Mystik

Spirituelle Reise

In der Geschichte »Life of Pi« kann man viel Kabbalistisches finden

20.12.2012 – von Rabbiner Gavriel HoranRabbiner Gavriel Horan


Der jetzt in den Kinos anlaufende 3D-Film Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger in der Regie von Ang Lee basiert auf dem Bestseller von Yann Martel und erzählt die Geschichte eines Jungen, der, begleitet von einem 500 Pfund schweren Königstiger, auf einem Rettungsboot im Pazifik treibt.

Der Stoff wird sicherlich für großartige Bilder sorgen, doch die Frage ist, ob Hollywood in der Lage ist, die Subtilität eines Romans einzufangen, der sich mit profunden Fragen religiöser Ethik und der Existenz Gottes beschäftigt. Mit anderen Worten: Wird der Inhalt des Buches in einem computersimulierten Meeressturm untergehen oder wird er sich behaupten?

Jahrelang haben Freunde und Verwandte versucht, mich dazu zu bringen, Schiffbruch mit Tiger zu lesen, aber ich wollte nicht. Die Erzählung von einem indischen Jungen, Piscine Patel, der sowohl das Christentum als auch Islam und Hinduismus, mit dem er geboren wurde, praktiziert, hat mich irritiert. Vielleicht ging es anderen Juden ähnlich, die die gleiche Aversion verspürten: Warum fehlt das Judentum in der spirituellen Suche von Pi? Zwar stimmt es, dass Juden weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung ausmachen (in Indien sind es noch weniger), aber da Islam wie Christentum aus ihm hervorgingen, sollte das Judentum wenigstens erwähnt werden.

weisheit Schließlich überwand ich mein Vorurteil und las Schiffbruch mit Tiger von der ersten bis zur letzten Seite in einem Stück durch – und habe jede Minute der Lektüre genossen. Zu meiner Überraschung musste ich nicht lange nach jüdischen Bezügen Ausschau halten. Schiffbruch mit Tiger ist von esoterischer kabbalistischer Weisheit durchdrungen. Es ist fast so, als wolle Martel dem Leser eine Einführung in die jüdische Mystik zuteilwerden lassen!

Bereits auf der allerersten Seite des Buches teilt der erwachsene Pi mit, dass sich seine Abschlussarbeit für den Bachelor in Religionswissenschaft an der Universität von Toronto mit der »Kosmogonie-Theorie von Isaac Luria, dem großen Kabbalisten aus Safed im 16. Jahrhundert« beschäftigt. Kosmogonie »ist jede Theorie, die sich mit der Entstehung oder dem Ursprung des Universums bzw. mit der Frage, wie die Realität entstand, beschäftigt«. Rabbi Luria (1534–1572), besser bekannt als Arizal, ist der Vater des modernen kabbalistischen Denkens und einer seiner bekanntesten Vertreter. Sieht man sich die Kosmogonie von Arizal näher an, dann wird deutlich, dass auf ihr der gesamte Roman basiert.

siddhartha In einer Anmerkung am Anfang des Romans nennt der Autor sein Ziel: »Ich will eine Geschichte erzählen, die den Leser dazu bringt, an Gott zu glauben.« Der Leser wird mit dem jungen, als Hindu geborenen Piscine Patel, genannt Pi, und seiner ungewöhnlichen religiösen Praxis bekannt gemacht. Pi treibt die intensive Sehnsucht, »Gott zu lieben«, und wie Siddhartha begibt er sich auf eine spirituelle Reise, an deren Ende er auch das Christentum und den Islam annimmt, ungeachtet der Tatsache, dass die drei Religionen sich auf den ersten Blick gegenseitig ausschließen. Als er sich für eine davon entscheiden soll, zitiert Pi voller Begeisterung Gandhi: »Alle Religionen sind wahr.«

Pi ist der Sohn eines Zoodirektors, und während wir nach und nach seine Familie kennenlernen, werden uns auch die Tiere des Familienzoos vorgestellt. Dabei erfahren wir viel über Zoologie, und aus dem Verhalten der Tiere werden zahlreiche Lehren fürs Leben abgeleitet.

zoo Pi und seine Familie wollen nach Kanada auswandern, um dort eine bessere Zukunft zu finden. Zusammen mit ein paar Tieren aus ihrem Zoo gehen sie an Bord eines japanischen Frachtschiffs, das den Namen Tsimtsum trägt und nach Kanada fährt. Ohne jegliche Vorwarnung sinkt das Schiff mitten im Pazifik. Allein Pi und einige der Tiere überleben. Nun beginnt die Geschichte des Überlebens von Pi auf dem Rettungsboot, zusammen mit dem einzigen übrig gebliebenen Tier, einem wilden Königstiger. Eine Geschichte voller Einfälle, Abenteuer, voll Mut und Glauben entspinnt sich, in der sich ein Wunder an das andere reiht. An ihrem Ende, 227 Tage später, landet Pi an der Küste von Mexiko.

Während er im Krankenhaus liegt, besuchen ihn zwei Mitglieder der japanischen Regierung. Sie wollen herausfinden, ob Pi etwas über das Schicksal der »Tsimtsum« weiß. Sie hören sich den Bericht über Pis wundersames Überleben an, weigern sich aber, ihm zu glauben, so abwegig klingt das Gehörte. Pi antwortet mit einer philosophischen Tirade: »Liebe ist schwer zu glauben, fragen Sie einen Liebenden. Das Leben ist schwer zu glauben, fragen Sie einen Wissenschaftler. Gott ist schwer zu glauben, fragen Sie einen Gläubigen ... Wenn Sie übermäßig vernünftig sind, gehen Sie das Risiko ein, dass Sie das Universum mit dem Badewasser ausschütten.«

nackte tatsachen Die Abgesandten wollen einen »rationalen« Bericht von Pis Überleben auf See. »Wir wollen keine Erfindungen«, sagen sie. »Wir wollen die nackten Tatsachen.« »Ist es nicht schon so etwas wie eine Erfindung, wenn man in diese Welt blickt?«, fragt Pi. »Die Welt ist nicht nur, wie sie ist. Sie ist, wie wir sie verstehen, oder?« Am Ende gibt Pi ihnen eine »vernünftige« Erklärung für sein Überleben, die sie zufriedenstellt. Dann fragt er, welche Erzählung ihnen besser gefallen habe: die wunderbare Geschichte oder der trockene Bericht. Sie geben zu, dass die wunderbare Geschichte die »bessere Geschichte« ist. »Und so ist es auch mit Gott«, antwortet Pi.

So endet das Buch mit der Botschaft, dass der Glaube an Gott die »bessere Geschichte« ist – ein Leben, das Bedeutung, einen Zweck und Plan hat, ist einem Leben, das auf Sinnlosigkeit, Chaos und Zufall beruht, weit überlegen. Lassen Sie uns zurückkehren zur kabbalistischen Kosmogonie des Arizal. Theologen aller Zeiten haben versucht zu verstehen, wie Gott, der unendlich ist, eine endliche Welt erschaffen konnte. Im kabbalistischen Denken nimmt diese Frage großen Raum ein. Das Judentum, die erste monotheistische Religion, verficht nicht nur den Glauben an einen Gott im Gegensatz zu den vielen Göttern, sondern auch, dass »Gott Eins ist« und es nichts neben Ihm gibt.

Wenn das der Fall ist, wie existieren wir dann? Präziser ausgedrückt: Wie existiert überhaupt irgendetwas? Arizal beantwortet die Frage damit, dass Gott, um eine endliche Welt zu erschaffen, Sein unendliches Wesen zusammenziehen und ein scheinbares Vakuum hervorbringen musste, in dem etwas von Ihm Getrenntes existieren konnte.

vakuum In diesem Vakuum wurde die Welt geboren. So wurde die Bühne bereitet, auf der Gott, der Meisterregisseur, vollständig verborgen ist. Würde Er sich offenbaren, würden wir aufhören zu existieren und wieder mit der unendlichen Einheit Seines Wesens verschmelzen, wie eine kleine Kerze in der Sonne schmilzt. Um unseren freien Willen zu erhalten, muss Gott sich verbergen. Das hebräische Wort für Welt, Olam, entstammt derselben Wurzel wie das Wort Helem, verborgen. In dieser verborgenen Welt haben wir den freien Willen, entweder die Illusion einer gottlosen »Realität« anzunehmen oder Gott zu finden und uns mit der obersten »Realität« zu verbinden. Es liegt an uns, ob wir Gott sehen oder nicht.

Das hebräische Wort für das Zusammenziehen Gottes ist Tsimtsum – der Name des Schiffes von Pi! Das ist beileibe kein Zufall. Die Versenkung der Tsimtsum wirft das Leben von Pi ins Chaos und entreißt ihm grausam seine Familie und Kindheit. Allein gelassen, steht er vor der Wahl: die Welt als einen zufälligen, grausamen Ort des Leidens zu betrachten oder aber die »bessere Geschichte« zu sehen, eine Welt von Bedeutung, Liebe und Wundern. Auf ähnliche Weise hat Gottes Tsimtsum eine Welt geschaffen, in der Er verborgen ist und alles purer Zufall zu sein scheint. Die Wahl liegt bei uns: nur die Schmerzen und Leiden dieser Welt zu sehen oder den tieferen Sinn des Ganzen zu entdecken.

mystik Paradoxerweise entpuppte sich das Buch, von dem ich anfangs glaubte, dass es das Judentum vernachlässigt, als eine Art Grundkurs über jüdische Mystik. Ich frage mich, von wie vielen Lesern Yann Martel erwartete, dass sie über ausreichendes Verständnis der Kabbala verfügten, um seine verborgene Botschaft zu verstehen.

Dennoch hat Schiffbruch mit Tiger bei Weitem keine »jüdische Botschaft«. Laut Pi ist Gott die »bessere Geschichte«. Der Glaube an Gott macht das Leben reicher, leichter und sinnvoller – doch gibt es keinen »tatsächlichen Unterschied«. Mit anderen Worten: Wir haben die Wahl, wie wir Realität ansehen wollen, doch keines der beiden Bilder ist zutreffender als das andere. Hinzu kommt, dass Pi eingesteht, dass Gott keine »rationale« Geschichte ist.

Dem Judentum zufolge ist der Glaube an Gott ein sehr rationaler. Ein Mensch ist verpflichtet, die Existenz Gottes zu erforschen, soweit es seine geistigen Fähigkeiten erlauben, und dann eine sachkundige, vernunftbasierte Entscheidung zu treffen. Wenn Gott wahr ist, dann ist das nicht nur eine schöne Geschichte, sondern Realität.

Jetzt können wir verstehen, warum es in den Augen von Pi kein Widerspruch ist, Anhänger dreier verschiedener Religionen zu sein. Wenn Gott nichts weiter als eine subjektive Entscheidung unter vielen ist, um das Leben zu bereichern, dann ist jener Weg der richtige, der für den, der ihn wählt, funktioniert. Wenn, auf der anderen Seite, Gott wahr ist, dann sind wir dazu verpflichtet, herauszufinden, welcher Weg Seinen Zweck für die Menschheit am besten vermittelt.

moralgesetze Das Judentum erhebt keinen Anspruch, den alleinigen Weg zu Gott zu kennen. In krassem Gegensatz zum Islam und zum Christentum glauben wir nicht, dass die ganze Menschheit verpflichtet ist, sich zum Judentum zu bekehren. Stattdessen steht es jedem Volk frei, Gott auf seine eigene Weise zu dienen, vorausgesetzt, es hält sich an gewisse grundlegende universelle Moralgesetze. Wenn Gott endlos ist, denn gibt es in der Tat viele Wege, sich mit Ihm zu verbinden.

Der Islam, das Christentum und der Hinduismus können jedoch nicht je für sich die »absolute Wahrheit« verkörpern. Sie können alle Aspekte Gottes ausdrücken, die ihnen gemeinsam sind, aber nicht so, dass sie sich gegenseitig widersprechen. Ein Muslim glaubt zum Beispiel, dass Jesus ein Prophet war, doch ihn als Gott zu bezeichnen, hält er für Blasphemie. In ähnlicher Weise glauben sowohl Christen als auch Muslime, dass die vielen Götter im Hinduismus Götzendienst sind. Sie können nicht alle recht haben.

Pi mag glauben, Gott sei eine gute Idee, eine weitere subjektive Entscheidung in der subjektivistischen Realität der Moderne. Juden glauben, dass Er die eine und einzige Realität ist.


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