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Wawej Amudim

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

01.08.2013 – von Chajm GuskiChajm Guski

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Trotz aller Diskussionsfreudigkeit und Uneinigkeiten, die wir im heutigen Judentum beobachten, scheint es dennoch einige Konstanten zu geben. Also Tatsachen oder Themen, die feststehen und in denen sich die meisten Strömungen einig sind. Die bedeutendste Konstante ist die Tora, und das in einem doppelten Sinn. Natürlich hat der Begriff Tora auch noch zusätzliche Bedeutungen, aber wir beschränken uns an dieser Stelle auf zwei. Zum einen die Tora als unveränderlicher Textkorpus und Grundlage jüdischen Lebens – zum anderen die Tora als geschriebene Rolle in den Synagogen in aller Welt.

Natürlich gibt es Unterschiede in Aufbewahrung, »Bekleidung« und Schmuck von Torarollen. Wenn wir aber über den geschriebenen Text und dessen »Gestaltung«, heute Layout genannt, reden, wird häufig darauf verwiesen, dass der Text in seiner Form einer »jahrhundertealten« Tradition folgt. Wenn man heute eine Tora aufrollt und sich die Textspalten ganz genau anschaut, wird man irgendwann bemerken, dass jede Spalte auf der rechten Seite oben mit dem Buchstaben Waw beginnt.

Meist steht dort das Präfix »We«, das mit »und« übersetzt werden kann. Natürlich mit Ausnahmen, denn fünf von 245 Amudim (Spalten) der Tora beginnen nicht mit dem Buchstaben Waw. So fängt das 1. Buch Mose bekanntlich mit dem Buchstaben Bet an. Wie auch immer – das »und« zu Beginn jeder Spalte lässt sich hervorragend für verschiedenste Interpretationen nutzen.

Spalten Man könnte es in etwa so auslegen, dass man die Tora als eine fortlaufende Äußerung G’ttes betrachtet, die über einzelne Spalten hinausgeht und den Lesefluss immer weitertreibt. Wenn man Zugriff auf eine Torarolle hat, die etwas mehr als 300 Jahre alt ist, wird man aber feststellen, dass dies nicht immer so war. Für das »Layout« des Textes gab (und gibt es durchaus noch heute) verschiedene Traditionen.

Die Waw-Tradition, die wohl auch durch die Erfindung des Buchdrucks populär wurde, wird heute Wawej Amudim genannt – also wörtlich die »Waws an den Spalten« oder etwas poetischer übersetzt, mit einem Verweis auf das 2. Buch Mose (27,10): »Haken der Säule«. Das bezieht sich auf das Stiftszelt (Mischkan), das in der Tora beschrieben wird. Wie die gewobenen Wände des Stiftszeltes nacheinander an silbernen Haken hängen, so hängen die Spalten und die Worte darin an dem Buchstaben Waw.

Rabbi Mosche Isserles (1525–1572) erwähnt diese Aufteilung des Toratextes in seinem Kommentar zum Schulchan Aruch als Brauch, dem einige nachgehen (Jore Dea 273,6), aber längst nicht alle. Rabbi Meir aus Rothenburg (1215–1293), der Maharam, spricht sich in seinen Hagahot Maimoniot (»Glossen zu Maimonides«, Hilchot Sefer Tora 7,7) strikt dagegen aus und führt diesen Brauch auf einen einzelnen Toraschreiber, den er als Leontin aus Mühlhausen bezeichnet, zurück. Er war wohl ein Zeitgenosse des Maharam und wollte sein Können zeigen.

Tatsächlich gibt es wenige Vorschriften, die sich damit beschäftigen, mit welchem Buchstaben eine Spalte beginnen muss. In seinem Buch Kirjat Sefer beschäftigt sich Rabbiner Menachem Hameiri (1249 bis vermutlich 1315) mit der masoretischen Überlieferung des Textes und gibt vor, dass sechs Spalten mit speziellen Buchstaben oder Wörtern beginnen sollen. Im Laufe der Zeit wuchs dann die Zahl der Toraschreiber, die dem Brauch der Wawej Amudim folgten, und er ist heute so vorherrschend, dass man auf die Idee kommen könnte, es handele sich um eine alte Institution. Je älter die Torarolle, desto kleiner ist aber die Chance, dass sie tatsächlich in diesem Stil geschrieben wurde.

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