Porträt der Woche

100 Meter Freistil

Jonathan Ben Shlomo ist Leistungsschwimmer und Trainer in Freiburg

21.02.2013 – von Anja BochtlerAnja Bochtler

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Seit April 2012 bin ich Stipendiat beim Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (ELES). So kann ich alles, was mir wichtig ist, in meinem Alltag unterbringen: Ich schreibe meine Doktorarbeit in Volkswirtschaftslehre an der Uni Freiburg und arbeite gleichzeitig an der Wissenschaftlichen Hochschule in Lahr im Schwarzwald. Und dann ist da noch das Schwimmen.

Eines meiner tollsten Erlebnisse überhaupt war im Sommer 1997. Damals habe ich zum ersten Mal als Schwimmer an der Makkabiade, der jüdischen Olympiade, teilgenommen. Ich war 16 Jahre alt. Auch 2001 und 2009 durfte ich teilnehmen und habe mit einer internationalen Mixed-Staffel sogar eine Medaille gewonnen.

2009 bin ich im Vorlauf über die 100-Meter-Freistil zusammen mit dem schnellsten Mann der Welt und mehrfachen Olympiasieger Jason Lezak aus den USA geschwommen. Das Rennen wurde im israelischen und amerikanischen Fernsehen übertragen. Für mich war das wahrscheinlich mein schönster Wettkampf, bei dem ich nebenbei auch noch meine persönliche Bestzeit aufgestellt habe.

Diesen Sommer steht die 19. Makkabiade an. Zum ersten Mal wird eine deutsche Schwimmstaffel an den Start gehen. Ich freue mich riesig auf meine Doppelfunktion als Trainer und Schwimmer. Ich habe in den vergangenen drei Jahren ein junges, motiviertes Team aufgebaut.

kindheit Schon als kleines Kind hat mich Wasser fasziniert. Es gibt alte Aufnahmen mit einer Super-8-Kamera, da krabbele ich als Einjähriger im Urlaub in Israel ständig ins Meer. Mit dem Leistungsschwimmen habe ich erst mit zwölf Jahren begonnen. Das war beim Schwimmteam Denzlingen, bei dem ich heute als Trainer für die Wettkampfmannschaft verantwortlich bin. Zudem leite ich seit einigen Jahren das Studentenschwimmen der Uni Freiburg.

Manche fragen mich: Ist das nicht langweilig, immer Bahnen hin und her zu schwimmen? Aber mir gefällt das Training, weil ich abschalten und mich auspowern kann. Außerdem ist Schwimmen für mich keine Individualsportart, sondern ein Teamsport, bei dem man sich gegenseitig unterstützt und motiviert. Die Mannschaftswettkämpfe und Staffeln sind etwas ganz Besonderes für mich. Mir ging es meist nicht um Medaillen oder Titel, sondern um die persönliche Leistung und den Beitrag für die Mannschaft.

Neben VWL habe ich auch Sport studiert. Obwohl ich Sportstudium und Trainerausbildung erfolgreich abgeschlossen habe, ist es klar: Sport ist eher mein Hobby als ein festes Berufsziel. Trotzdem wäre ich offen, wenn ein tolles Angebot käme.

Banklehre Nach Abitur und Zivildienst habe ich eine Banklehre gemacht. Ich habe mich immer für die Finanzmärkte und das Geschehen in der Weltwirtschaft interessiert und dachte, das könnte was für mich sein. So war es auch. Aber ich habe gemerkt, dass ich tiefer einsteigen möchte. Darum habe ich VWL studiert.

Inzwischen schreibe ich meine Doktorarbeit zum Thema Umkehrhypotheken. Das ist ein Modell, das in Deutschland noch sehr unbekannt ist. Es bedeutet, dass Menschen mit einer eigenen Immobilie ihr Wohneigentum einer Bank überschreiben – im Gegenzug können sie ihr Leben lang darin wohnen und erhalten eine Rente. Das Thema ist sehr aktuell. Die Renten sinken, und immer mehr Ältere haben keine Kinder, das heißt, sie müssen niemandem etwas vererben. Es gibt aber in Deutschland große Vorbehalte gegen dieses Modell.

Ich bin in Emmendingen, einer Kleinstadt im Schwarzwald, geboren und in Sexau aufgewachsen, einer Gemeinde, die etwa 15 Kilometer von Freiburg entfernt ist. Vor acht Jahren bin ich nach Freiburg gezogen. Ich mag die Stadt, die Uni, den Lebensstil der Menschen und die guten Voraussetzungen für Sport. Wenn ich es zeitlich hinbekomme, steige ich gern aufs Mountainbike, gehe Langlaufen oder Beachen. Ich kann mir vorstellen, hierzubleiben.

Mein Traumurlaubsland ist Israel. Ich bin regelmäßig dort, habe da Verwandte. Außerdem gibt es seit einigen Monaten eine Städtepartnerschaft zwischen Freiburg und Tel Aviv, und ich bin daran beteiligt, dass die hiesige Uni eine Kooperation mit der Uni in Tel Aviv aufbaut.

Die Familie meines Vaters sind sefardische Juden, die 1950 von Teheran nach Israel kamen. Mein Vater war damals fünf oder sechs Jahre alt. Zu dieser Zeit war Israel gerade gegründet, und es gab wenig Infrastruktur. Angestoßen durch ein tolles Seminar über die Gründung des Staates Israel und die Einwandererströme ins Land, habe ich begonnen, meinen Vater über seine persönliche Geschichte zu fragen.

Das Seminar durfte ich im Rahmen der individuellen Förderung meines Stipendiums besuchen. Das ist toll: Wir tauschen uns in einer jüdischen Gemeinschaft über wissenschaftliche und gesellschaftliche Themen aus.

Meine Oma stammt übrigens aus Hamadan, dem Ort, wo die Grabstätte der Königin Esther ist. Durch ihr Fasten und ihre Gebete hat sie die Rettung der Juden in der persischen Diaspora erreicht. Zur Erinnerung an sie wird Purim gefeiert. Für mich hat Purim keine besondere Bedeutung. Ich habe zwar diese persischen Wurzeln, war aber nie im Iran. Nachdem ich mich mit meiner Familiengeschichte auseinandergesetzt habe, würde es mich reizen, mal hinzufahren.

barmizwa Meine Mutter ist zum Judentum konvertiert. Das war noch vor meiner Barmizwa. Ich erinnere mich noch, wie meine Mitschüler mit dem Klassenlehrer und dem katholischen Religionslehrer an meiner großen Feier in der Freiburger Synagoge teilnahmen.

Mein Bruder und ich sind jüdisch aufgewachsen. Das war schön, das hat uns geprägt. Zum Religionsunterricht bin ich von Sexau immer nach Freiburg in die Gemeinde gefahren. Ich gehe gern in die Synagoge, aber ich lebe nicht religiös. Ich fahre am Schabbat Auto und halte auch sonst nicht alle jüdischen Gesetze ein. Dennoch, meine Wurzeln und die Traditionen sind mir sehr wichtig. Wahrscheinlich gehe ich darum lieber in orthodoxe als in liberale Gemeinden, obwohl ich mit vielen Positionen der Orthodoxen nicht einverstanden bin. Aber ich finde es wichtig, dass die Traditionen nicht zu sehr aufgeweicht werden, damit sie nicht verloren gehen.

Wenn ich Kinder hätte, würde ich mir wünschen, dass sie jüdisch erzogen werden. Das ist dadurch nicht so einfach, dass sich im Judentum die Religion der Kinder nach der Mutter richtet. Und wenn man in Deutschland lebt, heiratet man nicht automatisch eine Jüdin.

Bei den Deutschen fällt mir oft auf, dass viele immer noch sehr verkrampft sind, wenn es ums Judentum geht. Meist setzen sie es eins zu eins mit Israel und israelischer Politik gleich, dann wird es schwierig. Das finde ich sehr schade. Obwohl ich hinter Israel stehe, bin ich nicht immer mit der Politik einverstanden.

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die etwas gegen mich haben, nur weil ich Jude bin. Einmal habe ich mitbekommen, wie man hinter meinem Rücken über mich sagte: »Passt bloß auf, dass der Jonathan nicht zu viel Einfluss bekommt. Die Juden wollen immer die Weltherrschaft an sich reißen.« Das hat mich sehr gekränkt und beschäftigt. Besonders erschreckt hat mich dabei, dass damals wohl niemand etwas dagegen gesagt hat. Aber das kann man doch nicht so stehen lassen! Für mich ist das Judentum etwas sehr Positives, Weltoffenes und nach vorne Gerichtetes. Die Identifikation damit macht mein Leben erfüllter.

Aufgezeichnet von Anja Bochtler

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