wirtschaft

Prophet der Pleite

Nouriel Roubini sagte so manche Krise voraus – doch waren es mehr als Zufallstreffer?

17.09.2009 – von Oliver HartwichOliver Hartwich und Stephen KirchnerStephen Kirchner

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Nicht nur Bankbilanzen haben in der weltweiten Finanzkrise gelitten. Auch das Ansehen von Experten und ganzen Berufgruppen hat Schaden genommen. Während der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan einst wie ein ökonomischer Zauberer erschien, gilt er jetzt (ob zu Recht oder zu Unrecht) beinahe als Urheber allen Übels. Investmentbanker, die sich noch vor wenigen Jahren als »Meister des Universums« feiern ließen, sind jetzt fast so unbeliebt wie Bankräuber. Doch auch wenn die Krise aus Helden oft ganz gewöhnliche Sterbliche gemacht hat, so hat sie doch gelegentlich auch genau umgekehrt gewirkt. Leute, die vormals als Spinner galten, werden plötzlich als Gurus gehandelt. Ein Paradebeispiel dafür ist Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor an der Universität von New York. Roubini ist nicht nur zu einem der Gesichter der Krise geworden, sondern er gilt heute fast schon als ihr Prophet.
Roubini wurde als Sohn iranischer Juden in Istanbul geboren. Er wuchs in Teheran und Tel Aviv auf, bevor seine Familie schließlich nach Italien zog, wo die Roubinis eine Orientteppich-Handlung in Mailand betrieben.

prophet Im italienischen Chaos der 1970er-Jahre begann Roubini, sich für Politik zu interessieren und in linken Gruppen zu engagieren. Später sagte er, dass es dieser politische Hintergrund war, der sein Interesse an der Ökonomie weckte. »Ich hatte ein soziales Bewusstsein. Ich wollte die Welt zu einem besseren Ort machen«, erklärte er in einem Interview.
Roubinis Wirtschaftsstudium führte ihn über die Universitäten von Jerusalem und Mailand nach Harvard, wo er bei Star-Ökonom Jeffrey Sachs promovierte. Später unterrichtete Roubini an der Yale University und fügte seinem Lebenslauf Stationen beim Internationalen Währungsfonds, der Federal Reserve und der Weltbank hinzu. Doch es waren nicht so sehr seine akademischen Qualifikationen, die ihm Ruhm brachten, sondern seine stets äußerst pessimistischen Wirtschaftsprognosen, die er auf seiner eigenen Website veröffentlichte. Seit Jahren warnte Roubini vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Katastrophen, die er in fast jedem Land und jedem Markt witterte. Es war eine Frage der Zeit, bis eine dieser Prophezeiungen eintreten würde.
Der Ruf des Experten, der die Krise kommen sah, hält angesichts Roubinis tatsächlicher Prognosen einer genaueren Überprüfung jedoch nicht stand. Den genauen Hergang der jüngsten Finanzkrise hat er zumindest nicht prognostiziert. Tatsächlich war Roubini zwischen 2004 und 2007 durchgängig pessimistisch, obwohl es zu jener Zeit noch ein kräftiges Wirtschaftswachstum in den USA gab. Viele Jahre lang argumentierte er, dass das US-Leistungsbilanzdefizit zu einer Dollar-Krise und höheren Zinsen führen würde, was in den Vereinigten Staaten in eine Rezession münden würde. Tatsächlich wurde die Wirtschaftskrise jedoch nicht auf diese Weise ausgelöst, sondern durch Verwerfungen im amerikanischen Hypothekenmarkt.
Eine der wenigen konkreten Roubini-Vorhersagen war, dass die Vereinigten Staaten ein Null-Wachstum im 4. Quartal 2006 verzeichnen würden. Damit lag er jedoch schwer daneben, denn das tatsächliche Wachstum lag bei 3 Prozent. Nach diesem Fehlgriff nahm Roubini seine Rezessionsvorhersage kurzfristig zurück. Im Januar 2007 schrieb er dann: »Es ist nicht klar, ob das Platzen der Immobilienblase in den USA zu einer weichen Landung führt, wie es die Mehrheit der Forscher glaubt, oder ob es doch eine härtere Landung geben wird, die dann zu einem verlangsamten Wachstum oder gar einer echten Rezession führt.« So unsicher war sich Roubini also Anfang 2007, dass er vorsichtshalber seine Vorhersage in alle Richtungen absicherte.

gut geraten Die Finanzkrise war bereits in vollem Gange, als Roubini seine viel zitierten Vorhersagen über den bevorstehenden finanziellen Armageddon im Jahr 2008 machte. Aber im Grunde passte Roubini seine Geschichte nur an das an, was damals jeder in allen Wirtschaftsblättern lesen konnte.
Wenn Roubini eine Methode für seine Prognosen hat, dann ist sie nur schwer zu identifizieren oder zu bewerten. Die Trennung zwischen Meinung und Analyse geht allzu oft in seiner zu Übertreibungen neigenden Prosa verloren. Dass seine Prophezeiungen oft subjektiv sind und dabei kaum auf einer systematischen Einschätzung beruhen, bestreitet nicht einmal Roubini selbst. Nach seiner Methode gefragt, erklärte er auf einer Konferenz des Internationalen Währungsfonds im September 2006, dass er sich seine Prognosen nur aus der Nase ziehe.
Obwohl heute bereits wieder die ersten grünen Triebe in der Weltwirtschaft zu sehen sind, klingt Roubini so pessimistisch wie eh und je. Statt eines Aufschwungs sagt er nun einen neuerlichen Abschwung voraus. Jedenfalls hat ihm das wohl seine Nase gesagt.

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