Lektüre

Reisen, kochen, grübeln

Literatur-Tipps aus der Redaktion

Aktualisiert am 01.07.2013, 18:06


70 Stunden Spannung

Dies ist eine Warnung: Wenn Sie einen Job, Kinder, ein zeitfressendes Hobby oder anderweitige Verpflichtungen haben, sollten Sie die Finger von der amerikanischen TV-Serie Mad Men lassen. Denn sie macht süchtig. Im Mittelpunkt der in den 60er-Jahren spielenden Sendung steht der New Yorker Werbefachmann Don Draper. Schneidig, modern, intelligent. Der Enddreißiger hat aber auch eine dunkle Seite: Er vernachlässigt seine Kinder, betrügt fast täglich seine Frau Betty und hat regelmäßig cholerische Anfälle. Dennoch ist es aus irgendeinem Grund unmöglich, den kettenrauchenden und exzessiv Whiskey Sour trinkenden Draper nicht zu mögen. Man nimmt Anteil an seinem Leben und will wegen der vielen parallel erzählten Handlungsstränge und den Cliffhanger bei jeder Folge wissen, wie es weitergeht. Fazit: ein absolutes Muss – vorausgesetzt man hat Zeit, sich die fünf Staffeln von insgesamt rund 70 Stunden anzuschauen. Philipp Peyman Engel

Mad Men – Die komplette erste Staffel. 4 DVDs. Deutsch und Englisch. Freigegeben ab 12 Jahren. Universal Pictures Germany, 14,99 €


Alles in einem

Spannend vom ersten bis zum letzten Satz: Mit fast 1000 Seiten ist Yael Hedayas Roman »Eden« ein echter Wälzer – den ich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ihre Beziehungsgeschichten aus dem fiktiven israelischen Moschaw Eden (der alles andere ist als ein Paradies) sind voller Abgründe – und blendend erzählt. Sei es die Liebe zwischen einem Paar, die endet, während die Frau verzweifelt versucht, mithilfe künstlicher Befruchtung schwanger zu werden, sei es eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, für die es möglicherweise doch noch ein Happy End gibt – alles ist unterhaltsam und geht gleichzeitig nahe. Sehr israelisch und dennoch sehr universell: Lesen! Ayala Goldmann

Yael Hedaya: Eden. Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama. Diogenes-Verlag, Zürich 2008, 932 S., 12,90 €


Kochen an frischer Luft

Nehmen wir an, der Urlaub wird in einer Ferienwohnung oder ähnlichem verbracht, dann gehören ja auch Zeit und Muße für die Zubereitung von Essen zu dieser schönen Jahreszeit. Der amerikanische Autor Michael Pollan nimmt sich diese Zeit. Er will genau wissen, wie die Veränderung von Natur in Kultur vonstatten geht, die man Kochen nennt. Verblüffend einfach ist das Buch gegliedert: Feuer, Wasser, Luft und Erde, die vier
Elemente also. Im Kapitel Feuer wird gegrillt, in Wasser gekocht, in Luft geht’s zum Backen in den Ofen, und in Erde wird fermentiert, es geht also um die Veränderungen durch Mikrobakterien. Sehr grundsätzlich und doch sehr konkret geht Pollan vor: Das Konkrete ist, dass sich der Autor stets an versierte Köche wendet, um von ihnen zu lernen: Die besten Pitmaster aus Nordamerika und Spanien erklären ihm die Geheimnisse von Eichenholz, Essigmarinade und warum das Fleisch natürlich gehaltener Tiere um Längen besser schmeckt als das aus Massenhaltung. Vollkornbäcker erklären ihm nicht nur, warum weißes Mehl eine ärgerliche Erfindung der Nahrungsmittelindustrie ist, sondern lassen ihn auch daran teilhaben, wie Teig, inklusive Hefe, entsteht und welche chemischen Prozesse darin stattfinden. Detailliert lässt Pollan sich erklären, wie man selbst Sauerkraut macht, wie Käse reift und ob die neuzeitliche Angst vor Schimmel und Bakterien wirklich begründet ist. Pollan führt entlang simpelster Essensbeispiele – es sind, sorry, Schwein, Nudeln mit Tomatenhack, Brot und Sauerkraut – vor, wie schon solch einfache Gerichte viel Zeit und Muße verdienen, um am Schluss großartig zu schmecken. Wie können Sie nur, könnte man kritisch einwenden, in einer jüdischen Zeitung ein Buch loben, das ein Schweinebarbecue erklärt? Die Antwort gibt Michael Pollan mit einer Geschichte aus seiner Jugend. Sein Vater hatte ihm in die Hochhauswohnung in Manhattan ein Geschenk im Schuhkarton mitgebracht: ein Ferkel, das der 15-jährige Pollan aufziehen sollte. Um die Absurdität komplett zu machen, gab der Vater dem kleinen Schwein den Namen »Koscher«. Das Tier wurde nie geschlachtet, und aus Mister Pollans Sohn ist ja auch noch was geworden – der Autor eines grandiosen Buches zum Kochen, »Cooked«.
Martin Krauß

Michael Pollan: Cooked. A Natural History of Transformation. Penguin Press, 468 S., 22 €


Lesenswertes Jubiläum

Am 17. Juli vor 125 Jahren wurde Schmuel Joseph Agnon geboren, Israels einziger Literaturnobelpreisträger. Ein guter Anlass, das Buch, das das Stockholmer Komitee 1966 zur Preisvergabe veranlasste, noch einmal zu lesen. In dem Roman Nur wie ein Gast zur Nacht (1939) erzählt Agnon von einer Reise in seinen galizischen Geburtsort Buczacz. Einfühlsam, aber aus angenehmer Distanz beschreibt er die Menschen, ihre Schicksale – und den Untergang dieser jüdischen Lebenswelt. Tobias Kühn

Schmuel Joseph Agnon: »Nur wie ein Gast zur Nacht«. Roman. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Berlin 1993, 482 S., 24,80 €


Weltreise auf dem Sofa

Kein Geld für einen Urlaub? Keine Zeit, für zwei Wochen die Zelte unter der Sonne aufzuschlagen? Kein Problem! Das große Los von Meike Winnemuth kostet nicht annähernd so viel wie ein Flug – sagen wir nach Tel Aviv –, und Sie reisen trotzdem einmal um die ganze Welt. Denn die Journalistin des SZ-Magazins hat sich ein Jahr Auszeit genommen und zwölf Monate in zwölf verschiedenen Städten verbracht. Darunter in so interessanten Orten wie Buenos Aires, Sydney und Kopenhagen. Mit leichter Feder schreibt Winnemuth von langen Stränden in Hawai, kulinarischen Erlebnissen in London und immer wieder von Begegnungen mit außergewöhnlichen und tollen Menschen. Und auch sie macht einmal Halt in Tel Aviv, verliebt sich in den Granatapfelsaft und schnorchelt in Eilat. Ein kleiner Tipp: Man sollte sich ausreichend Essen und Trinken für die Lektüre bereitstellen, denn einmal mit dem Buch angefangen, fällt es schwer, es wieder zur Seite zu legen – so toll ist es. Und wer es ganz faul mag, der holt sich einfach das Hörbuch, das die Autorin selbst eingesprochen hat. Auf also zur Weltreise auf 336 Seiten. Danach ist Fernweh garantiert. Katrin Richter

Meike Winnemuth: Das große Los: Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr. Albrecht Knaus Verlag, München 2013, 336 S., 19,99 €

Auch als Hörbuch (7 CDs, Laufzeit: 9h 10), 19,99 €
und Kindle-Edition, 13,99 €



Eine Insel in den Bergen

Ich muss gestehen, dass ich so meine Schwierigkeiten mit Buch und Film Die Wand von Marlen Haushofer habe. Eine Frau fährt mit ihrer Cousine, deren Mann und dem Hund Luchs in die Berge. Das Ehepaar will noch einmal in die Gaststätte ins Tal. Die Protagonistin bleibt mit dem Hund allein in der Hütte. Und das bleibt sie die nächsten Jahre (das Ende bleibt offen), denn plötzlich ist sie durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt abgeschnitten. Alles außerhalb dieser Wand ist tot. Es bleibt ihr nur eine kleine Insel von Tälern und Almen, auf der sie sich einrichtet mit Hund Luchs, einer zugelaufenen Katze und der Kuh Bella, die Milch gibt und einen Bullenkälbchen zur Welt bringt, die jedoch nach und nach umkommen. Eine Robinsonade des 20. Jahrhunderts? Wie gestalte ich allein und auf mich zurückgeworfen mein Leben? Welche Überlebensstrategien entwickle ich? Wird hier die Sinnfrage gestellt, was bedeutet mir das Leben? Wie wichtig ist die Liebe, zu wem – auch zu Tieren und Natur? Für mich bleiben – trotz dieser drängenden Fragen – Buch und Film seltsam stoisch, ja fast teilnahmslos. Aber vielleicht ergeht es Ihnen ja anders. Heide Sobotka

Marlen Haushofer: Die Wand, Ullstein Taschenbuchverlag, Berlin 2012, 285 S., 8,95 €
Die Wand, Empfohlen ab 12 Jahre, 104 Minuten, DVD-Video


Einer kommt durch

Das Phänomen ist bekannt: Nichtjuden, die sich als Juden ausgeben – von Binjamin Wilkomirski bis Irena Wachendorff – und sich anmaßen, im Namen der Juden Tacheles zu reden. Im wirklichen Leben fliegen solche Hochstapler früher oder später meist auf. Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg zeigt in seinem Roman Der jüdische Messias, was passieren kann, wenn jemand damit durchkommt. Der ziemlich unerträgliche Basler Teenager Xavier Radek, Enkel eines Nazi-Kriegsverbrechers, hat sich in den Kopf gesetzt, die Juden, die er insgeheim hasst, trösten zu müssen. Zu diesem Zweck gibt er sich selbst als Jude aus, geht eine Beziehung mit dem naiven Rabbinersohn Awrommele ein und lässt sich selbst von einer missglückten Beschneidung nicht von seinem Weg abbringen. Schließlich wird Xavier sogar israelischer Ministerpräsident, und bis zum apokalyptischen Finale bekommen auch noch friedensbewegte Philosemiten, mordlustige Hamasanhänger, skrupellose Mossadagenten und aufgebrachte Kinderschützer ihr Fett weg. Ingo Way

Arnon Grünberg: Der jüdische Messias, Diogenes, Zürich 2013, 637 S., 24,90 €


Unsentimentale Reise

Die französische Historikerin Diana Pinto nimmt in ihrem Essayband den Leser mit auf eine Reise durch Israel, die mehr ist als eine gewöhnliche Tour. Landschafts- und Ortsbeschreibungen gehen assoziativ über in historische Reflexionen und aktuelle Analysen von Politik und Gesellschaft des Landes. Das alles geschrieben in einem literarisch elegantem Stil, der das exzellent aus dem Französischen übersetzte Buch zu einem ästhetischen und intellektuellem Vergnügen macht. Diana Pinto kennt Israel in all seinen Facetten ebenso, wie sie intim vertraut ist mit den ambivalenten Gefühlen des Diasporajudentums gegenüber dem Staat der Juden – Israel als Schutzfaktor, der unseres Schutzes ständig bedarf. »Israel ist umgezogen« verzichtet auf den Luxus einfacher Standpunkte. Das Buch wirft einen unsentimental- nüchternen und gleichzeitig doch liebevoll-besorgten kritischen Blick auf ein Land, das der Autorin, wie seinen Bewohnern und, last not least, den Juden in aller Welt, viel abverlangt. Michael Wuliger

Diana Pinto: Israel ist umgezogen. Übersetzt von Jürgen Schröder, Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Berlin 2013, 239 S., 21,95 €


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»Vielen Dank und Molotov«
Scott Walker, Gouverneur von Wisconsin, versucht in einem Brief,
einem jüdischen Wähler »Mazel Tov« zu wünschen.