Spendenaktion

100 Kilometer zum Ziel

Hartmut Kohn läuft für einen Friedhof von Theresienstadt nach Dresden

06.12.2012 – von Karin VogelsbergKarin Vogelsberg

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Um 5.30 Uhr ist die Nacht für Hartmut Kohn nach nur vier Stunden Schlaf zu Ende. 45 Minuten Schwimmen und 30 Minuten Laufen stehen auf dem morgendlichen Trainingsplan. Danach geht’s zur Arbeit. Trotzdem wirkt Kohn quicklebendig. Seine Augen leuchten, wenn er von seinem Lieblingsthema erzählt: dem Laufen. Und darüber hat der 43-Jährige viel zu sagen, denn Hartmut Kohn läuft und läuft.

Vor fünf Jahren hat er mit einer halben Stunde Joggen angefangen. Das Pensum steigerte er rasch: Aus fünf Kilometern Trainingsstrecke wurden zehn, ein Halbmarathon, ein Marathon. Inzwischen bewältigt Kohn sechs Marathons pro Jahr. Doch was sind schon 42,195 Marathon-Kilometer? Kohn will weiter. Am 12. Februar 2013 läuft er an einem Tag 100 Kilometer, von Terezin (Theresienstadt) in Tschechien nach Dresden.

Probetraining »An diesem Tag lasse ich mich durch nichts aufhalten«, sagt Kohn entschlossen. Begleiter sind willkommen, doch die »Mitläufer« müssen wissen: Der Ultraläufer rennt bei jedem Wetter, auch bei Schnee und Minusgraden. In der Skihalle Senftenberg hat Hartmut Kohn schon ein Probetraining absolviert. Nicht mit Ski – in Laufschuhen.

Ist der Mann verrückt? Hartmut Kohn grinst: »100 Kilometer läuft ja eigentlich kein normaler Mensch.« Deshalb musste er auch die Jüdische Gemeinde zu Dresden erst mal davon überzeugen, dass er sie mit seinem Vorhaben ernsthaft unterstützen will. Dass er nicht »irgend so ein Spinner ist, sondern verrückt genug, den Plan durchzuziehen«.

Dass er tatsächlich 100 Kilometer am Stück laufen kann, hat Kohn bereits in diesem Frühjahr bewiesen. Da ist er von seinem Wohnort Dresden in seine Geburtsstadt Görlitz gerannt.

Mit seinem Zwei-Länder-Ultralauf im nächsten Jahr will der Dresdner auf einen Spendenaufruf der jüdischen Gemeinde und des Freundeskreises Dresdner Synagoge aufmerksam machen: Der denkmalgeschützte jüdische Friedhof in Teplice-Sobedruhy soll eine Einfriedung bekommen, um ihn vor Vandalismus, Diebstahl und Zerstörung zu schützen. Die Ruhestätte gehört zur jüdischen Gemeinde im tschechischen Teplice.

Die Kontakte zur Dresdner Gemeinde sind eng, weil bis 1751 auch Dresdner Juden – nach jüdischem Ritus mit dauerndem Ruherecht – auf dem heute geschlossenen Friedhof bestattet wurden. Die jüdische Gemeinde in Teplice war bis 1938 mit ihren 5.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde in Böhmen. Infolge der Verbrechen des Nationalsozialismus gibt es heute nur noch 100 Gemeindemitglieder, auf mehrere kleine Orte verteilt. Sie haben finanziell nicht die Möglichkeit, für den Erhalt des historischen Friedhofs zu sorgen. Etwa 150.000 Euro soll die Einfriedung kosten.

Ohne Resonanz Aber obwohl der Präsident des sächsischen Landtags, Matthias Rößler (CDU), und der Chef der sächsischen Staatskanzlei, Johannes Beermann, als Schirmherren den Spendenappell unterstützen, blieb die Resonanz bisher hinter den Erwartungen zurück. Durch Hartmut Kohns Lauf soll die Spendenaktion richtig Schwung bekommen.

Was treibt den Ultraläufer an? Langeweile kann es nicht sein, schließlich hat Hartmut Kohn Familie und als Koch obendrein noch einen stressigen Job. »Beim Laufen kann ich entspannen. Dann existiert die Welt für mich nicht.« Aber Laufen nur um des Laufen willens – das ist nichts für ihn. »Ich brauche ein Ziel«, sagt Kohn und meint damit nicht nur einen Ankunftsort, sondern einen guten Zweck, der ihn zu seinem Extremsport anspornt. Und diesmal hat er die jüdische Gemeinde als Nutznießer ausersehen.

»Herr Kohn hat uns sein Engagement von sich aus angeboten. Dann haben wir gemeinsam überlegt, für welchen Zweck sich die Aktion besonders eignet«, berichtet Johanna Stoll, Verwaltungsleiterin der Dresdner Gemeinde. Da Teplice nur etwa 30 Kilometer nördlich vom Startpunkt des Ultralaufs entfernt liegt, bot es sich an, die Spendenwerbung für den Friedhof mit dem Lauf zu verbinden.

Hartmut Kohn selbst ist nicht Mitglied der Jüdischen Gemeinde und nicht religiös. »Ich versuche einfach, mit jedem gut auszukommen. Ich kann die Welt zwar nicht besser machen, aber vielleicht ein bisschen glücklicher.« Seinen Nachnamen verdankt Hartmut Kohn einem fernen jüdischen Vorfahren. Eine Tatsache, die ihn berührt hat, ganz besonders, nachdem er seinen Familiennamen auch in der Gedenkstätte Theresienstadt entdeckte. Zur Vorbereitung seines Laufs besuchte er zum ersten Mal mit seiner Familie den Ort, an dem die Nationalsozialisten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges etwa 140.000 Menschen internierten, viele starben oder getötet wurden.

Bombennacht Mit Absicht hat Kohn den Termin für den Zwei-Länder-Lauf in den unwirtlichen Februar gelegt. Denn am 13. Februar, wenn sich die Bombardierung Dresdens im Jahr 1945 durch alliierte Streitkräfte jährt, herrscht in der Elbestadt regelmäßig Ausnahmezustand. Neonazis marschieren auf, um den Tag für ihre Ideologie zu missbrauchen, Gegendemonstranten treten den Rechtsextremen entgegen, die Polizei ist mit einem großen Aufgebot präsent. »Das regt mich auf. Ich bin für ein stilles Gedenken«, betont Hartmut Kohn und spricht damit vielen Dresdnern aus der Seele.

13. Februar Ursprünglich war die Idee, dass Kohn seinen Langstreckenlauf am 13. Februar absolviert. Doch Sicherheitsüberlegungen sprechen dagegen. Deshalb geht der Dresdner nun einen Tag früher auf die Piste: »Ich will zeigen, dass man zum 13. Februar in Dresden auch friedlich etwas machen kann.«

Doch ein mulmiges Gefühl bleibt, Kohn befürchtet Angriffe von Rechtsextremen. Aus der Luft gegriffen sind diese Bedenken nicht. »Am Vorabend des 13. Februar machen sich regelmäßig Neonazis aus Tschechien und Polen auf den Weg nach Dresden«, weiß Johanna Stoll von der Jüdischen Gemeinde. Sie ist mit der Dresdner Polizeidirektion im Gespräch, um Hartmut Kohn einen Sicherheitsbegleiter zur Seite zu stellen. Auch mit der tschechischen Polizei verhandelt die Gemeinde, bisher kam von dort aber noch kein kostenloses Angebot, den Lauf zu schützen.

Mit dem historischen Datum verbindet Hartmut Kohn aber auch die Hoffnung, dass die Medien über seinen Lauf berichten. So viel Publicity wie möglich – das ist sein Wunsch, damit die Spenden für den jüdischen Friedhof fließen und damit seine eigene Motivation stimmt. Denn er weiß: Das wird kein Spaziergang. Mit dem Fahrrad ist er die Strecke schon einmal abgefahren. Sie führt von Terezin über Ústínad Labem und Pirna nach Dresden.

»Das war hart. Auf dem Weg gibt es Anstiege von zwölf Prozent. Es war dunkel, und ich war ganz allein unterwegs. Ich kam mir vor wie in Sibirien.« Am 12. Februar wollen Kohn und zwei Begleiter morgens in aller Frühe in Terezin starten. Die Teilnehmer einer Tagung des Leo-Baeck-Instituts werden die Sportler auf den Weg schicken. Mindestens 15 Stunden, so die Schätzung, wird Kohn bis zum Ziel brauchen.

Aufs Tempo drücken will er nicht: »Hauptsache, ankommen«, ist die Devise. Zwei Verpflegungsfahrzeuge begleiten den Lauf. Alle Unterstützer arbeiten ehrenamtlich, betont Kohn und fügt hinzu, dass weitere Freiwillige willkommen sind, zum Beispiel ein Sanitäter oder Arzt, falls unterwegs jemand stürzt oder schlapp macht.

Mitläufer Auch weitere Mitläufer werden noch gesucht, die auf der Strecke als Tempomacher einsteigen, damit der Ultraläufer nicht einknickt. Hartmut Kohn ist sicher: Wenn er es bis Pirna, etwa 20 Kilometer östlich von Dresden, schafft, bewältigt er den Rest der Strecke auch noch. Gleichzeitig hofft er, dass in Pirna noch viele Sportler einsteigen, um sich ihm auf dem letzten Wegstück anschließen. Das sei wichtig für die Moral. »Der Lauf wird im Kopf entschieden«, weiß Kohn. Der Ultralauf endet an Kohns Arbeitsplatz, dem Restaurant Kahnaletto an der Augustusbrücke.

Ob auch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Hartmut Kohn bei seinem Spendenlauf mitmachen? Johanna Stoll lacht: »Die meisten von ihnen sind im Rentenalter und dafür wohl nicht fit genug.« Sicher ist aber, dass die Jüdische Gemeinde zu Dresden dem Läufer am Ziel einen festlichen Empfang bereiten wird.

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