hofheim i. Ts.

www.manoli-berlin.de

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