Sprachgeschichte(n)

Geschickt ausbaldowert

Wie ein Begriff aus der hebräischen Bibel in die deutsche Unterwelt gelangte

25.10.2012 – von Christoph GutknechtChristoph Gutknecht

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Teenieschwarm Justin Bieber wird erpresst, meldete vergangene Woche die Bild-Zeitung. Der Erpresser habe »einen richtigen Stufenplan ausbaldowert«. Der Münchner Merkur wusste am selben Tag über lokale Politiker zu berichten, dass »die wirklich wichtigen Dinge in ganz kleinen Zirkeln ausbaldowert« würden. Und in einer Filmbesprechung im Hamburger Abendblatt las man von Frauenhelden, die gemeinsam »Eroberungsstrategien ausbaldowern«.

duden Das Verb »baldowern« beziehungsweise »ausbaldowern« verzeichnet der Duden seit 1902. Als Bedeutungen werden »auskundschaften«, »planen«, »sich ausdenken« und »ausklügeln« angegeben und auf den gaunersprachlichen Gebrauch verwiesen, von dem man schon in Theodor Fontanes Roman Der Stechlin (1897/1899) las: »Ich sehe, wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich ein Wort aus der Diebssprache; so weit sind wir nu schon.«

Als milieuspezifische Vokabel aus der Halb- und Unterwelt wurde und wird baldowern gern von Schriftstellern verwendet, wie in Hans Falladas Der Trinker: »Auch von Mordhorst erfuhr ich nichts Näheres. Wenn ich drängte, sagte er nur: ›Wart’s ab, Kumpel. Ich muss erst Genaues baldowern, der Mordhorst knackt keinen Schrank, ehe er nicht alles baldowert hat.‹«

Das jiddische »baldówer« stammt vom hebräischen »ba’aldawár« ab, übersetzt »Herr des Wortes«, womit »der betreffende, in Rede stehende Mensch« gemeint war, in chassidischen Kreisen oft auch euphemistisch der »Jezer hara«, der böse Trieb. In der Tora findet sich das Wort in Exodus 24,14 in der Bedeutung »Prozessgegner«.

vaganten Wie dieses Wort (und andere) in die Gaunersprache kamen, hat Jakob Krystian Schleicher 2007 in der Zeitschrift Chilufim erläutert: »Die Vagantes, fahrende Studenten, die ihr Leben meistens eher Duellen, der Sauferei und kleinen Gaunereien als der Wissenschaft widmeten, nahmen viele jiddische Ausdrücke in ihren Jargon auf. Dadurch drangen diese Wörter in das Rotwelsche, die Geheimsprache der Diebe und Gauner, ein.« 1811 erklärt der Richter G. Nicol im Neuen Hannoverschen Magazin die Hierarchie von Diebesbanden: »Bei Verübung des Diebstahls selbst ist der Baldower in der Regel nicht gegenwärtig. Der Balmassematte (hebräisch ›Führer des Geschäfts‹) ist der eigentliche Direktor bei Verübung eines Diebstahls.«

Im Jiddischen stand das Substantiv »Baldower« auch verächtlich für jemanden, mit dem man nicht gern umgeht. Daran knüpfte Kurt Tucholsky alias Kaspar Hauser 1929 in der Weltbühne an, als er deutschnationale Kritiker von Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues persiflierte: »Und dieser miese Baldower wagt es, für die Asphaltpresse einen Bericht zu verfassen, dem die Lüge an der Stirn geschrieben steht.«

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
5°C
regen
Frankfurt
8°C
regen
Tel Aviv
19°C
regenschauer
New York
5°C
wolkig
Zitat der Woche
»Völkisch-antisemitischer Jammer-Ossi«
Der Kabarettist Uwe Steimle darf so bezeichnet werden. Das entschied in
der vergangenen Woche das Amtsgericht Meißen.