Porträt der Woche

»Bilder meiner Kindheit«

Rachel Knobler hat die Schoa überlebt. Danach fing sie an zu malen

19.07.2012 – von Katrin DiehlKatrin Diehl

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Zum Frühstück gibt’s bei mir Mittagessen. Ich bin chaotisch und stehe auf, wann ich Lust habe. Das ist in der Regel so gegen drei Uhr nachmittags. Ich finde es anstrengend, aufzustehen, besonders an heißen Tagen; und oft stehe ich auch nur auf, weil mich meine Freundin Ilse dazu drängt. Sie ist jünger als ich: 84. Ich bin 88. Wir kennen uns schon seit über 50 Jahren, und irgendwann haben wir unsere beiden Appartements zusammengelegt.

Begonnen hat unsere Freundschaft hier in München in der Nervenklinik in der Nussbaumstraße. Ich war den Belastungen des Lebens nicht mehr gewachsen. Es hat überhaupt ziemlich lange gedauert, bis ich wieder einigermaßen lebensfähig war. Ilse war auch dort. Zehn Jahre nach dem Krieg sind die Leute reihenweise mit Nervenzusammenbrüchen eingeliefert worden. Schlimm waren in der Klinik die Elektroschocks. Heute macht man so etwas nicht mehr. Aber die Medikamente, die man mir damals gegeben hat, die nehme ich bis heute.

blutdruck Nach Kämpfen und Launen stehe ich also auf, und wir streiten uns noch ein bisschen weiter. Ich habe auch oft keinen Hunger. Dann richtet mir Ilse trotzdem etwas, und das esse ich dann. Die Mahlzeit kommt von »Essen auf Rädern«, zudem ist unser Kühlschrank immer gut gefüllt. Für beides sorgt meine Freundin. Mir geht es also recht ordentlich. Ich nehme etwas ein, damit der Blutdruck stimmt, etwas gegen das Wasser, das meine Füße so dick macht und etwas zur Herzunterstützung. Hauptsache, der Kopf funktioniert. Alles andere ist nicht so wichtig. Der Kopf muss funktionieren, und ein bisschen Kraft muss da sein, um den Kopf zu halten.

So wie es jetzt ist, könnte es bleiben. Aber ich bin auf die Hilfe meiner Freundin angewiesen. Die macht eigentlich alles, sie schmeißt den ganzen Haushalt. Ilse hat sich geschworen, dass ich in kein Heim komme, solange sie noch kann. Sie will mich nicht alleine lassen. Einmal lag ich auf dem Boden, und nur die Putzfrau war da, es war unmöglich, mich wieder aufzurichten. Uns blieb nichts anderes übrig, als einen Krankenwagen zu holen.

Im Juni hatte ich Geburtstag, da kamen Freunde von uns, unsere »Lieblingsfamilie«, wie wir sie nennen. Der Mann ist Amerikaner, die Frau stammt aus München, ihr Sohn heißt Christian. Wenn ich mit meinem elektrischen Rollstuhl durch den Park vor meiner Haustür fahre, geht der Chrisi manchmal neben mir her. Ich mag ihn sehr. Zu meinem Geburtstag hat seine Mutter gefragt, ob sie für mich einen Kartoffelsalat machen soll. »Etwas Besseres können Sie ihr gar nicht schenken«, hat meine Freundin gesagt. Suppen und Kartoffeln, das mag ich, das ist polnische Küche.

schtetl Ich komme aus Polen. An erster Stelle fühle ich mich als Mensch, an zweiter als Jüdin und dann als polnische Jüdin. Geboren wurde ich 1924 im Schtetl von Slomniki, nicht weit von Krakau. Meine Familie war nicht sehr religiös. Die Feste haben wir nur sehr locker gefeiert. Mit 17 kam ich ins Krakauer Ghetto. Ich habe mehrere KZs überlebt, auch Birkenau und Auschwitz. Meine kleine Schwester nicht. Meira wurde als Siebenjährige von den Nazis ermordet. Meinen Vater habe ich nie mehr gesehen, und meine Mutter ist nach dem Krieg, als sie nach Slomniki zurückkehrte, von einem polnischen Nationalisten erschossen worden.

Dass ich nach 1945 in München gelandet bin, war Zufall. Ich bin in das DP-Lager Landsberg gekommen, eine Sammelstelle für diejenigen, die die Absicht hatten, nach Palästina weiterzuwandern. Das hatte ich zunächst auch vor. Meine andere Schwester lebt heute in Haifa. Sie hat zwei Kinder, und die haben auch schon wieder Kinder. Zu ihr habe ich regelmäßigen Kontakt. Wir telefonieren. Ich war schon in Israel, und sie war auch schon öfters bei mir in München.

Nach dem Krieg bin ich hier hängen geblieben, habe angefangen, Musik zu studieren. Mein Vater war Geigenlehrer, sodass ich mit Musik aufgewachsen bin. Ich kam bei einer Familie unter, einem kinderlosen Paar, das mich unter seine Fittiche genommen hat. Sie haben meine seelischen Wunden versorgt und waren sehr, sehr gut zu mir. Trotzdem bin ich bei der Prüfung am Konservatorium zusammengebrochen. Ich hielt die nervliche Belastung nicht aus.

Malerei Später habe ich doch noch Klavier und Gesang studiert. Musik, Malerei und Dichtkunst haben mich mein ganzes Leben lang begleitet. Bis vor einem Jahr habe ich noch gedichtet und gemalt. Zu jedem meiner Bilder, die um mich herum an der Wand hängen, gibt es eine Geschichte. Es sind Bilder meiner Kindheit.

Jetzt mache ich nichts Künstlerisches mehr. Ich habe viele Kontakte verloren und bin in einem Alter, in dem man nicht so leicht wieder neue knüpft. In der Philippuskirche, nicht weit von hier, habe ich oft gelesen. In ganz Bayern bin ich zu Lesungen eingeladen worden, die Karmelschwestern in Dachau kennen mich sehr gut und schreiben mir zu jedem großen Feiertag. Ich habe Solopartien beim Radio Freies Europa gesungen, und mit dem Bayerischen Rundfunk war ich mit einem Filmteam in Polen.

Nach meinem Musikstudium habe ich noch ziemlich lange im Entschädigungsbüro von Dr. Kossoy in der Registratur gearbeitet, wo ich fürchterlich schleppen musste. All die Akten und Ordner! Meine letzte Arbeitsstelle bis zur Pensionierung war in der Musikbibliothek am Salvatorplatz mitten in der Stadt. Da war ich gerne, jede Verbindung zur Musik war mir recht.

Heute spende ich dem Musikstudio »Zlilim«, das zum jüdischen Jugendzentrum gehört, jährlich einen festen Betrag im Gedenken an meine kleine Schwester Meira. Die jüdischen Feiertage beachte ich nicht besonders, höchstens Pessach ein bisschen. Ich esse ein wenig Mazza und so. Ilse und ich feiern auch die christlichen Feste zusammen, und zu Weihnachten brennen die Kerzen im Chanukkaleuchter.

Mein Kontakt zur jüdischen Gemeinde ist genauso eng wie der zur christlichen. Ich fühle mich als Weltbürgerin. Auf meinen Bildern findet man jüdische wie christliche Motive. Im Schtetl wohnten beide, Juden und Christen. Beide Kulturen prägten mich. Beide Kulturen leben in unserer Wohnung. Wenn es Nacht wird, sitzen wir vor dem Fernseher. Wir schauen vor allem Interviews und Berichte über die politische Lage, die jüdische im Speziellen. Krimis mag ich nicht, die sind mir zu primitiv, und ich verliere leicht den Faden.

suppe Kurz vor Mitternacht möchte Ilse dann ins Bett. Ich nicht. Ich habe Hunger, bekomme plötzlich Appetit auf Suppe. Aber da hat Ilse in letzter Zeit schon öfters gesagt: »Nein, Rachelchen, ich kann jetzt nicht mehr.« Sie mag keine Suppen mehr kochen. Sie kann das Wort »Suppe« nicht mehr hören, weil sie alle Leute, die sie verloren hat, zum Schluss mit Suppe gefüttert hat. Ilse sagt: »Geh jetzt ins Bett«, und ich sage: »Seit wann kannst du mir etwas befehlen?«

Dann setze ich mich auf den Bettrand und lese Zeitung. Irgendwann schlafe ich ein und wache am nächsten Nachmittag wieder auf. Das mit den Albträumen hat sich mittlerweile gelegt. Früher konnte ich nicht alleine schlafen, hatte Verfolgungs- und Angstträume, habe geschrien, bis mich Ilse geweckt hat. Ich denke heute weniger über die Vergangenheit nach. Ich glaube, für jemanden wie mich, mit so einer Vergangenheit, für den gibt es so etwas wie eine Bremse im Kopf. Die betätigt sich, bevor man sich überfordert. Ich schlafe jetzt viel. Meine Freundin sagt, viel zu viel.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl.

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