Musik

Der coole Nerd

Zum Tod des Beastie-Boys-Gründers Adam Yauch

10.05.2012 – von Fabian WolffFabian Wolff

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Vor ein paar Jahren wurden in einer US-Talkshow die Beastie Boys interviewt. Aus den einstigen Krawalljungs waren inzwischen gesetzte Herren in Anzügen geworden. »Wow, you could not look more like three old Jews«, meinte der Interviewer. Jetzt ist einer der drei tot. Adam Yauch ist vergangenen Freitag gestorben, im Alter von erst 47 Jahren.

Die Beastie Boys haben eine ganze Generation musikalisch geprägt. Die drei nerdigen jüdischen Jungs wurden in den 80er-Jahren zu überraschenden Idolen und noch überraschenderen Rap-Stars. Dabei hatten sie nicht als Rapper begonnen, sondern als Punker, allerdings mit wenig Erfolg. Inspiriert von Run-DMC orientierten sie sich 1984 neu und versuchten sich an Hip-Hop, mit allem, was dazugehört. Aus Mike Diamond wurde Mike D, aus Adam Horovitz Ad-Rock und aus Adam Yauch MCA. Mit der Hilfe eines anderen nerdigen Juden, des Produzenten Rick Rubin, nahmen sie 1986 das Album Licensed To Ill auf, das es als erste Hip-Hop-Platte auf Platz 1 der US-Charts schaffte.

punk Die Beasties wollten beides sein, Rap-Angeber und gleichzeitig eine Parodie auf Rap-Angeber. Sie gaben sich gefährlich und blieben trotzdem die drei Ostküstenloser, deren Ausweis von toughness es war, dass sie einmal aus einem Fastfood-Restaurant geschmissen worden waren: »Being bad news is what we’re all about/We went to White Castle and we got thrown out.«

Diese Attitüde hatte ihre Wurzeln nicht unbedingt im wütenden Hip-Hop, sondern in der New Yorker Punkszene. Weshalb auch immer wieder gefragt wurde, ob Mike D, Ad-Rock und MCA wirklich Hip-Hop waren. Licensed To Ill erschien zwar bei dem in der Rapszene tonangebenden Label Def Jam, aber die Beastie Boys hatten den unglücklichen Ruf der »Ausnahme«, die Rap für Leute machten, die eigentlich keinen Rap mögen.

Man kann sich seine Fans eben nicht aussuchen. Die Beasties mussten mit Schrecken feststellen, dass die lauten und widerwärtigen Frat boys aus der gojischen weißen Oberschicht, die sie eigentlich parodieren wollten, jetzt »You gotta fight for your right to paaaaaarty« rufend auf ihren Konzerten erschienen.

clips Mit dem nächsten Album, ihrem Meisterwerk Paul's Boutique, wollten die Beastie Boys deshalb ein paar Sachen klarstellen. Die komplexen Beats auf dem Album waren ein Versuch, aus der Ecke der simplen Partymusik zu fliehen, ohne den fast kindlichen Enthusiasmus zu verlieren. Das Album gilt noch heute als Goldstandard für innovatives Sampling. Chuck D, Frontmann von Public Enemy, sagte später, es sei das »schmutzige Geheimnis« der schwarzen Rap-Szene, dass es die besten Beats bei den Beasties gab.

Wie kaum eine andere Rap-Gruppe legten die Beasties Wert auf Präsentation. Adam Yauch war dabei unter dem Namen »Nathaniel Hörnblowér« oft für die visuelle Gestaltung der Alben und die Musikvideos zuständig. Der Clip zu Sabotage von 1994, inszeniert vom späteren Indie-Filmer Spike Jonze, gilt noch heute als einer der besten der Musikgeschichte. Die Parodie auf Polizeiserien der 70er wie Starsky & Hutch zeigt die drei Musiker als fiktive Schauspieler in einer fiktiven Show. Adam Yauch spielt dort Nathan Wind, der den harten Bullen Cochese gibt.

filme Danach wurde es ruhiger um die Gruppe. Hip-Hop veränderte sich. Die Beastie Boys konnten und wollten in der Szene und im Konflikt zwischen East Coast und West Coast keinen Platz finden. Ihre Alben Hello Nasty und To The 5 Burroughs waren zwar große kommerzielle Erfolge, hatten aber wenig mit den aktuellen Rap-Trends zu tun. Adam Yauch begann, sich neu zu orientieren.

Schon lange hatte er als der Cineast der Gruppe gegolten. Jetzt gründete er die Filmfirma »Oscilloscope Laboratories«. Innerhalb weniger Jahre erarbeitete sich Oscilloscope mit kleinen Meisterwerken wie Meek’s Cutoff von Kelly Reichardt einen guten Ruf in der Kinobranche. Auch den US-Vertrieb von A Film Unfinished von Yael Hersonski, eine Dokumentation über einen Propagandafilm der Nazis über das Warschauer Ghetto, übernahm die Firma.

Und natürlich kamen von Oscilloscope auch Beastie-Boys-Produktionen. Für den Konzertfilm Awesome; I fuckin’ shot that! ließ Yauch bei einem großen Auftritt in Madison Square Garden 50 Camcorder an das Publikum verteilen. Aus diesen Aufnahmen schnitt er dann den fertigen Film.

krebs 2009 gab Adam Yauch bekannt, dass er an Speicheldrüsenkrebs erkrankt war. Ein geplantes Album und eine Tour wurden verschoben. Die CD Hot Sauce Committee Part Two erschien zwei Jahre später und wurde mehr als ein Achtungserfolg. Zeilen wie »Like Willis Reed or Elton John/we done been in the game and our game’s still on« bewiesen, dass das Trio es in der Tat immer noch drauf hatte.

25 Jahre lang ohne Ausfälle erfolgreich zu sein, hat neben den Beasties eigentlich niemand geschafft. Was wird jetzt aus ihnen? Mike D, Ad-Rock und MCA wirkten wie eine Einheit. Über Ego-Kämpfe wie bei anderen Bands hörte man von den dreien nichts. Bis zuletzt vermittelten sie den Eindruck von drei Freunden, die gerne gemeinsam Musik machten, ohne Ermüdungserscheinungen oder gar Reife zu zeigen. Das ist das Vermächtnis der Beastie Boys, und damit auch von Adam Yauch: alles in Frage stellen und Spaß dabei haben.

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Jubiläum

70 Jahre Jüdische Allgemeine – zum Dossier

70 Jahre
Jüdische Allgemeine

Zum Dossier

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wahlen USA

Amerika im Wahlfieber – zum Dossier

8. November 2016

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
14°C
wolkig
Frankfurt
12°C
wolkig
Tel Aviv
22°C
heiter
New York
21°C
regenschauer
Zitat der Woche
»Die Fans sangen nicht ›Jude Jude BVB‹,
sondern ›Nutte Nutte BVB‹.«
Der Vorstand des Fußballklubs Legia Warszawa versucht, nach dem UEFA-Champions-League-Spiel
gegen Borussia Dortmund am 14. September das Verhalten seiner Anhänger zu rechtfertigen.