Brit Mila

Beschneidung, interdisziplinär

Eine Tagung in Heidelberg widmete sich medizinischen, rechtlichen und religiösen Aspekten

Aktualisiert am 26.07.2012, 12:26 – von Ramona AmbsRamona Ambs

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Die emotionale Anspannung der vergangenen Wochen war vielen Teilnehmern noch anzusehen. Und so war das von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS) kurzfristig angesetzte Tagesseminar zur Beschneidungsdebatte gut besucht. Unter dem Titel »Beschneidung – Das Zeichen des Bundes in der Kritik« fanden sich am vergangenen Sonntag auf Einladung der Hochschule und des Zentralrats der Juden in Deutschland zahlreiche Referenten in Heidelberg ein.

Vorab gab es bereits intensive Gespräche im Foyer. Ein junger Familienvater berichtete von seinen Schwierigkeiten, nach dem Urteil einen Beschneider für seinen Sohn zu finden, der in zwei Monaten zur Welt kommen soll. »Als ich den Mohel anrief, dachte er, ich sei Journalist, und sagte, er führe keine Beschneidungen mehr durch«, erzählte der junge Mann. Er sei es leid, kriminalisiert zu werden für etwas, was in anderen Ländern völlig normal sei und seit Jahrhunderten praktiziert werde. Eine Frau erzählte vom Sommerfest im Kindergarten ihres Sohnes. Dauernd sei jemand auf sie zugekommen und wollte wissen, ob sie ihren Sohn habe beschneiden lassen und wie sie so etwas Barbarisches nur tun könne: »Nie habe ich mich so fremd und unwillkommen gefühlt in Deutschland wie in den letzten sechs Wochen.«

Das Tagesseminar, das in fünf Themenblöcke aufgeteilt war, startete mit einem Blick auf die Geschichte der Beschneidung in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten. Johannes Heil, Rektor der HfJS, zeigte anhand einer historischen Skizze, wie viel Judenfeindlichkeit schon immer in den Diskursen über die Beschneidung zutage trat, und Andreas Brämer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg erläuterte dieses Phänomen ausführlich anhand der Beschneidungsdebatten von 1850. Dabei mahnte er mit Blick auf die aktuelle Diskussion: »Deutschland sollte darauf achten, dass es im Umgang mit Minderheiten nicht auf den Stand von 1850 zurückfällt!«

rechtliches Im zweiten Themenkomplex wurden verschiedene juristische Sichtweisen in Deutschland und Europa zum Thema Beschneidung vorgestellt. Dabei geriet der Eröffnungsvortrag des Theologen und Philosophen Heiner Bielefeldt zum geradezu leidenschaftlichen Plädoyer für Religionsfreiheit im ursprünglichen Wortsinn. Religionsfreiheit bedeute nämlich nicht, dass eine Gesellschaft säkular sei, sondern, dass man seine Religion frei wählen könne. Bielefeldt bemängelte die in der Debatte vorhandene »Ausgrenzungsrhetorik« gegenüber Islam und Judentum und sprach konsequenterweise nur vom »Kölner Fehlurteil«.

Der Jurist Edward Schramm ging das Thema konsequent rechtswissenschaftlich an und verwahrte sich gegen die von Beschneidungsgegnern aufgestellte Behauptung, es sei unter Juristen allgemeine Auffassung, dass die Zirkumzision eine strafbare Handlung darstelle. »Die herrschende Meinung hält die Beschneidung für nicht strafbar – nur schreien die nicht so laut«, verteidigte er seine Zunft. Unterstützt wurde er dabei von Bijan Fateh-Moghadam aus Münster, der die Beschneidung sogar dann, wenn sie weder religiös motiviert noch medizinisch indiziert sei, allein durch die elterliche Sorge als rechtsgültig bewertet sehen will. Einig war man sich auch darin, dass ein möglicher Gesetzentwurf der Bundesregierung die Beschneidung keinesfalls nur straffrei stellen solle, sondern klar als »nicht rechtswidrig« deklarieren müsse.

Historisches Im dritten Themenkomplex »Zeitgeschichte und Gegenwart« war es vor allem der Vortrag von Daniel Krochmalnik von der HfJS über »Brit Mila und Schoa«, in dem sich viele Zuhörer emotional wiederfanden. Krochmalnik erinnerte unter anderem an Sally Perel, der während des Krieges seine Beschneidung verstecken musste, um nicht als Jude erkannt zu werden, und der trotz dieser Erfahrungen auch seinen Sohn beschneiden ließ. Der Historiker und Theologe Thomas Lentes hingegen warf einen Blick auf die aktuelle Beschneidungsdebatte, die seines Erachtens »ein Streit um kulturelle Codierung« sei. Die Argumente, die Beschneidungsgegner heute vorbrächten, seien identisch mit den Argumenten, die man in früheren Zeiten gegen Tätowierung verwandte.

Medizinisches Im vierten Podium wurden die medizinischen Aspekte der Brit beleuchtet. Der Historiker Robert Jütte warf dabei einen kritischen Blick auf die Medizingeschichte. Während es 1882 noch eine Liste gab, die die Vorteile der Beschneidung aufzählte und die, mit Ausnahme einiger weniger Punkte, bis heute ihre Gültigkeit habe, wurde dennoch innerhalb der Ärzteschaft immer wieder über die Zirkumzision diskutiert. Im Vorfeld der Schoa deklarierten dann viele Debattenbetreiber »die Beschneidung als Beleg für die Grausamkeit der Juden«.
Für Heiterkeit im Publikum sorgte die Urologin und Rabbinerin Antje Yael Deusel, die konkret auf die medizinischen Aspekte der Brit einging. Sowohl auf die Gefahren des Eingriffs selbst als auch auf die Gefahren einer unterlassenen Beschneidung wies die Ärztin hin. Mit drastischen Bildern von Phimosen, Narbenbildungen oder Karzinomen (O-Ton Deusel: »Daaa sieht man das sehr schön!«) verdeutlichte sie, wie viele Vorteile die Beschneidung aus medizinischer Sicht bringe. »Wer nach diesem Vortrag seine Söhne nicht beschneiden lässt, hat entweder nicht zugehört oder empfindet keine Liebe für seinen Sohn«, meinte eine Frau im Publikum zu den Ausführungen.

Praktisches Im fünften Teil der Veranstaltung ging es um die Lebenspraxis. Während der Theologe Michael Bongardt eine philosophische Güterabwägung zwischen Recht und Riten vornahm, gab die Erziehungswissenschaftlerin Havva Engin einen Einblick in die muslimischen Formen von Beschneidung und in die Eindrücke, die die muslimische Community von der derzeitigen Debatte habe. »Das ist alles, nur keine Willkommenskultur«, fasste sie ihre Beobachtungen zusammen.

Am spannendsten jedoch war die Podiumsdiskussion am Ende der Veranstaltung. Unter der Moderation von Olga Mannheimer diskutierten Volker Beck, Abgeordneter der Grünen im Bundestag, Rabbiner Janusz Pawelcyzk-Kissin, der Psychotherapeut Salek Kutschinski aus München, Havva Engin (PH Heidelberg), Omar Kamil von der HfJS, der Psychoanalytiker Ludwig Janus und Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Olga Mannheimer konstatierte, dass das Gerichtsurteil in Köln etwas Bemerkenswertes verursacht habe: Juden, für die sonst Meinungsverschiedenheit ebenso konstituierend sei wie die Brit, haben nun zu einem Konsens gefunden, ja, man habe sie durch die Debatten der letzten Wochen förmlich dazu gedrängt.

»Wenn ich bei Twitter meine Timeline sehe«, sagte Volker Beck, der als Erster zu Wort kam, »dann kann ich verstehen, dass Juden noch irgendwo einen gepackten Koffer haben.« Stephan J. Kramer griff diesen Aspekt der Debatte auf und stellte fest: »Also, ich glaube, die ganze Diskussion, die wir in den letzten Wochen geführt haben, hat das Vertrauen von Jüdinnen und Juden in die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit, aber auch in ihre Existenzberechtigung in diesem Land infrage gestellt, weil die Diskussion so geführt wurde, als seien jüdische Eltern Barbaren, denen mal beigebracht werden müsse, was Kindeswohl so heißt.« Außerdem ärgerte sich Kramer, dass die Politik der Debatte lange nur zugeschaut habe. Diesen Ärger teilt Havva Engin. Sie sei »enttäuscht von der Politik, die sich so lange nicht gemeldet und anderen das Feld überlassen hat, den Scharfmachern!« Dass man insgesamt von den muslimischen Verbänden in der Debatte relativ wenig hörte, erklärte Kamil mit der Vielzahl der unterschiedlichen Vereinigungen. Er warb dafür, dass die Bundesregierung die Muslime endlich als Religionsgemeinschaft

Beck wies darauf hin, dass Beschneidungsgegner nicht einfach immer nur islamophob oder antisemitisch seien, sondern einige sich aufrichtig um das Kindeswohl sorgten und man deshalb deren Argumente ernsthaft aufgreifen sollte, um die Debatte nicht zu verlieren.

Debatte »Ich würde mir eine innerjüdische Debatte zu dem Thema wünschen«, meinte Salek Kutschinski und schilderte seine Eindrücke der jüdischen Reaktionen, wenn sich jemand gegen die Beschneidung seines Sohnes entscheiden würde. Er meinte, dass man unter dem derzeitigen Druck des öffentlichen Diskurses nicht mehr in der Lage sei, tatsächlich frei darüber zu sprechen. »Wir bagatellisieren das auch«, sagte er. »Wir schneiden am empfindlichsten Teil des Penis etwas ab.«

»Aber solche innerjüdischen Debatten werden dann doch von außen benutzt und instrumentalisiert«, wandte Janusz Pawelczyk-Kissin ein. Der Heidelberger Rabbiner hatte kürzlich durch einen Beschneidungsgegner in einer TV-Debatte von der Brit Schalom, einer Art Ersatzbeschneidung, erstmals überhaupt erfahren. »Man kann ja eine innerjüdische Debatte führen, aber warum da, wo wir in die Ecke getrieben werden?«, fragte er und befand: »Eine Vorhaut ist dazu da, sie zu entfernen!«

Kutschinski möchte dennoch eine offene Debatte: »Es ist egal, was wir Juden tun oder lassen. Es gibt Antisemitismus. Also können wir auch darüber sprechen.« Auf die Frage, warum auch säkulare Juden an der Beschneidung festhalten, antwortete Kutschinski: »Man will nicht aus der Geschichte fallen ... aus dem Volk fallen.« Und so befand am Ende der Veranstaltung Stephan J. Kramer: »Warum auch am einzigen Konsens rühren, den wir überhaupt haben?«

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