Lemberg

Wo die Ukraine jüdisch war

In der Gastgeberstadt der Fußball-EM ist die Geschichte präsent, wird aber nicht gepflegt

23.02.2012 – von Dörthe ZiemerDörthe Ziemer

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Stolz blättert Marek Horban in der Vereinschronik. Der 28-Jährige ist der Vorsitzende des Fußballclubs Pogon Lwów. Heute heißt die Stadt, die 2012 bei der Fußball-EM zweimal die deutsche Nationalelf beherbergen wird, Lwiw, die längste Zeit hieß sie Lemberg. Der westukrainische Ort mit einer reichen jüdischen Vergangenheit ist auch ein Symbol für ukrainisch-polnische Fußballgeschichte.

kaffeehaus Das liegt nicht zuletzt an Pogon Lwów. Dessen Ursprünge gehen auf das Jahr 1904 zurück. Damals gehörte Lwów zur österreichisch-ungarischen Monarchie. Seitdem existiert Pogon Lwów als Fußballverein, in dem Polen, Ukrainer und nicht zuletzt Juden gemeinsam spielten. Bis 1939 wurde der Club fünf Mal polnischer Meister. Nach 1945, als die Stadt sowjetisch wurde, kam das Aus für den Verein. Erst 2009 gründeten ihn Mitglieder der polnischen Minderheit in Lwiw neu.

Marek Horban sitzt in der Altstadt von Lwiw, in einem Café im Stil der Wiener Kaffeehäuser. Diese Tradition, die Lwiw den Beinamen »Kaffeehauptstadt der Ukraine« eingebracht hat, stammt aus der Zeit, als die Stadt Lemberg hieß und zu Österreich-Ungarn gehörte.

Teil von sechs verschiedenen Staatsgebilden war Lwiw in den vergangenen 100 Jahren. Bis 1939, dem Jahr, als Lemberg infolge des Hitler-Stalin-Paktes der Sowjetunion zugeschlagen wurde, lebten 30 Prozent Juden in der Stadt. Etwa die Hälfte der Einwohner waren Polen, 15 Prozent Ukrainer. 1941 wurde die Stadt als Teil des deutschen »Generalgouvernements« Hauptstadt des Distrikts Galizien. Die meisten Juden wurden ermordet oder deportiert, die Mehrheit der Polen nach dem Zweiten Weltkrieg von den Sowjets ausgesiedelt.

unesco Dennoch zeigt sich bis heute in der historischen Altstadt, die seit 1998 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, eine multiethnische und multireligiöse Aura. Bürgerhäuser aus Renaissance, Barock und Jugendstil reihen sich aneinander, Touristen flanieren über das Kopfsteinpflaster in der Altstadt. Deren bauliches Erbe zu erhalten, fällt jedoch schwer: 90 Prozent der Wohnungen sind privat, mehr als zwei Drittel der Häuser unsaniert. Da fehlt es nicht nur an Geld für die Sanierung, es fehlt auch an Gesetzen, um Häuser mit mehreren Besitzern zu renovieren.

»Die Sowjets vertrieben die einheimische Bevölkerung und siedelten Russen und Ukrainer an. Die übernahmen zwar die Möbel ihrer Vorgänger, aber eben nicht deren Kultur.« So erklärt Bürgermeister Andrij Sadowyj, warum das ideelle Erbe schwerer zu pflegen ist als das bauliche.

Die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist neben der Unterstützung der Sanierungsarbeiten auch damit beschäftigt, die öffentliche Aufmerksamkeit für die Historie zu steigern, vor allem für die jüdische Geschichte. Es gibt in der Stadt eine armenisch-, eine römisch- und eine griechisch-katholische Kirche.

Synagogen Von den einst knapp 50 Synagogen sind jedoch nur drei in Resten erhalten. »Es gibt kaum einen öffentlichen Diskurs über das jüdische Erbe«, sagt Iris Gleichmann, Projektleiterin bei der GIZ. An den Schulen werde die jüdische Geschichte der Stadt nicht unterrichtet.

Doch gerade diese Geschichte hat das einstige Kronland Galizien mit seiner Hauptstadt Lemberg, das bis 1918 Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie war, geprägt. Jenes Galizien ist bis heute ein Mythos – einerseits ein vielgestaltiger Lebensraum, in dem Polen, Ukrainer, Juden und Österreicher mit ihren verschiedenen Religionen zusammenlebten, andererseits als Außenposten der Monarchie ein rückständiges, armes Grenzland. Wer nach Galizien reist, der müsse, schrieb Joseph Roth, nach den Resten dieser Kultur suchen. Der Schriftsteller stammte aus der Region.

Dass nach dem Zweiten Weltkrieg rund drei Viertel der Bevölkerung Lembergs quasi ausgetauscht waren, hinterlässt bis heute seine Spuren in der Stadt. »Alle, die mir in der Stadt fehlen, wurden ermordet, sind geflohen, haben es nicht ausgehalten oder wurden nicht geboren«, schreibt der ukrainische Publizist Juri Andruchowitsch. Der gegenseitige Hass, der sich nach dem Zerfall der Monarchie ausgebreitet hatte, habe sich dadurch verringert, dass nun vor allem Ukrainer in der Stadt lebten. Aber es hätten sich auch die Sprachen und die Kulturen verringert, so Andruchowitsch.

Für den Fußballer Marek Horban sind es gerade die Traditionen des vorsowjetischen Lembergs, die er mit seinem Verein pflegen will. Er schaut auf ein kleines, unscharfes Schwarz-Weiß-Foto aus der Anfangszeit des Vereins. Hinter den Fußballern und den Zuschauerrängen sieht man Menschen auf Bäumen sitzen. »Das sind Fans, die sich die Eintrittskarte nicht leisten konnten«, erklärt Horban. »Wir haben Leute aus allen Schichten angezogen.«

hOoligans Auch die damalige Bevölkerungsstruktur Lembergs prägte Pogon Lwów. Auf einer Clubversammlung in den 1920er-Jahren, als der Antisemitismus in der Stadt überhandnahm, kamen die Spieler zusammen und fassten den Beschluss, ihre jüdischen Kollegen nicht auszuschließen.

»Wer unser Trikot trägt, der tut das nicht nur für den Wettkampf«, sagt Horban, der heute noch stolz auf diesen Beschluss ist. »Er trägt es als Teil unserer Geschichte.« Heute versammelt der Verein Profi- und Freizeitsportler, Fußballer, Eishockeyspieler und Radfahrer, Polen und Ukrainer. Zur Jugendarbeit des Vereins gehören auch Stadtrallyes, bei denen Quizfragen zur Geschichte Lwiws gestellt werden.

Anders als Horban interessieren sich die wenigsten Fußballfans des Landes allerdings für die Geschichte der Ukraine und Polens, den beiden Gastgeberländern der Euro. Dabei nimmt das offizielle Motto der Euro auf die Geschichte Bezug: »Creating History together«.

Die Geschichtsvergessenheit hat Folgen: Zwischen September 2009 und März 2011 hat die polnische Organisation »Nigdy Wiecej« (deutsch: Nie wieder) rund 200 rassistische Zwischenfälle in polnischen und ukrainischen Fußballstadien gezählt. Antisemitische und rassistische Parolen sind in Polen hoffähig, und in der Ukraine wollen die nationalistischen Ultras keine Fans aus dem Ausland sehen. Spätestens, wenn am 8. Juni die Europameisterschaft beginnt, wird sich das – hoffentlich – nicht mehr durchhalten lassen.

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